Berlin

Ist Freiheit im Labor messbar?

Das Gehirn als handelnder Akteur: Benjamin Libet hat mit neuronalen Experimenten die Willensfreiheit bestritten.

Weltbild durch Unterrichtung
Bei der Bestreitung der Willensfreiheit geht der Physiologe Benjamin Libet von einem mechanistischen Weltbild aus, in dem allein das Gehirn für Handlungen verantwortlich ist. Determinismus ist die Folge dieser Sicht. Foto: Adobe Stock

Zu den folgenreichsten Auswüchsen des Naturalismus gehört die Bestreitung der Willensfreiheit. Hat man nur noch naturale Gründe des Denkens und Handelns, kann es für Freiheit keinen Platz mehr geben. Bereits Thomas von Aquin hatte dieser Auffassung widersprochen: „Und darum ist es notwendig, dass der freie Mensch Entscheidungen hat, eben weil er vernünftig ist.“ („De Malo“) Vernunft aber kennt der Naturalist nicht, er kennt nur den Determinismus als Naturbestimmtheit, nicht aber Bestimmtheit durch Freiheit.

Neben dem klassischen philosophischen Empirismus eines Locke oder Hume ist die moderne Neurologie ein besonderer Fall. Denn Neurologen gehen davon aus, dass das Denken und Handeln ein Gehirnprodukt ist, woraus sich auch eine entsprechend andere Vorstellung von der Realität ergibt. Eine Erfindung des 20. Jahrhunderts ist aber auch das nicht. Bereits Schopenhauer schrieb in „Die Welt als Wille und Vorstellung“ (1844), dass die Welt „doch nur ein Gehirnphänomen und mit so großen, vielen und verschiedenen subjektiven Bedingungen behaftet sei, dass die erwähnte absolute Realität verschwindet.“ Doch hatte Schopenhauer, als er die Welt als eine „Gehirnfunktion“ bezeichnet hatte, noch keine Messungen im Sinne. Für ihn waren die Traumwelten und die objektive Wirklichkeit „aus einer Form gegossen“, eben aus dem Gehirn. Um die Wirklichkeit als Gehirnphänomen zu beweisen, rückt man dem Menschen nun mit hochempfindlichen Geräten zu Leibe.

Das Buch löste erhebliche Diskussionen aus

Der 1916 geborene Benjamin Libet, emeritierter Professor für Physiologie an der Universität von Kalifornien in San Francisco und am Zentrum für Neurowissenschaften in Davis in Kalifornien, stellt in seinem Buch „Mind Time – Wie das Gehirn Bewusstsein produziert“ (2004) Versuche auf dem Gebiet der Bewusstseinsforschung dar. Das Buch hat erhebliche Diskussionen ausgelöst und kann als signifikant dafür gelten, wie mit naturwissenschaftlichen Versuchsanordnungen die Freiheit des Willens bestritten wurde. Ja am Ende seines Werks nimmt Libet sogar zur Seele und dem Leben nach dem Tod Stellung.

Libet spricht bei seinen Experimenten von Versuchsanordnungen. Dass das Ergebnis von Messungen aber grundsätzlich von der Versuchsanordnung abhängt, stört ihn nicht. Auch nicht, dass durch diesen Relativismus der Versuchsanordnungen niemals Freiheit als Ergebnis herauskommen kann. Denn Freiheit ist nicht messbar, vielmehr ist sie der ursprüngliche Grund des Denkens und Handelns, der Messungen selbst erst möglich sein lässt.Würde dieser Grund des Denkens und Handelns innerhalb des Naturzuammenhangs existieren, wäre nur Naturdeterminismus möglich, weil es dann ja nur Naturzusammenhänge gäbe. Ist also die Vorgehensweise Libets nicht schon im Ansatz zum Scheitern verurteilt, weil er durch seine naturwissenschaftliche Herangehensweise die Frage nach der Freiheit unmöglich macht?

Auf der Suche nach dem Bestimmungsgrund des Handelns

Ethik und Recht kommen darin überein, dass Freiheit als selbstursprünglich verstanden wird. Heißt, dass im Handelnden selbst ein Ursprung einer Reihe von Handlungen angenommen wird, die ihm dann als Verantwortlichem zugerechnet werden. Dabei hat es den philosophischen Theorien genügt zu zeigen, dass man sich durch Freiheit bestimmen lassen kann und dabei doch bruchlos Teil der Natur ist. Denn äußerlich sieht man einem Handelnden seine Freiheit nicht an. Seine Muskeln und Sehnen, sein Körper bewegt sich gänzlich als Natur, ohne dass hier die geringste Unterbrechung im Naturdeterminismus festzustellen wäre. Da ist auch nirgendwo ein Übergang von einem unsichtbaren Geist, der die Natur bewegt, zu entdecken, vielmehr geht es um den Bestimmungsgrund zum Handeln. Ist er material, also selbst wieder nur durch die Sinne bedingte Neigung, also Natur, oder ist der Bestimmungsgrund allgemeingültig, den man im ethischen Handeln von jedem fordern könnte? Kann also der Bestimmungsgrund in ethisch relevanten Handlungen jederzeit für jeden als Handlungsgesetz taugen?

Hier ist sofort ersichtlich, dass solch ein allgemeingültiger Bestimmungsgrund des Handelns niemals Thema einer neuronalen Untersuchung sein kann. Denn allgemein Gültiges ist nicht messbar. Und tatsächlich kommt dieses Thema bei Libet nicht vor, was bei seinen Versuchsanordnungen auch gar nicht möglich ist.

Der Versuch misst nur Zeit

Wie gesagt, die Versuchsanordnung entscheidet immer über das Ergebnis. Bei Libet besteht diese Anordnung darin, dass der Bezug zum „bewussten freien Willen“ in Beziehung zur Gehirnaktivität gesetzt wird: „Die untersuchte Handlung war ein plötzliches Krümmen oder Beugen des Handgelenks oder der Finger“, schreibt Libet. „Unsere Definition einer Willenshandlung enthielt folgende Merkmale: Die Handlung entstand auf endogene Weise. Es gab also keine äußeren Hinweisreize für den Vollzug der Handlung; und vor allem hatte die Versuchsperson den Eindruck, dass sie für die Handlung verantwortlich war, und sie hatte auch das Gefühl, dass sie es in der Hand hatte, wann sie handelte und ob sie überhaupt handeln sollte oder nicht.“ Entscheidend für Libet war, dass der Beginn der Gehirnaktivität mindestens 800 Millisekunden vor der bewussten Willenshandlung einsetzt. Das Gehirn sei also schneller als das Bewusstwerden der Handlung. Neben der Hirn- und Muskelaktivität sollte auch der Augenblick der bewussten Entscheidung zum Handeln gemessen werden. Dabei stellte sich heraus, dass die Motorik schneller als die willentliche bewusste Entscheidung war. Für Libet war damit erwiesen, dass Freiheit und verantwortliches Handeln auszuschließen seien – wir sind durch Natur determiniert.

Auch Wahlfreiheit erklärt Freiheit nicht

Problematisch ist aber das empirische Experiment als solches. Nicht nur, dass das Krümmen eines Fingers oder das Beugen eines Handgelenks etwa zum Drücken eines Knopfes als punktuelle Entscheidung nicht dem entspricht, was normalerweise unter einer freien Handlung zu verstehen ist. Ein Experiment mit seiner Versuchsanordnung zwischen Ursache und Wirkung kann auch schwerlich zu einer Erklärung von Freiheit führen. Denn Freiheit ist etwas ganz anderes. Ein Lügner lügt sicher nicht, weil sein Gehirn oder ein anderes Teil seiner Natur ihn dazu nötigt. Auch nicht, weil ihn eine subjektive Neigung dazu nötigt – vielmehr setzt er als Lügner das Bewusstsein dessen voraus, dass er nicht lügen darf. Um das zu verstehen, hilft die Naturwissenschaft nicht weiter, sondern da ist die Struktur von Vernunftwesen gefragt, wie schon Thomas wusste. Denn die Frage ist, ob Vernunft für sich bestimmend sein kann oder nur die Natur. Ob also nur der Inhalt des Willens mit seinen Neigungen und Zwecken das Handeln bestimmen kann oder die (vernunftgemäße) Form des Willens und damit die Verallgemeinerungsfähigkeit des nun freien Willens.

Und genau Letzteres, das was man sich angewöhnt hat das Sittengesetz zu nennen – es ist wie eine allgemeine Gesetzgebung –, muss der Lügner vor-aussetzen, wenn er lügt. Der Lügner demonstriert mit seiner Lüge als Zurückbleiben hinter der höchsten Möglichkeit (Thomas) die Gültigkeit des Sittengesetzes, die darin besteht zu zeigen, dass das Lügen nicht verallgemeinerungsfähig und damit nicht in diesem Sinne vernunftgemäß und damit frei ist. Diese Frage stellt Libet aber an keiner Stelle, nämlich welche Struktur Freiheit überhaupt haben müsste. Wenn aber, anders als Libet meint, verallgemeinerungsfähiges Handeln (alle sollen nicht lügen) möglich ist, dann ist das genau die gesuchte Selbstbestimmung durch das Freiheit garantierende Sittengesetz und damit Unabhängigkeit von naturalen Bestimmungen. Im Experiment lässt sich das natürlich nicht zeigen, weil es beid er Verallgemeinerung um eine Frage des Prinzips geht, wie nämlich Freiheit denkbar ist – und wenn sie es ist, dann kann sie auch im Konkreten verwirklicht werden.

„Das größte Geschenk der Menschheit ist die freie Wahl.“

Doch Libets Auffassung vom Determinismus hat Konsequenzen. Von Religion hält er offenbar wenig, er verurteilt die Religion wegen zu hoher moralischer Forderungen und hält sie für ein System: „Deshalb würde ein religiöses System, das eine Person heftig dafür tadelt, dass sie eine mentale Absicht oder den Impuls hatte, etwas Inakzeptables zu tun, auch wenn diesem Drang nicht nachgegeben wird, eine physiologisch unerreichbare Moral einfordern und eine psychologische Schwierigkeit erzeugen.“ Auch beim Thema Seele hat Libet ein Problem. Denn er ist der Auffassung, dass das „Selbst und die Seele emergente Phänomene der Gehirnaktivität sind“, also im Sinne der Eigenschaften der Gehirnfunktionen nach Schopenhauer: die Seele kann bei Libet „durch ausgedehnte neuronale Schäden zerstört werden“, wie bei Alzheimer. Diese wiederum bloß naturalistische Auffassung von der Seele hat jedoch nichts zu tun etwa mit der in forma corporis-Lehre von Thomas von Aquin, wonach die Seele durch Gott in den Körper eingeht. Gegen das Leben nach dem Tod hat Libet nichts einzuwenden – diese Auffassung komme jedoch nicht über „metaphysische Überzeugungen“ hinaus.

Trotz der Kritik ist Libets These noch weit verbreitet

Libet kann mit seinem empirischen Ansatz im Hinblick auf die Möglichkeit der Willensfreiheit nicht überzeugen. Zwar sagt er auch, er habe nichts gegen Willensfreiheit, weil wir uns dann nicht durch Maschinen verstehen müssten. Als Beleg für seine Meinung zitiert er dann jedoch den polnisch-amerikanischen Schriftsteller Bashevis Singer: „Das größte Geschenk der Menschheit ist die freie Wahl.“ Wahlfreiheit sagt aber wiederum nichts über Bestimmungsgründe der Freiheitund erklärt diese nicht; sie sagt eher etwas darüber, wie schon Kant meinte, dass ein Bratenwender den Spieß rechts oder links herum drehen kann.

Auch wenn Libet später kritisiert wurde, so ist seine Grundauffassung von der Begrenzung der Freiheit durch das Gehirn weit verbreitet: Willensfreiheit wird zuweilen noch immer bestritten, nicht zuletzt vom Hirnforscher Wolf Singer bis zu dem Historiker Yuval Noah Harari.


Von Benjamin Libet ist erschienen: Mind Time: Wie das Gehirn Bewusstsein produziert. Suhrkamp Verlag 2005, ISBN-13: 978-351858-427-9, im Onlinehandel

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