Dublin

Jonathan Swift: Phantasien eines irischen Geistlichen

Jonathan Swift
Bewahrte arme Familien vor dem verhungern: Jonathan Swift. Foto: Jervas

Jeder kennt „Gullivers Reisen“, die Abenteuer des Lemuel Gulliver. Aber die verbreiteten Kinder- und Jugendausgaben beschränken sich meist auf Gullivers Aufenthalt im Zwergenland Lilliput und im Land der Riesen.

Sicher sind diese kontrastreichen Reisen besonders reizvoll. In Lilliput erscheint Gulliver den Einwohnern zunächst als monströse Bedrohung, doch ihnen ist auch klar, dass der „Menschenberg“ im Kriegsfall nützlich sein kann (und als im Kaiserpalast ein Brand ausbricht, betätigt er sich als Feuerlöscher – dass er dafür öffentlich uriniert, rechnet man ihm danach allerdings übel an). Im Riesenland Brobdingnag kehrt sich die Perspektive um: Hier wird Gulliver zum putzigen Spielding.

Aber es gibt eben noch die dritte Reise mit den Stationen Laputa (eine fliegende Insel mit weltentrückten Mathematikern), Balnibarbi (dort gibt es eine Akademie, die sich mit sinnlosen Projekten beschäftigt), Glubbdubdrib (wo Gulliver sich von Magiern die Geister illustrer Toter heraufbeschwören lässt und im Gespräch mit diesen manches erfährt, was die Geschichtsbücher verschweigen), Luggnagg (wo es Menschen gibt, die unsterblich sind, aber nichts davon haben, da sie dennoch permanent altern) und Japan. Anlässlich der vierten Reise ins Land der Houyhnhnms steigert sich die Satire fast zur Menschenverachtung. Die Houyhnhnms sind ein edles und intelligenzbegabtes Pferdevolk. Ihr negativer Gegenpart sind die Yahoos, triebhafte menschenähnliche Geschöpfe. Der Topos der menschlichen Überlegenheit über die vernunftlose Kreatur wird hier auf den Kopf gestellt.

Das Pfarramt sicherte Swift gesellschaftlichen Aufstieg

Obwohl Swift in diesem 1726 erschienenen Buch indirekt auch Zeitgenossen aufs Korn nimmt, gilt dafür, was er über sein gesamtes Werk sagte: „In all meinen Schriften habe ich stets das große Ziel vor Augen gehabt, sie nicht bloß auf bestimmte Anlässe und Umstände auszurichten mit Berücksichtigung von Ort, Zeit oder Person, sondern sie in Hinsicht auf die Natur als Ganzes und die Menschheit im Allgemeinen abzufassen.“ Damit macht sich der am 30. November 1667 in Dublin als Sohn eines verschuldeten englischen Juristen geborene Swift schon zu Lebzeiten einen Namen. Als Beruf wählt Swift 1695 das anglikanische Pfarramt, kaum aus geistlichen Gründen, sondern weil es der sicherste Weg zum gesellschaftlichen Aufstieg ist.

Die Hoffnung auf einen einträglichen Bischofssitz erfüllt sich zwar nie, aber immerhin bringt er es zum Dechant der St. Patrick-Kathedrale in Dublin, und das reicht für Pferde und zwei Landhäuser. Mit Swifts geistlichem Beruf in Verbindung steht ein weiteres berühmtes Werk. Das 1704 erschienene „Tonnenmärchen“, eine Satire auf den christlichen Konfessionsstreit. Peter, Jack und Martin sind Drillinge, denen ihr Vater drei Röcke vermacht. Obwohl er ihnen die Auflage macht, nichts daran zu verändern, halten sie sich nicht daran. Peter (die katholische Kirche) neigt zu Firlefanz, Jack (der Puritanismus) ist ein ungehobelter Geselle, Martin (die anglikanische High Church) kommt dagegen bei Swift glimpflich davon.

„... die unterdrückten (katholischen) Iren,
die er ein ‚Volk von Spitzbuben und Sklaven‘“

Dass Swift den größten Teil seines Lebens (wenn auch ungern) in Irland verbrachte, ist für sein drittes großes Meisterwerk verantwortlich. Sein „Bescheidener Vorschlag: Um zu verhindern, dass die Kinder der Armen ihren Eltern oder dem Staat zur Last fallen, und um sie nutzbringend für die Allgemeinheit zu verwenden“ (1729), eine Satire vor dem Hintergrund der desaströsen sozialen Zustände auf der Insel. Scheinbar ernsthaft schlägt er darin vor, irische Babys zu schlachten und ihr Fleisch nach London zu exportieren.

Dabei nennt er auch die Großgrundbesitzer als Mitverursacher der Armutskrise: „Ich gebe zu, dass diese Speise etwas teurer wird, und eben deshalb ist sie für Grundbesitzer besonders geeignet; denn da sie bereits die meisten Eltern verschlungen haben, steht ihnen gewiss auch das erste Anrecht auf die Kinder zu.“ Nein, Swift hat keine Sympathien für die unterdrückten (katholischen) Iren, die er ein „Volk von Spitzbuben und Sklaven“ nennt. Doch die englische Ausbeutungspolitik, die Irland systematisch in ein Armenhaus verwandelt, betrachtet er zeitlebens mit Abscheu. 1737 rettet er durch zinslose Kredite über zweihundert Handwerkerfamilien vor dem Verhungern, und er tut das, ohne sie nach ihrer Religion oder politischen Gesinnung zu befragen.

Swifts Privatleben ist kompliziert

Ein glücklicher Mensch ist Swift nicht. Er leidet seit Jugendtagen an der „Ménierschen Krankheit“, einer noch heute kaum therapierbaren Innenohrerkrankung. Ohrensausen, Drehschwindel, Erbrechen, Gedächtnisschwäche und Verdauungsstörungen machen ihm zeitlebens immer wieder zu schaffen. Sein Privatleben ist nicht ausschweifend, aber dennoch kompliziert. Da gibt es sein enges, aber rätselhaftes Verhältnis zu der ihm seit den 1690ern bekannten Esther Johnson („Stella“), von der bis heute das Gerücht geht, Swift habe sie heimlich geheiratet.

Und es gibt gut sechzehn Jahre parallel dazu Esther Vanhomrigh („Vanessa“), die er 1707 kennenlernt; aus dieser Beziehung resultieren leidenschaftliche Briefe und vielleicht – aber auch das ist nur ein Gerücht – ein unehelicher Sohn. 1723 bricht Swift mit Vanessa, weil sie sich in seine Beziehung zu Stella einmischen will. Vanessa verstirbt noch im selben Jahr; 1728 folgt ihr Stella. Der alternde Swift zieht sich danach aus der Gesellschaft zunehmend zurück. Die letzten drei Jahre bis zu seinem Tod am 19. Oktober 1745 verbringt er in völliger geistiger Umnachtung, ausgelöst durch eine Hirnerkrankung. In seinem Testament stiftet der Schöpfer unsterblicher Satiren ein Irrenhospital.

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