Washington, D.C.

Geh´ mir aus den Augen!

Das Tilgen des Namens einer Person oder auch das Beseitigen aus bildlichen Darstellungen, kennt man unter anderem aus antiken Kulturen und in der Neuzeit aus untergegangenen Despotien. Heute scheint dieses symbolbehaftete Verhalten wieder in Mode zu kommen.

Donald Trump, Lady Melania Trump
Archaische Sitten: Nach der Amtsübernahme durch Joe Biden, setzen die Machteliten der Demokraten alles daran, die Spuren Donald Trumps in Washington zu tilgen. Von außen betrachtet, nehmen diese beinahe ritualhaft vorgenommenen Akte zuweilen skurrile Züge an. Im Bild: Präsident D... Foto: CNPPool / MediaPunch via imago-images

Die USA sind eine frühneuzeitliche Republik. Sie folgt in ihrem Zeremoniell und ihren Symbolen vielfach der Tradition des britischen Königreichs oder der Republik Venedig. Ein schnörkelloser Funktionalismus, wie ihn die Berliner Republik auszeichnet, bleibt den als kapitalistisch-materialistisch verschrienen Vereinigten Staaten, die zwanzig Jahre vor dem Untergang Alteuropas gegründet wurden, fremd. Deutlich zeigt sich dies im Oval Office, das als Arbeitszimmer des Staatsoberhauptes zugleich einen Repräsentationsraum der Republik abbildet. Er verkörpert die Kontinuität von Amt und Staat. Zugleich setzt jeder Präsident individuelle Noten. Sie betonen Regierungsverständnis, Regierungsdevise und Regierungsstil. Was den Päpsten Motto und Wappen, das ist den Präsidenten der USA ihr Oval Office.

Büste rein, Büste raus ...

Der Amtsantritt eines neuen US-Präsidenten begleitet damit zugleich eine Aussage über seinen Vorgänger. Als Beispiel mag die Churchill-Büste dienen, die George W. Bush vom britischen Verbündeten geschenkt bekommen hatte, und als Zeichen besonderer Verbundenheit mit London aufstellte; Barack Obama entfernte sie, Donald Trump stellte sie wieder auf. Joe Biden hat sie neuerlich entfernt und durch eine Büste des Gewerkschaftsführers Cesar Chavez ersetzt. Ob Biden damit das Arbeitermilieu der Demokratischen Partei herausstellt, die Bürgerrechtsbewegung honoriert, die hispanische Minderheit repräsentiert oder die Verquickung katholischer Soziallehre mit linker Politik anstrebt ist Interpretationssache. Der Austausch reiht sich jedoch in eine ganze Reihe von trumpschen Objekten, die Biden aus dem Büro entfernt hat.

In die Medien schaffte es dabei vornehmlich der berühmte "rote Knopf", mit dem der Ex-Präsident eine Diät-Cola bestellte. Weniger bekannt sind die ideologischen Änderungen. Ähnlich wie Churchill wurde auch US-Präsident Andrew Jackson aus dem Zimmer getragen, Benjamin Franklin hat seinen Platz eingenommen. Präsident Lincoln, der früher zur Rechten Trumps hing, wurde zum Kamin versetzt. Die Büste des "Rough Rider" Theodore Roosevelt musste dem Bürgerrechtler Robert Kennedy weichen, ein großes Gemälde des "New Deal"-Präsidenten Franklin D. Roosevelt nimmt den Kamin ein. Die Militärflaggen wurden eingemottet. Trumps roter Präsidentenstuhl ist verschwunden. Dafür ist der blaue Teppich aus der Clinton- und Obama-Ära ins Oval Office zurückgekehrt.

„Nicht die Tilgung im Sinne des Vergessens,
sondern das ‚Aufmerksammachen‘ auf das ‚Vergessenwollen‘
war Kern der politischen Praxis“

Kurz gesagt: abgesehen vom "Resolute Desk" dem Schreibtisch, den die US-Präsidenten seit Kennedy am häufigsten verwendet haben und der Büste von Martin Luther King bleibt so gut wie keine Erinnerung an das alte Präsidentenbüro erhalten. Dass Biden die goldenen Vorhänge behielt, ist wohl einzig auf den Umstand zurückzuführen, dass diese aus Bill Clintons Amtszeit stammen.

Auf den ersten Blick mögen solche Veränderungen subtil wirken; in Anerkennung des Oval Office als Thronraum der amerikanischen Demokratie sind sie jedoch ein politisches Programm, das nur eine Facette der Bewältigung der Trump-Jahre offenbart. In der Herzkammer ihrer Republik, dem Maggior Consiglio, hat Venedig sämtliche Dogen portraitiert. Über den Dogen Marino Falier ist dagegen ein gemaltes, schwarzes Drap  ausgebreitet. Falier wurde beschuldigt, einen Staatsstreich versucht zu haben, wurde dafür hingerichtet und sein Andenken öffentlich geächtet. Die damnatio memoriae als "Verdammung des Andenkens" war bereits im Alten Ägypten eine geläufige Form.

Das Ziel: Erniedrigung

Die westliche Tradition ist dabei in der römischen Geschichte zu suchen: nicht die Tilgung im Sinne des Vergessens, sondern das "Aufmerksammachen" auf das "Vergessenwollen" war Kern der politischen Praxis der "abolitio nominis". Personen wurden nicht wie in George Orwells Roman 1984 nach Stalins Vorbild aus der Geschichte ausradiert. Vielmehr sollte das fehlende Fragment offensichtlich sein und die Person erniedrigen.

Nero etwa lebt als Opfer der damnatio memoriae sehr lebendig als Schreckgespenst fort. Das römische Haus als Verlängerung der Identität des Besitzers spielte mit Inschriften, Statuen und anderen historischen Zeugnissen eine besondere Bedeutung in einer Zeit, in der Schriftzeugnisse nicht für die Masse bestimmt waren. Die Veränderung von Räumen, Manipulationen von Kunstwerken und die Zerstörung von Statuen waren daher ein Akt, um die politische Existenz des Herrschers vom einstigen Wohnsitz zu trennen. Auch das Weiße Haus ist nichts anderes als eine "domus praesidentis". 

Tilgungsphantasien in Deutschland

Schon vor dem Auszug des 45. Präsidenten hatte es Forderungen gegeben, den Amtsträger nach dem Ende seines Mandats zu ächten. Nicht nur amerikanische Aktivisten und Ideologen hatten eine damnatio memoriae Trumps gefordert. So beschäftigte sich die Süddeutsche Zeitung im August 2017 bereits mit dem Gedanken, wie die Nachwelt mit Trump umgehen könnte und spielte auf den römischen Kaiser Caligula an, dessen Andenken sein Nachfolger Claudius verdammte. Die Wiener Zeitung wiederholte den Wunsch Anfang Januar, und Hannes Stein von der Welt hat ein Buch geschrieben, in dem das amerikanische Volk beschließt, jegliches Andenken an Trump zu tilgen   stellvertretend für eine ganze Journalisten-Elite, die sich auch heute nichts sehnlicher wünscht.

Der Vorgang ist dabei nicht widerspruchslos. Das Narrativ, mit dem Einzug Bidens seien Rechtsstaat und Demokratie eingekehrt, brandmarkt die Trump-Jahre als Quasi-Diktatur ohne, dass sich diese Argumentation dem Paradoxon stellt, wie Biden dann auf legalem Weg ins Weiße Haus gekommen wäre. Einen ähnlichen Effekt hat die ostentative Rücknahme der Präsidentendekrete durch neue "Executive orders". Das gilt selbst für ein Dekret zur Kostenreduzierung von Insulinmedikamenten, weil Trump Ärztezentren stärken und  Diabetiker entlasten wollte. Wichtig bleibt auch hier das Zeichen, nicht der Inhalt. Ähnlich handelten mehrere Banken, welche die Zusammenarbeit mit Trump und seiner Firma aufgelöst, seine Konten gesperrt haben.

Das Verhalten nimmt skurrile Züge an

Twitter hat den New Yorker nicht nur gebannt, es hat auch seine Einträge gelöscht   und damit einen nicht unerheblichen historischen Quellenbestand vernichtet, um seine Amtszeit kritisch zu beurteilen (im Guten wie im Schlechten). Hollywood hatte schon 2018 beschlossen, den Stern vom "Hollywood Walk of fame" zu entfernen. Die nun anberaumte Löschung einer Szene aus der US-Komödie "Kevin allein in New York", in welcher der Immobilienmogul den Protagonisten trifft, ist nicht ohne Absurdität, entspricht aber ganz dem Zeitgeist, der den einstigen Medienstar nicht mehr auf der Leinwand ertragen will.

 

Dennoch existieren Unterschiede zur klassischen damnatio memoriae. Üblicherweise geht dieser das Ableben des Geschmähten voraus. Auch gewählte Amtsträger verfügten nach ihrer Niederlage über genügend Anhänger, die ein solches Vorgehen gefährlich machten. Zweitens existierte ein entweder gesamtgesellschaftlicher Konsens oder wenigstens ein Konsens in der herrschenden Elite. Angesichts der geschwächten, aber nicht schwachen republikanischen Präsenz in den Staaten und auf Bundesebene kann davon nicht die Rede sein. Drittens gehörte es zum Konsens einer damnatio memoriae, dass der jeweilige Potentat keinerlei positive Eigenschaften besessen oder gesamtgesellschaftlich förderliche Prozesse eingeleitet hätte. 

Kann die verletzte Seele heilen?

Zumindest letzteres ist bei aller Kritik an Trump anzuzweifeln. Pater Peter M. J. Stravinskas, katholischer Theologe und Apologet, der als "Never Trumper" begann und sich im Laufe der Zeit zum Trump-Unterstützer entwickelte, rügte nach Trumps Ausscheiden dessen charakterliche Schwächen. Er sei ein "fehlerhaftes, menschliches Geschöpf", vulgär und im Schwarz-Weiß-Denken verhaftet. "Was aber hat Donald Trump Gutes getan, das nach ihm weiterleben sollte?", fragt Stravinskas und hebt Trumps Taten im Sinne der katholischen Soziallehre hervor: Senkung der Arbeitslosigkeit, die vor allem Hispanics und Schwarzen zugutekam; Unterstützung von Mittelklassefamilien; Bauernhilfen; historische Friedensabkommen im Nahen Osten; Pro-Life-Förderung; Hilfe für Veteranen. Es sind nur einige Beispiele, die "das Herz eines Leo XIII." erwärmen würden, wie Stravinskas schreibt. 

Man muss diese Meinung nicht teilen. Doch wird klar, dass eine Administration und eine mediale Elite, welche die Denkmäler eines gefallenen aber nicht gestorbenen Kaisers in dieser Art und Weise stürzt, kaum mit dem Anspruch antreten kann, die tiefen Wunden der amerikanischen Seele heilen zu können, die schon lange vor dessen Amtsantritt aufgerissen wurden.

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