Berlin

Eine totale geistige Entleerung droht

Der Philosoph Walter Warnach versuchte die metaphysische Ordnung gegen den Geist der Gegenwart zu behaupten. Er wurde vor 110 Jahren geboren.

Portrait: Walter Warnach, Philosoph
Walter Warnach stellte die Metaphysik gegen die Unordnung der Moderne und hoffte auf Rückkehr der Ordnung im Geist des Christentums. Foto: Martin Warnach

Carl Amery schrieb ihm das Verdienst zu, als einer der letzten deutschen Intellektuellen die Glut des christlichen Konservatismus am Leben erhalten zu haben. In jedem Fall darf Walter Warnach als einer der scharfsinnigsten Denker der katholischen Geisteswelt des 20. Jahrhunderts gelten.

Vor zwanzig Jahren starb der deutsche Philosoph, Dichter und Übersetzer Walter Warnach. Am 14. September 1910, vor 110 Jahren, kam er in Metz/Lothringen zur Welt. Heute ist er weitgehend in Vergessenheit geraten. Dabei ist sein Denken von unverminderter Frische und Durchschlagskraft. Walter Warnach ist tief in die untergründigen Strömungen des modernen Zeitalters eingedrungen. Er hat sie mit philosophischen und poetischen Mitteln durchleuchtet und den gegensätzlichen Richtungen, die dabei zum Vorschein kamen, ungeteilte Aufmerksamkeit geschenkt. Die Stellen, wo es Reibungen gab, wo rechte und linke, konservative und liberale, christliche und säkulare Tendenzen aufeinandertrafen, suchte er auf, um die Gegensätze zu begreifen und sich eine Position zu erarbeiten, die in den Kämpfen der Zeit Bestand hat.

„Um die Zwischentöne eines Mannes wie Warnach zu hören,
müsste eine gewisse Stille im Land herrschen“

Was es heißt, im 20. Jahrhundert Katholik und Deutscher zu sein, das Aufklärungserbe einer sachgemäßen Kritik zu unterziehen, ja im Gefolge katholischer Rebellen wie Léon Bloy und Georges Bernanos die moderne Welt als solche für verworfen zu halten, zugleich jedoch für avantgardistische Kunst und Literatur zu brennen: Walter Warnach hat es in einem ungeheuren Denkakt, der in seiner rückhaltlosen Ausgesetztheit heroische Dimensionen besaß, vorgeführt. Deshalb wäre er eigentlich der ideale Brückenbauer, um die verfeindeten Lager der Kirche zusammenzuführen und die heillos zerstrittenen Deutschen, wenn nicht mit sich selbst zu versöhnen, so ihnen doch ein Gespräch auf Augenhöhe zu ermöglichen. Aber um die Zwischentöne eines Mannes wie Warnach zu hören, müsste eine gewisse Stille im Land herrschen. Dafür fehlt aber im Moment jede Voraussetzung. Die schrecklichen Vereinfacher dominieren den öffentlichen Raum. Unsere Massendemokratie wäre wohl in seinem Blick, wenn nicht institutionell, so doch geistig in eine Ochlokratie (Pöbelherrschaft) abgeglitten.

Walter Warnach hat die Gefahr der totalen geistigen Entleerung, die der Bundesrepublik droht, schon früh erkannt. In einem 1960 veröffentlichten Gespräch mit Werner von Trott zu Solz, in dem er den mittelalterlichen Reichsgedanken des deutschen Kaisertums als Schutz der Schwachen und der Kirche in Erinnerung ruft, ahnt er das Drama des endgültigen Bruchs mit der Überlieferung hellsichtig voraus: „Wir leben aus einem solch reichen Vorrat an Kulturgütern“, charakterisiert er seine Lage als Philosoph, dass schon „die bloße Möglichkeit, dieser Güter eines Tages total verlustig zu gehen, uns einem Untergang gleichzukommen scheint“. Warnach selbst zehrt noch vom lebendigen Erbe der geisteswissenschaftlichen Tradition in Deutschland. Das Universitätsleben scheint dem umtriebigen Intellektuellen, der sich für mannigfache Eindrücke aus Kunst, Literatur und Politik offen zeigt, jedoch von Beginn an nicht genügt zu haben. Während seines Studiums der Philosophie, Germanistik und Romanistik in den frühen dreißiger Jahren knüpft er Kontakte zu anarchistisch-kommunistischen Gruppen, erteilt Esperanto-Unterricht und lernt schillernde Figuren der Kölner Künstlerszene wie den Vertreter der abstrakten Malerei, Joseph Fassbender, oder den Maler des Informel, Hann Trier, kennen.

Warnach hat Kontakte zu einer großen Variation unterschiedlichster Menschen 

Das Netz der intellektuellen Beziehungen wird sich im Laufe seines Lebens stetig erweitern. Es zeigt eine bewundernswerte Spannbreite des Austauschs auf ganz unterschiedlichen Ebenen der schöpferischen Weltaneignung. Warnach steht in Kontakt mit Theologen wie Karl Rahner oder Erich Przywara, Künstlern wie Joseph Beuys oder Jean Cocteau und weltanschaulich extrem gegensätzlichen Gestalten der Zeitgeschichte wie Carl Schmitt, Edith Stein, Heinrich Böll oder Albert Camus.

Seine universitären Studien finden bei dem Philosophen Heinz Heimsoeth einen Abschluss, bei dem er im Jahre 1938 mit einer Arbeit über „Sein und Freiheit bei Maurice Blondel“ promoviert. Obgleich sich keinerlei Anzeichen für eine Nähe zum Nationalsozialismus zeigen, wird er im Jahre 1937 unter nicht geklärten Umständen Mitglied der NSDAP. Im Zweiten Weltkrieg kämpft er an der Ostfront. 1945 wird er bei Berlin verwundet. Nach dem Krieg lässt er sich in Scheiderhöhe im Bergischen Land als freier Schriftsteller nieder.

Die Moderne gründet in der Leugnung der Erbsünde

Jahrzehnte einer hohen geistigen Produktivität folgen, die während seiner Lehrtätigkeit als Philosoph an der Kunstakademie Düsseldorf eine fruchtbare Fortsetzung finden. In jenen Jahren, es handelt sich um den Zeitraum 1960 bis 1975, wirkt er an der Seite von Joseph Beuys, zu dessen frühen Verteidigern er zählt, und setzt sich intensiv mit zeitgenössischen Kunstströmungen auseinander.

Den Grundstein seines Denkens hatte er bereits 1952 mit seiner bekenntnishaften Schrift „Die Welt des Schmerzes“ gelegt. Elegant geschürzt, mit der Wucht eines überwältigenden Metaphernschatzes, behandelt der Essay die Kriegserlebnisse und verbindet sie mit Problemen, die sich einem philosophisch geschulten Kopf in der Stunde Null fast automatisch stellen mussten: der deutschen Schuld, dem Anteil der Moderne an den totalitären Tyranneien des 20. Jahrhunderts und der Qualität des Schmerzes, den die Verbrechen der Nazis und der Weltkrieg auslösten. Atemberaubend, wenngleich kaum noch vermittelbar, lesen sich jene Passagen des Buches, in denen sich der Zwiespalt des Soldaten Ausdruck verschafft, der von den Verbrechen hinter der Front erfährt, sich aber ungeachtet der despotischen Machthaber weiterhin zum militärischen Dienst am Vaterland verpflichtet fühlt. Die plastische Schilderung und die Klarheit der Position nötigen höchsten Respekt ab.

Er schwingt sich nie zum Richter auf

Die deutsche Schuld und die Krise der modernen Welt werden sich als die beiden Hauptthemen von Warnachs Denken herauskristallisieren. Unermüdlich wird der Philosoph die Auseinandersetzung mit den Verbrechen der Nationalsozialisten anmahnen. Dabei unterscheidet er sich jedoch grundlegend von Vergangenheitsbewältigern heutigen Zuschnitts. Walter Warnach wird sich nie zum Richter über die deutsche Geschichte aufschwingen, geschweige denn sein tief empfundenes Deutschsein, das die Basis seiner Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus bildet, leugnen.

Den Hauptgrund für die Verworfenheit der modernen Welt erblickt er in der Leugnung der Erbsünde. Das chronisch gute Gewissen hat unser Zeitalter anfällig gemacht für politische Verbrechen wie den jakobinischen Terror, den Nationalsozialismus und Kommunismus. Gegen die metaphysische Unordnung der Moderne darf, wie der Philosoph in seinem bahnbrechenden Essay „Autorität und Anarchie. Charles Péguys Weg der Freiheit“ überzeugend darlegt, aufbegehrt werden, aber nicht, wie es die linke Utopie anstrebt, um Ordnung als solche zu beseitigen, sondern um die metaphysische Ordnung wiederherzustellen.

Die wichtigsten Schriften von Walter Warnach sind in dem Buch „Wege im Labyrinth“ (Pfullingen 1982) versammelt. Viele von ihnen lesen sich wie Kommentare auf die heutige Lage der westlichen Welt.

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