Andy Warhol

„Erfasse immer alles“

Ein Leben als Kunstwerk: Andy Warhol (1928-1987) war ein Mann der Widersprüche - dazu gehört auch seine religiöse Seite.

Andy Warhol: „Last Suppers“
"Das letzte Abendmahl" ist eines von mehr als 100 unterschiedlichen Beschäftigungen mit dem Motiv. Warhols variiert nicht das berühmte Original da Vincis sondern nutzte eine kitschige Gipsplastik aus einem italienischen Ramschladen. Foto: imago-images

Ein Mann nähert sich der byzantinisch-katholischen Kirche an der East-Thirteenth Street in New York und verteilt Geld an Obdachlose. Niemand erkennt in dem anonymen Wohltäter den prominenten Schöpfer von "Campbell's Soup Cans", der "Marilyns", "Flowers" oder "Mao". Es ist der Künstler Andy Warhol   verkleidet.

"In Zukunft wird jeder 15 Minuten weltberühmt sein." Dieser 1968 in einem schwedischen Ausstellungskatalog veröffentlichte Ausspruch wird Andy Warhol zugeschrieben und sollte sich als prophetisch erweisen. Der Künstler war allerdings zu diesem Zeitpunkt durchaus schon über die berühmten 15 Minuten hinaus - und das dank unermüdlicher Arbeit, nicht nur an seinen Kunstwerken, sondern auch an der Erschaffung der Marke "Andy Warhol". Die Bilder, Siebdrucke, Zeichnungen und Filme des gelernten Grafikers sind bekannt, auch über sein exzessives Leben in der New Yorker "Factory", das mit dem Attentat von Valerie Solanas im Juni 1968 ein Ende fand, meint man Bescheid zu wissen.

Obsessive Beschäftigung mit dem Tod

Doch welche Persönlichkeit verbarg sich hinter der extrovertierten Fassade des angeblich schüchternen Mannes mit der platinblonden Perücke und der schützenden Sonnenbrille, der wie kaum ein anderer für die Popkultur des ausgehenden 20. Jahrhunderts steht? Sind es die drei wesentlichen Prägungen seines Lebens, auf die sich eine Ausstellung im Kölner Museum Ludwig in diesem Jahr fokussierte - Homosexualität, das Außenseitertum des Migrantenkindes und die obsessive Beschäftigung mit dem Tod?

Andrew Warhola wurde am 6. August 1928 in Pittsburgh, Pennsylvania, als dritter Sohn einer armen Einwandererfamilie mit russischen Wurzeln aus den slowakischen Karpaten geboren. Er wurde griechisch-katholisch getauft und blieb zeit seines Lebens tief religiös. Im Alter von acht Jahren erkrankte der Junge nach einer Streptokokkeninfektion an rheumatischem Fieber, das sich zu Chorea minor ("Veitstanz") auswuchs und in dem möglicherweise die Ursache für die lebenslangen Zwangs- und Körperwahrnehmungsstörungen Warhols zu finden ist. Während der langen Bettlägerigkeit begann er zu zeichnen und Papierfiguren auszuschneiden, angeleitet und unterstützt von seiner Mutter, mit der ihn sein Leben lang (sie starb 1972) eine ungewöhnlich intensive Beziehung verband.

„Sein Voyeurismus kannte keine Schamgrenzen,
Jugendliche im Drogenrausch wurden ebenso abgelichtet
wie Prominente in verfänglichen Situationen“

Nach dem Studium der Gebrauchsgrafik arbeitete er zunächst als Schaufensterdekorateur und Werbegrafiker, erste Zeichnungen wurden in Zeitschriften veröffentlicht. Ende der 50er Jahre zählte Andy Warhol zu den bestbezahlten Grafikdesignern in Manhattan. Aber: die Kunst sollte es sein. Anfang der 60er Jahre lernte er das Siebdrucken und begann die jedem Amerikaner vertrauten Motive seriell zu vervielfältigen   nach dem Motto: viele Marilyns sind besser als eine. Warhols aufsehenerregend neue Sichtweise wurde nicht sofort erkannt, einer der ersten, die das Potential des Künstlers realisierten, war der Schauspieler (und Kunstsammler) Dennis Hopper.

Mit der Gründung der "Factory" im Jahr 1962 begann der Aufstieg, die Räume wurden als Atelier, Filmstudio, Partyzentrum (mit der Gründung der hauseigenen Band Velvet Underground) und auch als zeitweiliger Wohnort der wachsenden Entourage des Künstlers genutzt; die stets offenen Türen zogen allerdings nicht nur die prominente kreative Szene New Yorks an, ein subkulturelles Sammelsurium junger Menschen fand sich zu keineswegs immer friedlichem Austausch zusammen, gipfelnd in den Schüssen von Valerie Solanas auf Andy Warhol, die den Künstler schwer verletzten und ihn nur knapp überleben ließen. Die daraus resultierenden gravierenden physischen und psychischen Störungen sollten fortan sein ohnehin exzentrisches Leben prägen, Hygienezwänge, Sammelwut, Phobien und Kaufsucht beherrschten seinen Alltag. Er besuchte aber nach dem Attentat auch wieder regelmäßig die katholische Messe, dankbar, dass Gott ihn am Leben gelassen hatte.

Seine Werke sind immer als „Warhols“ zu erkennen

 

Die Arbeit ging weiter, und  auch das Nachtleben. In den 70er Jahren gehörte Andy Warhol zu den Stammgästen des "Studio 54" und erstellte mit seiner Polaroidkamera Porträts der Besucher, wie immer Beobachter, nie Teil der Szene. Sein Voyeurismus kannte keine Schamgrenzen, Jugendliche im Drogenrausch wurden ebenso abgelichtet wie Prominente in verfänglichen Situationen. Sie alle fanden sich im von ihm gegründeten Klatsch- und Kolportagemagazin "Interview" wieder, dem allerersten "Lifestyle-Magazin".

Sein umfangreiches Oevre besteht aus unterschiedlichsten Bruchstücken und lässt sich doch immer als "Warhol" identifizieren, von den ersten Schuh-Zeichnungen über die seriellen Bilder und die Porträts in der Tradition eines Velazquez bis zu den "Last Suppers", seiner letzten thematischen Werkgruppe, entstanden auf Wunsch des Galeristen, der ihm 1952 seine erste Einzelausstellung in New York ermöglicht hatte – Alexander Iolas.

L' Ultima Cena (Das Abendmahl), von Leonardo da Vinci zwischen 1494 und 1497 an die Nordwand des Refektoriums der Kirche Santa Maria delle Grazie in Mailand gemalt, bildete die Grundlage für den Gemäldezyklus Warhols. Die Ausstellung fand gegenüber der Kirche im Palazzo delle Stelline Mailand 1987 statt und umfasst über 100 traditionell mit dem Pinsel gemalte und in Siebdrucktechnik gefertigte Bilder, teilweise über 4 × 10 Meter groß. Allerdings: es handelt sich bei den "Last Suppers" nicht um eine Beschäftigung mit dem Original, sondern um die Weiterbearbeitung einer kitschigen Gipsplastik, die Warhol in einem Ramschladen in Little Italy fand. Was der Ernsthaftigkeit seiner Auseinandersetzung mit dem Gemälde aber keinerlei Abbruch tat. Und es schloss sich der Kreis: Es war Warhols letzte Ausstellung zu Lebzeiten, für seinen ersten Galeristen.

Andy Warhol war seiner Zeit voraus

Was der amerikanische Kunstkritiker Blake Gopnik in seiner aktuellen, lesenswerten Biographie "Warhol. Ein Leben als Kunst" (Bertelsmann Verlag, München 2020,  1232 Seiten) gut herausarbeitet: Warhol ahnte Zeit- und Kunstströmungen voraus und sog sie auf wie ein Schwamm. So naiv und unbedarft wie er tat, war der Ästhet und Kontrollfreak hingegen nicht, die traditionellen künstlerischen Werte ließ er keineswegs hinter sich, und seine Werke hatten einen fundierten Hintergrund – so bezogen sich seine Wiederholungen auf die Tradition von Thema und Variationen in der westlichen Kultur. Die 32 Campbell-Suppen entsprachen den 32 Goldberg-Variationen von Johann Sebastian Bach, der zu Warhols Lieblingskomponisten gehörte.

Wie absichtsvoll und bewusst der Künstler seine Arbeiten anging, weiß man aus seinem Nachlass: in den frühen 70er Jahren legte er "Time Capsules" (Zeitkapseln) an, Notizen, Videomaterial, Sammlerstücke, Rechnungen, Tagebücher   in 600 Umzugskartons gesammelte Zeitdokumente, die unter dem Warholschen Leitsatz "Erfasse immer alles" ihre ganze Tragweite nach und nach erst in den kommenden Jahren preisgeben werden.

Warhol war ein normaler Mensch mit „Macken“

Andy Warhol starb am 22. Februar 1987 in New York an den Komplikationen einer zu lange verschleppten Gallenblasenoperation. Er wurde in seinem Geburtsort Pittsburgh beigesetzt. Mit einer Messe in der St. Patrick s Cathedral, New York wurde des Künstlers unter Teilnahme von über 2000 Trauergästen gedacht.

Gopnik macht auch deutlich: der Künstler Warhol besaß viele Facetten. Die jahrelangen ausführlichen Recherchen offenbaren einen widersprüchlichen, keineswegs immer angenehmen Menschen, der als geizig verschrien war, aber gleichwohl für die Armen seiner Gemeinde und die Suppenküche spendete und für den Lebensunterhalt seiner bedürftigen Freunde aufkam, der seine verletzliche, großherzige und beschützende Seite mit einem Schutzpanzer umgab. Im wahrsten Sinne des Wortes: ein anständiger Mensch, wenn auch ein Sünder. 

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