Priester in der Literatur

Ist der Eros böse und die Jungfräulichkeit prüde?

Priester im Blick der Schriftsteller: Eine Tagung der Hochschule Heiligenkreuz versuchte, sich dem vielfältigen und komplexen Thema von Seiten der Literatur zu nähern.

Szenenbild
Ein Superheld war er nicht. Die Hauptfigur in Bernanos' Roman „Tagebuch eines Landpfarrers“ war ein Grübler, dem es nicht gelang, anderen seine Sicht des Glaubens nahe zu bringen. Hier eine Szene aus dem gleichnamigen Film von Robert Bresson (1951). Foto: IN

Jungfräulichkeit steht nicht am Anfang eines Lebens, sondern am Ende.“ Mit diesem herausforderndem und geheimnisvollen Zitat des Priesters und Religionsphilosophen Romano Guardini eröffnete die Philosophin Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz die Literaturtagung im Kaisersaal des Stifts Heiligenkreuz bei Wien. An dem vergangenen Wochenende reichten sich Literatur, Philosophie und Theologie die Hände, um über einen brisanten wie kontroversen Gegenstand zu reflektieren: Eros und Jungfräulichkeit.

Es sei ein Thema, das in unserer bedrängten Zeit prophetischen Charakter hätte, sagte der Abt Maximilian Heim in seiner Ansprache treffend. „Denn beide – Eros und Jungfräulichkeit – werden heute nicht mehr verstanden“, fügte er hinzu. In der Tat: Während der Eros auf Sexualität und das körperliche Begehren reduziert werden, bringe man Jungfräulichkeit oft mit Adjektiven wie „prüde“ oder „leidenschaftslos“ in Verbindung. Ist dem wirklich so? Der Rektor der Hochschule Heiligenkreuz, Pater Wolfgang Buchmüller, klärte in seiner Rede auf: Schon die griechischen Philosophen hätten gelehrt, dass der Eros, um zu einer wahren Liebe heranzureifen, der Reinigung, des Verzichts und der Ordnung bedürfe.

Der Renouveau catholique sah im Eros Dämonisches

Ein jungfräuliches Leben wiederum könne nicht bestehen ohne eine „Verwundung der Liebe“, sprich ohne Eros. Der glühende Liebhaber Gottes, Bernhard von Clairvaux, habe sich in den letzten 18 Jahren seines Lebens fast ausschließlich dem Hohelied der Liebe gewidmet. In diesen Worten, die auch die erotische Liebe zwischen Mann und Frau beschrieben, sehe der Zisterzienser ein Abbild der Liebe Gottes zu dem Einzelnen. Alle Liebe stehe daher in der Spannung zwischen Eros und Caritas. Im Zusammenspiel von Theologie und Literatur versuchte die offene Tagung des EUPHrat-Instituts der Hochschule Heiligenkreuz das Spannungsfeld zwischen Eros und Jungfräulichkeit denkerisch zu durchdringen.

Wie schon bei der ersten Tagung 2019 dieser Art, spielten auch dieses Mal Autoren und Texte der literarischen Erneuerungsbewegung des Renouveau catholique eine besondere Rolle. Dies ist nicht verwunderlich, ist es den beiden Leiterinnen der Veranstaltung, Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz sowie der Germanistin Gudrun Trausmuth ein Anliegen, diese zu unrecht vergessenen Autoren wieder bekannt zu machen. Daher legten sie einige bereits vergriffene Werke von Schriftstellern dieser literarischen Strömung in der Buchreihe „Kleine Bibliothek des Abendlandes“ (B&B-Verlag Heiligenkreuz) neu auf.

„Die Katholiken wollten einen Gegenentwurf
zur französischen Gesellschaft entwickeln“

Die Autoren des Renouveau catholique maßen dem Kampf um Reinheit einen hohen Wert bei, wie der Theologe und Journalist Veit Neumann referierte. Das komme daher, dass sie sich das Streben nach Heiligkeit, das sich in der Ablehnung jeder Mittelmäßigkeit äußerte, groß auf die Fahne schrieben. Der Eros sei für François Mauriac, Georges Bernanos und Paul Claudel, um einige Vertreter zu nennen, ein Dämon, etwas Problematisches, Heidnisches. Dieser negative Blick ließe sich aus den Anliegen der Strömung erklären, führte Neumann aus: Die Katholiken wollten einen Gegenentwurf zur französischen Gesellschaft entwickeln und lehnten – nachdem sie teils radikale Bekehrungen erlebt hatten – Dekadenz zutiefst ab.

Wie der Theologe Neumann ausführte, sagten sie dem Eros den Kampf an und zielten auf seine Verwandlung ab. Vorbild und Symbol sei ihnen die heilige Johanna von Orleans gewesen.

Im Anschluss stellte der Augustiner Chorherr Nicolaus Buhlmann Werke von Renouveau catholique-Autoren vor, deren Protagonisten Priester sind. Buhlmann betonte, dass diese Priesterromane nicht um sexuellen Missbrauch kreisten, um gelebte oder unterdrückte Sexualität; Themen, die wohl heute Gegenstand eines Priesterroman wären. Georges Bernanos, Joseph Bernhart oder Graham Green behandeln das Seelenleben ihrer Hauptcharaktere.

Priester in Romanen waren keine Superhelden

In Auseinandersetzung mit den Werken stellte Buhlmann die Frage, woran der Diener Gottes sein Herz hänge und analysierte die gegenwärtige Situation von Priestern und unterstrich, dass heute sehr hohe Erwartungen an Priester gestellt würden. Oft werde davon ausgegangen, dass sie frei von jeglicher Versuchung wären.

Die Priester der Romane seien keine strahlenden, erfolgreichen Superhelden. Der Protagonist von Bernanos „Tagebuch eines Landpfarrers“ sei ein Grübler mit reichem Innenleben, der unter der Mittelmäßigkeit seiner Pfarre leide. Sein Leben ist ein Kampf um seine geliebte Pfarre, die, trotz seiner Bemühungen und Missionsversuchen lieber im Status quo verweilt. Trotz Leiden und Scheitern stirbt der Pfarrer in der Gewissheit, dass letztendlich alles Gnade war. Der Priester in Graham Greenes Roman „Die Kraft und die Herrlichkeit“, der später auch in Gudrun Trausmuths Vortrag unter die Lupe genommen wurde, hat ein Alkoholproblem und zeugt im Suff sogar ein Kind.

Eros als „gewalttätiges Element“

Eine Autorin, die Gerl-Falkovitz als ihre „große Liebe“ bezeichnet, verfasste ein Werk über Einsamkeit und Ehelosigkeit, sowie eine Verteidigungsschrift der Ehe. Die Rede ist von Ida Friederike Görres (1901–1971). Die Teilnehmerin der Würzburger Synode (1971–1975) kenne beides sehr gut, strebte sie doch zuerst ein jungfräuliches Leben bei den Englischen Fräulein an, entschied sich dann jedoch für die Ehe und heiratete mit 34. Obwohl Görres eine „erotische Begabung“ innewohnte, so Gerl-Falkovitz – sie hatte vorwiegend Freundschaften zu Männern und verliebte sich oft – betonte sie die Wichtigkeit der Ehe, um dem Eros eine Fassung zu geben. Gleichzeitig dämonisiere sie ihn nicht, mache vielmehr auf seine Stärke aufmerksam. „Nicht grundlos reden die Dichter von Blitz, Überfall, Springflut, Fieber, Rausch und Wahn, von Eros als dem überschwemmenden, gewalttätigen Element“, zitierte Gerl-Falkovitz Görres. Zu Görres Stärken zähle, dass der Ton ihrer Werke zugleich leidenschaftlich, wie auch diszipliniert und von großem Realismus gekennzeichnet sei. Ihre Verteidigungsschrift „Was Ehe auf immer bindet“, sei ein Plädoyer auf die Unauflöslichkeit der Ehe.

Zugleich sei es ein Werk gegen überzogene Erwartungen in der Ehe und gegen ein halbherziges Ja-sagen. Es seien keine seichten Ratgeber mit modernen Checklisten. Lösungen, beispielsweise bei ungewollter Einsamkeit, könne man nur durch das Gespräch und den Streit mit Gott finden und in dem „Überraschtsein“ seiner Führung.

Herausfordernde Lektüre für alle

Zu Beginn grundiert und motiviert wurde diese inhaltlich reiche Literaturtagung durch einen Vortrag Kurt Appels über die intertextuellen Bezüge des Hoheliedes, er ist Fundamentaltheologe an der Universität Wien. Besonders berührten viele Teilnehmer auch Pater Kosmas Thielemanns Erläuterungen über Thomas Mertons Weg der Liebe. Gleichermaßen herausfordernd wie eine Lektüre nahelegend war der Schlussvortrag von Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz über den Josephsroman von Thomas Mann. Wer die Vorträge lesen möchte, findet diese demnächst im „Ambo“ 2021, dem Jahrbuch der Hochschule Heiligenkreuz, in gedruckter Form.

In ihrem Schlusswort kam Gerl-Falkovitz wieder auf das rätselhafte Guardini-Zitat des Anfangs zurück. Sie gibt den Hinweis, dass damit nicht die biologische Jungfräulichkeit gemeint sei. „Keine Zustimmung?“, fragt die Philosophin schmunzelnd ins Publikum. „Denken Sie darüber nach.“

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Hier kostenlos erhalten!