Posen

Er war ein Querdenker, der sein Fach liebte

Als Historiker in Europa und Amerika ist er anerkannt. Die Biographie von Ernst Kantorowicz zeigt, was Deutschland verloren hat. Er war ein Feuilletonist er Extraklasse.

Ernst Kantorowicz
Schrieb ein Standardwerk ohne Fußnoten: Ernst Kantorowicz. Foto: IN

Ernst Kantorowicz, von Freunden EKa (1895–1963) genannt, gehört zu den erratischen Figuren deutschen Geisteslebens in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts. War er Historiker? Man ist versucht zu sagen, ein historisch informierter Feuilletonist, dessen erstes Werk über Kaiser Friedrich II. mit bald 600 Seiten ohne Fußnoten herauskam, ein Affront für die deutsche Professorenschaft. Was hätten sie erst gesagt, wenn sie gewusst hätten, dass der 32-jährige Autor auf Geheiß von Stefan George, zu dessen Kreis er gehörte, jene auf den ersten Blick mehr mythisch als faktisch orientierte Sicht auf den Staufer vorgelegt hatte. 

Unglaubliches Glück

Der amerikanische Historiker Robert E. Lerner hat dem aus jüdischem Haus Stammenden, der, wie so viele Glaubensgenossen seiner Generation, als Nationalist begann, um aber nach der Vertreibung komplett auf die andere Seite zu wechseln, eine ungemein faktenreiche Biographie gewidmet – perfekt übersetzt von Thomas Gruber – die auf lange Zeit das letzte Wort zum Historiker-Dandy und Bonvivant Kantorowicz sein dürfte. Aus wohlhabendem Haus stammend – die Familie betrieb eine Likör- und Schnaps-Fabrik – erhielt er in Posen eine rein deutschsprachige und preußisch-nationalistische Ausbildung und Prägung. Anders als die gläubigen Eltern entfremdete er sich dem Judentum und feierte nie eine Bar-Mizwa. Als Kriegsfreiwilliger erlebte er Gefechte im Westen und Osten, bekam von Preußen das Eiserne Kreuz und von der Türkei den Eisernen Halbmond; dort zeigte sich zum ersten Mal, was kennzeichnend sein sollte: Das unglaubliche Glück, das er sein Leben lang haben würde und das ihm gerade in schweren Stunden zu Hilfe kam, und eine Gewitztheit oder eigentlich Frechheit, die ebenfalls Konstante werden sollte: Als Vizewachtmeister, also noch nicht einmal Offizier, eine Affäre mit der Geliebten des Marschalls Liman von Sanders, seines Befehlshabers, anzufangen, war dreist. Die Nachkriegszeit, die ihn zunächst als Kämpfer gegen die Spartakisten sah, brachte ihm als Studenten in Heidelberg die Begegnung mit Stefan George, die lebensverändernd war und in dessen Bann und Kreis er sofort geriet. Später, im neuen amerikanischen Leben zum politischen Linken gewandelt, war EKa stolz darauf, dass mit Claus Schenk von Stauffenberg ein Kreis-Mitglied das Attentat auf Hitler wagte. Immer sollte neben dem des Vaters auch ein Foto Georges den Nachttisch zieren. 

Wechsel zur Geschichte

Kantorowicz hatte als Student der Nationalökonomie begonnen – es gab Pläne, dass er die elterliche Firma übernehmen sollte – wechselte dann aber zur Geschichte, insbesondere des Mittelalters, und legte 1921 eine Dissertation von 104 Seiten vor, die sein Biograph trocken mit einer heutigen Bachelor-Arbeit vergleicht, nur aus der Sekundärliteratur erarbeitet. Der Umgang mit den Quellen war sehr frei, bis hin zu erfundenen Zitaten, „wenn es dann passte“. Lerner ist sich sicher, dass George den Auftrag zur Friedrich-Biographie erteilte, jener George, der seit den 1920ern in Gedichten ein „Neues Reich“ herbeisehnte. Als Kantorowicz sieben Jahre später sein Buch zum Staufer, jenem zwischen Okzident und Orient wandelnden Herrscher, vorlegte, war es jedenfalls ein Ereignis, sein Verfasser wurde schlagartig berühmt. Aus mehreren Gründen: Ein eigenartig schwärmender Ton, der in die damalige Zeit passte, aber in historischen Werken ungewohnt war, vor allem aber ein neuer Ansatz: Nicht zu zeigen, wie es oder in diesem Fall er „geworden“ war, sondern wie er „war“. Kantorowicz, mit seiner stets gewählten Kleidung, der eigenartig singenden Sprechweise – gar parfümiert, wie ein Professor stirnrunzelnd anmerkte – war zum Star geworden, der sich auf dem Historikertag für sein Buch rechtfertigen musste – und dies auch glänzend tat. Un-habilitiert (wiederum ein Verstoß im Land der Ordinarien) bekam er einen Lehrstuhl an der neuen „Bürger-Universität“ in Frankfurt. 

Sprung über den großen Teich

Doch während der Professor in seiner Vorlesung „Das Adelsproblem des späten Mittelalters“ unverhohlen das Georgesche Elite-Denken vertrat, war es 1933 geworden. Im Dezember des Jahres musste Kantorowicz den Katheder verlassen. Zwar schützte ihn zunächst noch sein Frontkämpfer-Status, doch bat er selber um Entpflichtung. Viele neue Freunde machte er sich dort; Kantorowicz erkannte schnell, dass die Angelsachsen gerade bei Geisteswissenschaftlern ein pompöses, gespreiztes Auftreten verabscheuen und kehrte die Geselligkeit hervor. Zu einer regelrechten Professur kam es nicht, doch war Kantorowicz nun „imprägniert“, um 1939 den Sprung über den großen Teich zu wagen und an der Universität Berkeley in Kalifornien zu landen. Doch dauerte es bis 1945, dass EKa einen richtigen Lehrstuhl erhielt, auch deswegen, weil die USA von meist hoch qualifizierten europäischen Emigranten überrannt waren. 

Ein letztes Mal in seinem Leben hatte er Glück: Man holte ihn auf Lebenszeit zum „Institute for Advanced Study“ in Princeton. Das privat finanzierte Institut verlangte keine Lehrtätigkeit, wohl aber intensives Forschen. Das letzte große Buch über „Die Zwei Körper des Königs“, ein bis heute faszinierendes Werk, verdankt sich dieser Zeit, ein Versuch, zwischen dem natürlichen und sterblichen Körper des Monarchen und seinem scheinbar unsterblichen „institutionellen“ zu unterscheiden. Eka kam darauf, als er sich fragte, was der zeremonielle Ruf: Der König ist tot, es lebe der König! eigentlich bedeutet. So beziehungsreich ist das Buch, aus entferntesten Quellen schöpfend, dass es unmöglich ist, eine Übersicht auch nur zu versuchen. 

Kaustischer Humor

Ernst Kantorowicz – er selber konnte spannend schreiben und verdient es, dass sein Leben so meisterhaft geschildert wird wie in dieser Biographie – war typisch und untypisch für eine bestimmte Generation deutsch-jüdisch Gelehrter: Das nationalistische Denken war typisch für die Juden seiner Zeit, die „deutscher als die Deutschen“ sein wollten, aber ein Kämpfer gegen die Spartakisten zu sein, der dann in den Geruch der Kommunisten-Freundlichkeit geriet, war untypisch. Sein durchaus vorhandener Fleiß und seine starke Detailfreudigkeit – manchmal nahmen die Fußnoten mehr Platz ein als der Haupttext – war ganz deutsch. Sein kaustischer Humor eher nicht; bei einer Papstaudienz für die Teilnehmer eines Kongresses ist er auf einem Foto direkt hinter Pius XII. zu sehen. Er versandte es mit den Worten: „Achtet auf den Mann mit Brille, halb verdeckt vom Gestatoria-Träger. Es ist ein Unterstützer von Thron und Altar, eskortiert von der päpstlichen Garde.“ Seine geradezu unverschämte Lebensfreude, unterstützt von vielen Flaschen Mosel-Riesling, die er auch in den USA nicht missen wollte, half ihm zu überleben. Lerner schreibt, EKa wusste deutlich mehr über den Katholizismus als die meisten Katholiken, hatte aber für praktizierte Religion nur Spott übrig. Doch als ihn einer seiner Schüler einen Atheisten nannte, brauste er auf: „Womit habe ich Dir Anlass zu dieser Meinung gegeben?“ Kantorowicz starb mit 68 Jahren einen plötzlichen Herztod, wie er es sich gewünscht hatte, und verfügte, dass seine Asche zusammen mit seinem Lieblingskorkenzieher beizusetzen sei. So geschah es. 

 


Robert E. Lerner: Ernst Kantorowicz – Eine Biographie. Verlag Klett-Cotta, Stuttgart, 2020, 553 Seiten, ISBN 978-3-608-96199-7, EUR 48,– 

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