Waldsassen

Fenster wirken wie mit der Sonne gemalt

Die Oberpfälzer Glashütte in Waldsassen veredelt weltweit Licht in Kirchen.

Glasfenster in einer Kirche
Glasfensterkunst in Vollendung aus der Glashütte in Waldsassen bietet die Kathedrale der brasilianischen Hauptstadt Brasília. Foto: Drouve

Was haben das Ulmer Münster, der Kölner Dom, die Dreifaltigkeitskirche in New York und die Sagrada Família in Barcelona gemeinsam? Die Antwort lautet: Überall veredelt mundgeblasenes Flachglas aus der Glashütte Lamberts in Waldsassen das Licht. In dem Ort in der Oberpfalz entstehen seit über einem Jahrhundert selten gewordene Kunsthandwerksprodukte, die das mittelständische Unternehmen zum Weltmarktführer gemacht haben; in Deutschland ist es der einzige Betrieb seiner Art. Spektakulär war ein Auftrag aus jüngerer Zeit aus London: die Lieferung des Grundmaterials für die gigantischen Ziffernblätter des Big Ben, der vielleicht meistfotografierten Turmuhr der Welt. Aus Bayern wanderten 1 300 Glasplatten an die Themse, aus denen Fachleute im Zuge der Big Ben-Restaurierung vier Mosaike mit jeweils sieben Metern Durchmesser zusammensetzten.

Viele prestigeprächtige Aufträge für den Betrieb 

Der Auftrag sei zwar nicht der größte in der Firmengeschichte gewesen, aber einer der prestigeträchtigsten, so Manager Robert Christ. Gerne erinnert er sich auch an eine Bestellung aus Brasília, der am Reißbrett entworfenen Hauptstadt Brasiliens. Die durch Klima und Verschmutzung schwer in Mitleidenschaft gezogene Kathedrale von Stararchitekt Oscar Niemeyer brauchte einen Totaleingriff, zumal das an vielen Stellen brüchig gewordene Glas zu zerbersten drohte. Um das Nationalgut zu erhalten, entschied man sich für eine authentische Rekonstruktion. Da kam Lamberts mit 2 000 Quadratmetern mundgeblasenem Glas ins Spiel, das der Künstler Luidi Nunes in seinem Atelier weiterverarbeitete; in der traditionellen Technik der Bleiverglasung gelang es, die großen Glassegmente originalgetreu zu fertigen.

„Die Glashütte Waldsassen wurde 1905/1906 erbaut“, blickt Robert Christ zurück und holt weiter aus: „Unsere Gegend ist eine traditionelle Glasgegend. Viele der Glasmacher in den bayerischen Hütten kamen zu dieser Zeit aus Böhmen. Mundgeblasenes Flachglas gibt es ja schon seit dem Mittelalter. Hier in Waldsassen haben wir diese Handwerkstechnik bewahrt und fertigen noch heute mundgeblasene Unikate in der traditionellen Zylinderglastechnik.“ Was das bedeutet, zeigt eine Betriebsbesichtigung. Herzstück ist die riesige Produktionshalle, die aus den Gründerzeiten vom Beginn des 20. Jahrhunderts stammt, unter Denkmalschutz steht und die Augen reiben lässt.

Rohrsysteme, Wände und Hallendach wirken archaisch, wie aus der Zeit gefallen – als wären es Überbleibsel der Industriellen Revolution. Dass die Resultate dagegen so avantgardistisch sind, mag man kaum miteinander in Einklang bringen. Flammen lodern in erdgasbefeuerten Öfen, es raucht und zischt. Maschinen dröhnen, aus Radios wummern Rhythmen. Standventilatoren wirbeln und sorgen für Linderung. Die Hitzeentwicklung ist enorm – das Glas wird hier bei 1 400 Grad geschmolzen – und der Grund für die ungewöhnlichen Arbeitszeiten der Glasmacherteams, die auf 30 der 68 Mitarbeiter entfallen. Um in der Halle möglichst viel Kühle der Nacht zu nutzen, startet die Schicht um halb vier Uhr morgens. Dafür ist um halb zehn Feierabend.

Änderung der Verfahren könnten dem Produkt „die Seele nehmen“

Die Herstellung erfolgt einzeln Tafel für Tafel, getreu dem althergebrachten Verfahren. „Vieles unterliegt dem Wandel der Zeit. Doch manches ist eben so gut, dass eine Veränderung ihm die Seele nähme“, sagt Robert Christ. Die Abfolge der Vorgänge ist komplex. Nachdem der Schmelzmeister die richtige Rezeptur zusammengestellt und das geschmolzene Glas über Nacht im Ofen geruht hat, um homogen zu werden, beginnen die wichtigsten Schritte der Bearbeitung. Dazu schaffen an jedem Ofen vier Mannschaften, die sich jeweils aus dem Anfänger, Einträger und Glasmachermeister zusammensetzen. Die Schweißströme fließen, auf Tischen stehen Limo- und Sprudelflaschen griffbereit. Der Anfänger bringt durch Drehen der Glasmacherpfeife im Schmelzbottich das flüssige Glas an die Pfeife.

„Jeder Atemschub, jeder Handgriff,
jede kleinste Bewegung sitzt.“

Er wiederholt den Vorgang so oft, bis er die nötige Glasmenge hat. Durch Drehen und gleichzeitiges Einblasen in Holzmodeln gibt er dem Glasposten die richtige Form. Dann übergibt er das Ganze einem der insgesamt neun Glasmachermeister, der die Glaskugel bis zur endgültigen Größe aufbläst. Jeder Atemschub, jeder Handgriff, jede kleinste Bewegung sitzt. Es erfordert ein Höchstmaß an Erfahrung, Kraft und Können, den glühenden Glasballon so gleichmäßig zu bewegen, bis ein Zylinder entsteht. Dieser wird anschließend aufgeschnitten, wieder erhitzt und zur Glastafel ausgebügelt. Erst diese Vorgänge des Aufschneidens mit einem Stahlrad und des Glättens mit einem Bügelholz machen verständlich, warum wir es mit „mundgeblasenem Flachglas“ zu tun haben. Später wird das Glas durch eine spezielle Abkühlphase sehr gut schneid- und verarbeitbar.

Eine Qualität, die mit industriellem Glas nie erreicht werden kann

Den Resultaten kann von Brillanz und Vielfalt her kein Industrieglas das Wasser reichen. Weltweit kommen die Produkte im gesamten Baubereich zum Einsatz, sowohl bei zeitgenössischen Architektur- und Designentwürfen als auch bei originalgetreuen Restaurierungen von Baudenkmälern. Zu bedenken ist dabei, dass die Lichtsituation in Skandinavien anders ist als in den USA oder Japan. Der Exportanteil liegt bei 75 Prozent. Lamberts ist selbst im Weißen Haus in Washington vertreten, im Hauptbahnhof von Kaohsiung auf Taiwan, im Norwegischen Nationalmuseum in Bergen, in einem Hotel in Singapur.

Kooperationen mit renommierten Glaskünstlern sind üblich, und Manager Christ zitiert gerne den niederländischen Glasmaler Jan Thorn Prikker (1868–1932): „Mit farbigem Glas zu arbeiten ist, wie mit der Sonne selbst zu malen.“ Doch die Lamberts-Gläser an sich sind ebenfalls Kunstwerke. Über das mundgeblasene Fensterglas sowie echte Butzen- und Mondscheiben hinaus umfasst die Palette mehr als 5 000 verschiedene Farben und Strukturen. Dabei kann es auch mal bewusst zu Lufteinschlüssen kommen, was den Reflektionen wiederum besondere Noten gibt. Die Perfektion des Unperfekten, wenn man so will. Bei den Färbungen durch Metalloxide zeigt sich: Keine Komposition ist unmöglich. Überraschen muss, dass Silber gelb und Gold rosa färbt, weiß Christ.

Waldsassener Glas: Ob Frauenkirche oder „Richter-Fenster“

Wie oft mag man schon – ohne es zu wissen – Produkte aus der Waldsassener Manufaktur deutschlandweit in Gotteshäusern und anderswo bestaunt haben? Beispiele bieten die Dresdner Frauenkirche, Sankt Andreas in Köln, der Naumburger Dom, das Geburtshaus von Papst Benedikt XVI. in Marktl am Inn, Schloss Neuschwanstein, die Hamburger Elbphilharmonie. Oder der Kölner Dom mit dem Aufsehen erregenden wie polemischen Süd-Querhausfenster von Gerhard Richter („Richter-Fenster“). In der Westminster Abbey in London trat David Hockney mit seinem „Fenster der Queen“ in Aktion und im Mainzer Dom Johannes Schreiter. Im Ulmer Münster setzten Schreiter und Hans Gottfried von Stockhausen Akzente, der Kathedrale im französischen Reims drückte Imi Knoebel seinen farbdurchtränkten Stempel auf.

„Mundgeblasenes Glas lebt durch die Leidenschaft der Menschen, die es herstellen“, unterstreicht Robert Christ. Eine Leidenschaft, deren Zeugnisse sich rund um den Erdball ziehen.


Durch die Glashütte Lamberts (Schützenstr. 1, Waldsassen, Tel. 09632/ 92510, E-Mail: info@lamberts.de, www.lamberts.de) gibt es – abhängig von Corona – voraussichtlich ab 2021 wieder Gruppenführungen nach Voranmeldung; diesen können sich auf Anfrage Einzelbesucher anschließen, Preis 6,– Euro. In Zukunft entstehen ein Ausstellungsraum und ein Besucherzentrum mit angegliedertem Shop.

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