Berlin

"Ich will eine Gerichtsbarkeit haben, die wirklich straft"

Zusammen mit dem Autor Heiko Michael Hartmann hat die mehrfach ausgezeichnete Schriftstellerin Sybille Lewitscharoff  aktuell das Buch "Warten auf" veröffentlicht, in dem es um  Gericht und Erlösung geht. Im "Tagespost"-Interview erläutert Lewitscharoff, warum sie das Jenseits nicht loslässt .

Sibylle Lewitscharoff
Sibylle Lewitscharoff (Archivbild) spricht im Tagespost- Interview über Jenseitsvorstellungen. Foto: imago stock&people

Frau Lewitscharoff, Ihr neues Buch handelt von einem poetischen Streit im Jenseits. Gibt es Fragen, die wir im Diesseits nicht zu erörtern wagen? 

Das glaube ich nicht; da wir gar nicht wissen können, was wir im Jenseits gefragt werden. Ich stelle mir das Jenseits von einer anderen Art von Weisheit durchdrungen vor, die eine andere Art des Fragens im Gepäck führen müsste. Wir fragen doch sehr äußerlich, nicht sehr nuancenreich. Die Ambivalenzen stelle ich mir in einem jenseitigen Gespräch anders vor. Wenn es einen Gott gibt, dann muss es da auch eine Weisheit geben, eine ganz andere, als wir Menschen sie uns vorstellen können. Auch das Selbstbild muss zerstört werden zugunsten eines anderen. Selbst ein relativ ehrenwerter Mensch hat nicht die Einsicht in das, was er je in seinem Denken und Handeln tat. Wir agieren von einem Kokon aus, sonst wären wir zu gehemmt. Wir können aber nicht als Dauergehemmte durch die Gegend laufen. Höhere Weisheit stelle ich mir so vor, dass sie eine fundamental andere Form von Introspektion, das Durchleuchten der Persönlichkeit von außen vornimmt.

Ars moriendi oder Thanatologie? Neigen Sie mehr der Kunst des Sterbens oder der Wissenschaft vom Sterben zu? 

Beides, das wäre mein Ideal. Das sollte sich durchwirken. Die Wissenschaft ermöglicht uns den Vergleich der Todesarten. Wir wollen erfahren, wie diejenigen gestorben sind, denen wir den Tod gewünscht haben. (lächelt verschmitzt) Die Kunst des Sterbens war immer mit Lebensweisheit gespickt, ist aber leider in Verruf geraten und wird zu wenig angewandt. Sie bedeutet, dass das erfüllte Leben so zu Ende geht, dass nicht überall noch die Schreckgespenster der erlittenen oder zugefügten Grausamkeiten hervorlugen. Das wäre die Gelassenheit des Sterbens. Dass man sich darein fügen kann.

Noch bei Montaigne hieß es "Philosophieren heißt sterben lernen". Wann haben wir das Sterben verlernt? 

Das ist schon länger her. Für Menschen, die Weltkriegserfahrungen hatten, war das anders. Die sind gestorben wie die Fliegen. Abgesehen vom 19. Jahrhundert war Europa ja  mon Dieu! von Kriegen und schaurigen Krankheiten geplagt. Der mittelalterliche Totentanz ist nicht umsonst sehr präsent in Kirchen. Die philosophischen Lehren sind auch Toderwartungslehren im Sinne von: Wie meistert man das Schwierigste? Die Kirchenlehrer beschäftigten sich ohnehin mit dieser heiklen Materie. Die Dreiteilung in Himmel, Hölle und Purgatorium finde ich wunderbar, das ist die beste Erfindung, die die Kirche je hervorgebracht hat. Der Dreiklang hat etwas Beruhigendes; die Doppelform wäre eine unmenschliche Form von Entscheidungsrichtlinie, zu scharf.

„Fad darf ’s ja auch nicht werden!“

Im "Aufstieg der Seligen" von Hieronymus Bosch wird Transzendenz durch Licht und schwebende Körper verbildlicht. Wie gefällt Ihnen diese Idee? 

Ein heller Schein, kein gleißendes Licht, keine Blendlaterne, das ist schön. Es ist ja gedacht als Licht der Erleuchtung. Auch die religiöse Inbrunst kam nicht ohne Helligkeit aus. Es ist der Versuch, Körper und Geist in etwas Lichteres zu überführen. Die Phantasmen, die sich darum ranken, sind im Grunde lichtdurchtränkt und nicht schwarz. Bei Dante ist die Lichtmetaphorik gewaltig: Funkelwesen erscheinen, im Empyreum ranken sich Lichtkränze umeinander, es gibt die Schwirrnis der Engel   eine tolle Idee! 

Ist es der Verlust des Leibes, der uns schreckt, oder die neue Verbindung von Leib und Seele? 

Dass die Körperatome nach dem Tod verschieden sind, ist nicht erschreckend. Viele Menschen sind ja mit einer Hässlichkeit geschlagen, und selbst ein schöner Mensch kann von Furien gehetzt sein. Das Unglück, in einem schrecklichen Körpergehäus eingesperrt zu sein, haben sehr viele von uns. Im Jenseits stelle ich mir eine andersgeartete geistig-körperliche und zugleich leuchtende Schönheit vor. Ich hoffe auf eine Neuverbindung des Leibes, auf den alten bin ich nicht scharf. Ich hoffe aber, dass die Eigenschaften, die ich an mir geglückt finde, weiterleben: eine gewisse Art von Witz, hintertriebene Schelmhaftigkeit. Fad darf ’s ja auch nicht werden!

Schwere Schuld muss durch ein langes Feuer ausgebrannt werden

Was aber sollte uns schrecken? 

Was uns schrecken muss, ist das Gericht. Die Vorstellung, dass Hitler, Stalin und Mao in seligen Gefilden wandeln, macht mich sofort religionslos. Dass Verbrecher nicht so leiden müssen, wie ihre Opfer gelitten haben   da empört sich in mir alles. Ein transzendenter Körper muss erfahren, was es bedeutet, so zu leiden. Religiöse Ernsthaftigkeit beinhaltet immer ein Wissen um Ungerechtigkeit. Dass schwere Schuld durch ein langes Feuer ausgebrannt werden muss, fand ich immer hochvernünftig. Ich will eine Gerichtsbarkeit haben, die wirklich straft. Dazu gehört aber auch, Art und Umfang der Chancen zu bestimmen, die jemand hatte, gut zu sein.

Sie studierten bei Jacob Taubes, der davon ausging, dass richtiges Denken immer einen esoterischen Raum beansprucht. Stimmen Sie dem zu? 

Ja, wenn man s nicht übertreibt. Man braucht eine Vorstellung vom Jenseits, das gehört zum Ganzen des Menschen dazu. Ich finde den Gedanken Taubes nicht falsch, dass unsere Gedanken hierzu über die reine Steigleiter der Vernunft hinausgehen müssen. Taubes war auch in der Lage, in die mythenbildende Esoterik hinabzusteigen und unbeschadet wieder daraus hervorzukommen. Taubes war zu einem Viertel ein Scharlatan, ich fand ihn aber trotzdem klasse. Klaus Heinrich, mein anderer Professor, war ungleich gebildeter, der Meister des sich unendlich fortzeugenden Wissens. Das kann für einen kleinen Studenten furchtgebietend sein.

Geschwätz soll fernhalten, was man nicht wahrhaben will

Ist "Plapperatismus", eine Ihrer legendären Wortschöpfungen, das Nichts? Ein Stimmengewirr statt Kommunikation? 

Ja, es gibt doch diesen Leerlauf des Redens, wo jemand Existenzangst hat und vor sich hinplappert, weil er im Grunde nicht glauben kann, dass er lebt. Da Frauen lange unterdrückt waren, haben sie das stärker entwickelt als die Männer. Plapperatismus war eine Strategie der Frauen, etwas fernzuhalten, was sie nicht wahrhaben wollten, zum Beispiel unglückliche Ehen. Heute haben sich beide Geschlechter darin angeglichen. Die männlichen Schwätzer sind ja auch enorm im Kommen. Mein Mann war das Gegenteil eines Schwätzers. Ich sagte ihm manchmal: "Fritz, also heute waren es vier Wörter. Könnten es sechs werden?" Dann lehnte er sich zurück und sagte: "Ich muss überlegen." (lacht) Er schwieg halt gerne.

"Die radikale Einsamkeit ist etwas Furchtbares" selbst im Jenseits, heißt es in Ihrem Buch. Wie entkommen wir der Einsamkeit? 

Dazu gehört Großzügigkeit, Großmut, Gewährenlassen von anderen ... Humor hilft sehr. Ich finde Leute toll, die zwar nicht ständig schwätzen, aber ein heiteres Vergnügen an Gesellschaft haben. Der Geizige ist ein schlimmer Finger, denn Geiz ist ein durchgängiges Verhalten. Das ist eine ganz scheußliche, verknarzte Art von Egoismus. Es gibt den strahlenden Egomanen, der ist mir lieber als ein Geizkragen, der sich die Weisheit vom Munde abspart.

In der "Gschicht vom Brandner Kasper" zockt der Protagonist mit dem Tod um weitere Lebensjahre, entscheidet sich schließlich aber doch für den bayerischen Himmel samt Weißwürsten und ohne Preißn. Reizt Sie dieses Spiel? 

Dazu kann ich eine drastische Geschichte erzählen. Mein Vater hat sich suizidiert, da war ich elf Jahre alt. Ihn liebte ich sehr, mit meiner schrecklichen Mutter aber verstand ich mich überhaupt nicht. Ich kann mich an viele Ersatzhandlungen erinnern, dachte, man könne dem Tod etwas aus den Fängen locken. Wenn ich das Liebste opferte, so mein Gedanke, nämlich meinen Rauhaardackel, dann käme der Vater wieder. Das ist eine mythische Idee, dieses Tauschgeschäft. Ich bin wirklich ein dreiviertel Jahr mit einem Messer in der Anoraktasche herumgelaufen mit der festen Absicht, den Dackel zu erdolchen hab es natürlich nicht fertiggebracht. Gott sei Dank hab ich ihn nicht abgestochen! Der Dackel war dann mein Vertrauter, mein stummer Ritter.

Haben Sie mal eine Trauerrede gehalten? 

Ja, auf meinen Mann. Wir haben ihn in Worpswede beerdigt. Ich verstehe mich mit seiner früheren Frau und seinen Kindern sehr gut, denn mein Mann war ein Friedensfürst ohnegleichen. Die Trauerreden waren alle gut: Ein Kunsthistoriker hat seine Arbeiten gewürdigt, sein älterer Bruder weinte, während er redete. Das war sehr berührend. Ich habe ein bisschen  rumgefeuert, hab Gschichterln erzählt und alle zum Lachen gebracht. Fritz  mittlere Tochter hat ihn als Künstler gewürdigt, und abends haben wir s krachen lassen. So war das ein außerordentliches lustiges Getümmel rund um Fritz. Und dann gab es noch diesen herrlichen Dokumentarfilm, in dem Fritz und zwei seiner Freunde im Ballon über den  Bildrand hinaus in den Himmel entfliegen. Ist das nicht wunderbar als Beerdigungsfilm?

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