Berlin

Katholiken waren im protestantischen Reich Untermieter

Für die heutige Bundesregierung  offenbar ohne Bedeutung, für die damaligen  Katholiken eine Herausforderung:  Vor 150 Jahren hebt Preußen den deutschen Nationalstaat aus der Taufe. Die antikatholische Politik Bismarcks führte zum Kulturkampf, aktivierte aber auch das Selbstbewusstsein der Katholiken als gesellschaftliche Kraft.

Kaiserproklamation im Spiegelsaal des Versailler Schlosses
Kaiserproklamation: Im Spiegelsaal des Versailler Schlosses wurde der preußische König Wilhelm I. als Deutscher Kaiser ausgerufen. Formal begann damit die Existenz des Deutschen Reiches als Nationalstaat. Die protestantische Konfession der Herrschaft wurde für Katholiken problema...

Eine Parade zieht durch die Hauptstadt. Uniformen, Kränze und fahnenschwenkendes Publikum dominieren die Straßen. Jedes Haus im Land, ob Stadtpalais oder Bauernhof schmückt die Nationalflagge. In einem Staatsakt gedenkt die Nation ihres hundertfünfzigjährigen Jubiläums. Ausstellungen stellen das Leben der Soldaten in den Einigungskriegen ins Zentrum. Kampfflugzeuge sprühen die Nationalfarben in den Himmel. So jedenfalls hat Italien 2011 seiner Einigung im Jahr 1861 gedacht. Trotz aller Grandezza: Es gab Streit über das Jubiläum. Aber Streit zeugt von Leben, zeugt von Gedächtnis und zeugt von Interesse.

Skurril, wie die Geschichte der Nation betrachtet wird

Gemessen daran ist die Gründung des Deutschen Reiches vor 150 Jahren zur toten und vergessenen Wegmarke verkommen. Die Bonner Republik hatte in ihren ersten Jahren um Anerkennung in der Welt gerungen, weil sie ihre Ansprüche davon ableitete, "teilidentisch" mit dem Deutschen Reich zu sein; sie übernahm damit sämtliche Rechte und Pflichten von diplomatischen Verträgen bis hin zur historischen Verantwortung. Die Berliner Republik hat dagegen in ihrer historischen Amnesie unbekanntes Terrain begangen. Die jahrelange Dämonisierung des Zweiten Reichs als Wegbereiter des Dritten trägt skurrile Früchte: Sie betont die Kontinuität von 1871 bis 1945, klammert aber die Gegensätze aus; indes betont sie die "Stunde Null" nach dem Zweiten Weltkrieg und übergeht die Verbindungen.

Der föderative Charakter der Bundesrepublik, ihre Rechtstradition, ihre sozialpolitischen Vorstellungen, aber auch der Hang zur Selbststilisierung als moralisch überlegene Entität   damals mit einem der Demokratie und Zarenherrschaft überlegenen "deutschen Sonderweg", heute in der Form einer Gewissensnation, die den USA die Hand für einen "demokratischen Marshallplan" reicht ist ohne das Kaiserreich nicht denkbar. Das Kaiserreich ist zugleich Wegbereiter des NS-Regimes, wie es auch Wegbereiter der Weimarer Republik und unserer gegenwärtigen Ordnung ist. Die Bundesregierung hat mit ihrer offenen Nichtbeachtung des Jubiläums mehr gesagt, als ihr lieb sein dürfte.

Oft wird die Geschichtspolitik der DDR wird übernommen

Immer mehr setzt sich im Bewusstsein von politischen wie medialen Entscheidungsträgern die Überzeugung durch, die Geburtsstunde des heutigen Staates sei gleichzusetzen mit der Ratifizierung des Grundgesetzes im Jahr 1949. Es ist eine Gedankenfigur, welche die Bundesrepublik nicht nur von ihren Wurzeln kappt, sondern sie antithetisch gegen die Vergangenheit aufbaut. Vertreter dieser These übernehmen wissentlich oder unwissentlich die Geschichtspolitik der DDR, die einen kompletten Untergang des Reiches propagierte, nicht zuletzt, um der Bundesrepublik ihre legitimatorischen Grundlagen abzusprechen. Dass selbst die Siegermächte den Fortbestand des Reiches von 1871 anerkannten, zeigt die bis heute bestehende, wenn auch obsolete Feindstaatenklausel der UN-Charta, die anderthalb Monate nach der bedingungslosen Kapitulation unterzeichnet wurde. Wo ein Feind, da ein Reich.

Ähnlich wie die Bundesrepublik kein Rechtsnachfolger des Reiches und schon gar nicht etwas "Neues" war, so hat der schon zeitgenössische Mythos der Reichsgründung den Mantel über die historischen Fakten gelegt: In Wirklichkeit war das Deutsche Reich nichts weiter als eine Reform und Umbenennung des Norddeutschen Bundes von 1867, der aus dem Bündnis Preußens mit den Kriegsgegnern Österreichs resultierte. Die Gründung des deutschen Nationalstaates ist damit rund vier Jahre älter als häufig angenommen. Dennoch legten die Fürsten Wert darauf, aus ideologischen Gründen von einer "Neugründung" zu sprechen die im Übrigen auch nicht am 18. Januar, sondern bereits am 1. Januar 1871 in Kraft trat. Dabei war es ein Anliegen, mit der "Kaiserproklamation" einen historischen Moment zu schaffen, der nachfolgenden Generationen nicht zuletzt durch das vom anwesenden Maler Anton von Werner geschaffene Gemälde als Höhepunkt deutscher Geschichte dienen sollte.

„Der Sieg über Frankreich, das unter Napoleon III.
Schutzmacht des Kirchenstaates gewesen war,
mutierte damit zugleich zum Sieg über Rom“

Die Ereignisse des 18. Januars warfen ihre Schatten auf die nachfolgenden Jahrzehnte voraus.  Da war die Inszenierung im Spiegelsaal von Versailles seiner überbordenden Möblierung zugunsten preußisch-puritanischer Kahlheit beraubt, in dem der eigentliche Feind Deutschlands, Ludwig XIV., seine "Raubzüge" gegen das Alte Reich in Deckengemälden festgehalten hatte; die Gründung des Reiches sollte in der Herzkammer des dekadent empfundenen "Erbfeindes" gefeiert, dem barocken Katholizismus ein klassisch protestantischer Charakter entgegengesetzt werden. Das Datum korrelierte mit der Königserhebung der Hohenzollern am 18. Januar 1701.

Der Gottesdienst vor der Proklamation war ein evangelischer, in dem der Hofprediger Bernhard Rogge das Ende einer dunklen Zeit verkündete und die deutsche Nation nicht zuletzt zu einer nationalprotestantischen Angelegenheit stilisierte: Gott habe die Hohenzoller zum "Werkzeug" erhoben, der Sieg über Frankreich, das unter Napoleon III. Schutzmacht des Kirchenstaates gewesen war, mutierte damit zugleich zum Sieg über Rom. Albert, Prinz von Sachsen, sprach als einer der wenigen von "einer taktlosen Rede voll preußischer Selbstvergötterung". Die Wettiner waren neben den bayerischen Wittelsbachern die einzige regierende Fürstendynastie katholischer Konfession im deutschen Nationalstaat, dessen Gesamtbevölkerung immerhin zu einem Drittel katholisch war.

Habsburger werden negativ dargestellt 

Gemäß der Selbstinszenierung war das "wiederhergestellte" Reich eines, das auf drei Fundamenten ruhte: das Haus Hohenzollern, der Staat Preußen, und die protestantische Konfession. Es stand damit im krassen Kontrast zum "Alten Reich" mit seinem habsburgischen, österreichischen und überwiegend katholischen Charakter. Die Geschichtsdeutung führte zu nicht wenigen Verrenkungen in der preußisch-nationalen Geschichtsschreibung, die das gesamte post-staufische Reich zum schwachen Flickenteppich deklarierte und die Einigung Deutschlands durch Preußen als Endpunkt betrachtete inklusive Desavouierung des habsburgischen Kaisertums, oder die Hofierung des "alten Fritz" und Luthers als Heroen, die insbesondere der west- und süddeutschen Bevölkerung fremd blieben.

Die deutschen Katholiken waren grundsätzlich großdeutsch gesinnt. Doch mit der Niederlage Österreichs gegen Preußen im Krieg von 1866 wurde nicht nur die Rolle Habsburgs, sondern auch gleich der ganze lose Deutsche Bund mitentsorgt. Seine Bedeutung war nunmehr die einer überwundenen Antithese wie das Alte Reich war auch der Bund maßgeblich von Österreich beeinflusst und wurde als unreformierbarer Anachronismus abgetan.

Das protestantische Preußentum politisiert die Katholiken

"Ein Deutschland ohne Österreich und ohne das Kaiserhaus ist nicht mehr Deutschland", klagte der Mainzer "Arbeiterbischof" Wilhelm Emmanuel von Ketteler nach dem Ende des Deutschen Bundes. Es ist aber zugleich Ketteler, an dem die katholische Wende deutlich wird, wenn er sich zugleich mit den Realitäten abfindet: Eine Wiedergewinnung der Stellung Österreichs sei ohne neuen Krieg nicht möglich, die nächstbeste Lösung sei ein Preußendeutschland. Wunschträumer setzten dagegen "ihr Vaterland größter Gefahr aus". Der politische Katholizismus, an dessen Entstehung Ketteler entscheidenden Anteil hatte zusammen mit Ludwig Windthorst einer der wichtigsten Köpfe der entstehenden Zentrumspartei, war zwar nur eine Facette der katholischen Integration in das Zweite Reich, aber vermutlich die offensichtlichste.

Paradoxerweise sollte der Kulturkampf die katholische Integration befördern. Die vom Reichskanzler Bismarck verbrämten "Reichsfeinde" schweißte die Defensive so zusammen, dass das Zentrum zur einzigen echten Volkspartei des Deutschen Reiches wurde: sie vertrat keine Klientel, sondern alle durch den Glauben geeinten Schichten, ob Arbeiter, Soldaten oder Unternehmer. Die Erfolge bei den Reichstagswahlen machten das Zentrum stark nicht trotz, sondern wegen Schikanen wie dem bereits 1871 eingeführten Kanzelparagrafen. Der politische Katholizismus wurde damit zu einer Kraft, an der auch Bismarck nicht vorbeikam. Die Vorwürfe von patriotischer Untreue und geistiger Rückständigkeit führte andererseits zum Reflex, die Reichspolitik in vielen Belangen zu unterstützen und konstruktiv mitzugestalten, um das Gegenteil zu beweisen etwa bei Bismarcks Sozial- und Wirtschaftspolitik oder dem "Burgfrieden" im Ersten Weltkrieg.

Der Staat wird zur Identifikationsfigur

Obwohl die Katholiken "Untermieter" eines protestantischen Hauses blieben, sorgte nicht zuletzt diese Teilhabe zu einem modus vivendi. Wie sehr die deutschen Katholiken sich mit dem neuen Staat identifizierten, zeigte sich nach dem Ersten Weltkrieg, als der Separatismus im Rheinland eher Randnotiz denn Bedrohung blieb, anders als 1815, als die katholischen Rheinländer nur unter Vorbehalt "Musspreußen" geworden waren. Die Treue zur Monarchie war auch in Weimar so stark ausgeprägt, dass die Republik nur als geringeres Übel galt.

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