Berlin

"Eine Diktatur um den Preis des Aufbaus einer neuen Ordnung"

Fünfundzwanzig Jahre nach dem Tod des Dichters erweist sich Heiner Müllers dichterisches Werk als aktueller denn je.

Heiner Müller
Müller stellte schon 1988 fest: "In Europa gibt es ein zunehmendes Bedürfnis, das eigene Gedächtnis auszulöschen." Foto: dpa

Die Lücke, die Heiner Müllers Tod in der deutschen Literatur- und Geisteslandschaft hinterließ, hat sich mit den Jahren unter den Repressalien der Political Correctness und der Cancel Culture vergrößert. Deutschland verarmt an großen, auch provokanten Dichtern und Denkern, weil nicht mehr nach Qualität gefragt wird, denn Qualität ist Haltung und Haltung ist Qualität.

In seiner überaus lesenswerten Autobiographie sagte Heiner Müller nach 1990: „Das Problem mit einer repressiven Kulturpolitik ist ja – damals im Westen und jetzt überall in Deutschland auf andere Weise durch den Druck des Kommerzes –, dass keiner dazukommt, sich ,auszukotzen‘. Und das ist ja die Voraussetzung für ein dramatisches Oeuvre, dass man wenigstens einmal die Gelegenheit hat, den ganzen ,Glanz und Schmutz‘ seiner Seele von sich zu geben. Die ersten Stücke großer Dramatiker –,Titus Andronicus‘, ,Räuber‘, ,Götz‘, ,Schroffenstein?, Herzog Theodor von Gothland‘, ,Baal‘ – sind ja immer Stücke, in denen die Eimer ausgekippt werden... und in einer repressiven politischen Struktur kommt man schwer dazu, da wird alles schnell verbindlich und orientiert auf ein Bezugssystem.“

Müllers Vater sah die Diktatur als "gerechte Welt" kommen

Einer wie Heiner Müller ist heute nicht mehr vorstellbar, gleichwohl fehlt er. In dem Stück „Die Hamletmaschine“, das er 1977 schrieb, findet sich der Satz: „Mein Platz, wenn mein Drama noch stattfinden würde, wäre auf beiden Seiten der Front, zwischen den Fronten, darüber.“ Was Müller hier beschrieb, ist der Platz, den er einnähme, ist der Platz des Intellektuellen, dem die Wirklichkeit zum Material wird und der dadurch der Vereinnahmung entgeht, nicht zum Hanswurst der Ideologie, nicht zum „zweiten Clown im kommunistischen Frühling“, wie es im Stück „Der Bau“ heißt, nicht zum Comedian grüner Gemeinwohlgesellschaft erzogen wird.

In den Anmerkungen zum Lehrstück Mauser parodierte der Dramatiker 1970 die bekannte Zeile aus Rilkes Erster Duineser Elegie: „Die erste Gestalt der Hoffnung ist die Furcht, die erste Erscheinung des Neuen der Schrecken.“ Den Schrecken hatte er von klein auf erlebt und das Ausgestoßensein auch, seine früheste Erfahrung, die eines Parias. Müllers Vater, Sozialdemokrat, verschleppten die Nationalsozialisten ins KZ. Das Neue, das kam, brachte die schreckliche Utopie einer gerechten Welt mit sich. Während der Vater nach Westberlin ging, weil er nicht zum zweiten Mal eine totalitäre Diktatur erleben wollte, zog es den Sohn nach Ostberlin, ins Zentrum dieser Diktatur, denn der werdende Dichter sah in ihr „eine Diktatur um den Preis des Aufbaus einer neuen Ordnung, die vielleicht noch entwickelbar ist, eine Diktatur gegen die Leute, die meine Kindheit beschädigt hatten“. Die DDR war sowohl ein Unrechtsstaat, als auch ein Staat mit Utopieüberschuss, man versteht sie nur, wenn man die Spannung zwischen Unrecht und Utopie begreift, denn die Utopie wurde zur Rechtfertigung für das Unrecht. Als sie die Utopie verlor, blieb nur noch das Unrecht über.

Eingeständnis: Kommunismus ist nicht zu verwirklichen

Auch wenn Brecht ihn nicht als Meisterschüler annahm, tummelte sich der angehende Dramatiker im Umkreis der Berliner Theater und hielt sich finanziell als Mitarbeiter des „Sonntags“, der kulturpolitischen Zeitung des Kulturbundes und der Zeitschrift des Schriftstellerverbandes, „neue deutsche literatur“ (ndl), über Wasser – und schrieb vornehmlich Stücke. Zu den Paradoxien der DDR gehörte es, dass der Schriftsteller Erik Neutsch für den Roman „Spur der Steine“ den Nationalpreis erhielt, während die Verfilmung des Buches durch Frank Beyer und das nach Motiven des Romans entstandene Stück von Heiner Müller „Der Bau“ 1965 vom 11. Plenum der SED, dem sogenannten Kahlschlagplenum, verboten wurde.

Erich Honecker, der die Verdammungsrede hielt, warf den Regisseuren, deren Filme man aus dem Programm nahm, und Heiner Müller vor, dass sie „unsere Wirklichkeit... nur als schweres, opferreiches Durchgangsstadium zu einer illusionären schönen Zukunft – als ,die Fähre zwischen Eiszeit und Kommunismus‘ (Heiner Müller: ,Der Bau‘) ansähen“. Zu dieser Zeit hatten die Theoretiker der SED den „real existierenden Sozialismus“ als eigene Gesellschaftsformationzwischen Kapitalismus und Kommunismus definiert und dadurch den Utopieüberschuss aufgelöst. Im Grunde gestand sich die SED-Führung damit ein, dass der Kommunismus nicht zu verwirklichen war – und flüchtete in eine kleinbürgerliche Gesellschaft, die umso mehr Phrasen produzierte, je unwirklicher sie wurde.

„Der real existierende Sozialismus“ ist spießbürgerlich

Aus der Spannung zwischen der Utopie einer gerechten Gesellschaft und dem erst stalinistischen Terror und der darauf folgenden staatsbonapartistischen Dekadenz heraus entstanden Müllers Texte. Barkas Satz im „Bau“ formulierte Müller um, härter, zorniger, enttäuschter auch. Nun lautete er: „Ich bin das Ponton zwischen Eiszeit und Kommune“, und markierte damit Müllers Standpunkt zwischen der Vorgeschichte der Menschheit, in der er sich immer noch wähnte, und dem Reich der Freiheit und Gerechtigkeit, das freilich Utopie bleiben musste. In seiner Geschichtsästhetik stellte die Verwirklichung der Utopie einen Akt der Befreiung der Toten dar – und zwar der Erlösung zerstörter Hoffnungen. Der kommunistische Frühling brach nicht an, das Ponton existierte nicht, das Neue war nur der neue Schrecken, den Müller am verkommenen Ufer kommunistischer Eiszeit erlebte.

„Ich war Hamlet. Ich stand an der Küste und redete mit der Brandung BLABLA, im Rücken die Ruinen von Europa“, beginnt das 1977 verfasste Stück „Die Hamletmaschine“. Zwei Jahr später begrub Heiner Müller seine Hoffnungen endgültig in dem Stück „Der Auftrag“, das im Untertitel nicht zu Unrecht „Erinnerung an eine Revolution“ heißt.

„Theater fragt inzwischen nicht mehr ‚Was soll das?‘,
sondern verkündet nur noch als Haltung ‚So ist das!‘“

Nach dem Ende der DDR kämpfte der Dramatiker mit Schreibblockaden. Dass er überhaupt noch dichtete, für das Theater arbeitete, lag daran, dass eben jenes Theater zwar siechte, aber so schnell noch nicht sterben konnte. Doch mit der DDR verschwand letztlich das DDR-Theater, mit der alten Bundesrepublik auch das Theater der Bundesrepublik und insgesamt das Theater überhaupt. „Theater, denen es nicht mehr gelingt, die Frage ,Was soll das‘ zu provozieren, werden mit Recht geschlossen“, schrieb der Dichter 1994 am „Vorabend des Todes“. Theater fragt inzwischen nicht mehr „Was soll das?“, sondern verkündet nur noch als Haltung „So ist das!“

Manches von dem, was ich von Heiner Müller begeistert als Student in den achtziger Jahren geradezu aufgesogen habe, ist mir heute fremd oder merkwürdig verfremdet, anderes trifft mich aus einer unerwarteten, unvertrauten Perspektive.

Zu seinem Werk gehören nicht nur Gedichte, Prosatexte, Dramen, sondern auch eine Vielzahl von Interviews und Gesprächen, die dichterische Qualität besitzen, in Wahrheit angewandtes Drama, Lehrstück, Clownerie, Metapher, Provokation sind. Die Metapher wurde für Müller zum Ort der Freiheit. Manches deutet darauf hin, dass wir Grund bekommen, uns daran zu erinnern. Bereits 1988 stellte Müller fest: „In Europa gibt es ein zunehmendes Bedürfnis, das eigene Gedächtnis auszulöschen.

Heiner Müller bleibt auch zwanzig Jahre nach seinem Tod einer der großen Wiedergänger der deutschen Literatur. Während Bertolt Brecht, Müllers großes Vor- und Gegenbild, in die Literaturgeschichte eingegangen ist, ist Heiner Müller noch eine Tatsache der Literatur.

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