Technikkritik

Eine Abrechnung mit dem Fortschrittsglauben

Eine katholische Kritik der Technik kann sich nicht auf ein bloßes "Zurücknehmen" oder einen bloßen "Schutz" von Natur beschränken oder Modewörtern nachrennen. Sie muss das Übel an der Wurzel packen.

Charlie Chaplin
Der Mensch kommt zwischen die kalten Zahnräder der technisierten Welt. Um wieder ganz Mensch zu werden, muss er sich seiner Natur besinnen, sich aus den Zwängen des opportunistischen Nützlichkeitsdenkens befreien und sich dem Erreichen seiner letzten Bestimmung widmen. Foto: imago-images

Die Technik fesselt den Geist der Moderne. Zuerst als Versprechen einer besseren Welt, begleitet von der liberalen und sozialistischen Ideologie; nach den beiden Weltkriegen und im Angesicht des atomaren "Gleichgewichts des Schreckens" als beinahe dämonische Kraft, in deren Abhängigkeit sich die Menschheit begeben hat. Christopher Rausch, Physiker und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich, meldet sich mit einer "Kritik der Technik" zu Wort, die mit dem "technischen Geist" abrechnet, der nicht nur seine Kollegen, sondern den gesamten Westen bis heute beherrscht.

Der Essay, der zuerst in der Zeitschrift "Die Weiße Rose" (Band 12, 1060 Wien Postfach 192) erschienen ist, erweist sich damit als eine Abrechnung mit dem Fortschrittsglauben wie sie Friedrich Dürrenmatt bereits in seinen "Physikern" dramaturgisch exerziert hat   mit der Pointe, dass sich Dürrenmatts Protagonist Möbius nach seiner menschheitsgefährdenden Entdeckung in ein Sanatorium zurückzieht, indes Rausch zum Katholizismus gefunden hat und sein zukünftiges Heim bei den Benediktinern bezieht.

Eine Mechanisierung der Vorstellung

In seiner historischen Erklärung des technischen Geistes greift Rausch auf Juan Donoso Cortés zurück, dass zuerst kleine, dann größere Häresien den Weg gebahnt hätten. Die Naturwissenschaftler hätten es dabei nicht mit Deutungen auf ihrem eigenen Feld belassen. So habe sich Galileo Galilei mit Bibeldeutungen in kirchliche Belange vorgewagt. Die Legitimation der Induktion als Erkenntnismethode durch Galilei und seine Mitstreiter hätte sich zudem "zwangsläufig als fatal" erwiesen. Sie führte zu einer "Reduktion der Wirklichkeit" und damit einem "Zerrbild". Die Fortsetzer dieser "falschen Philosophie" wie Descartes, Hobbes, Newton oder Darwin führten auf ihrem jeweiligen Fachgebiet mechanistische Vorstellungen ein. Die Aufklärung bzw. die Moderne und deren "destruktive Folgen" seien "ohne die vorangehenden technisch-naturwissenschaftlichen Errungenschaften und die an sie geknüpften Hoffnungen und irreleitenden Utopien nicht denkbar gewesen". Im Zuge des aufgeklärten Deismus sank der Schöpfer zu einem "überflüssig  gemachten" herab, der im Atheismus ab dem 19. Jahrhundert komplett verschwand.

Die Wesensmerkmale des darauf triumphierenden technischen Geistes, die Rausch beschreibt, wirken schon bei ihrer Nennung alles andere als heilsbringend: darunter Determinismus, Unterwerfung, Reduktionismus, Ausbeutung, Funktionalismus, Unpersönlichkeit   und Mangel. Das erscheint paradox, hat doch die Technik der Menschheit einen historischen Wohlstand beschert. Rausch bezieht sich in seiner Mangel-Analyse auf Friedrich Georg Jünger: "Wenn ich Reichtum als ein Sein begreife, dann bin ich offenbar nicht deshalb reich, weil ich vieles habe, vielmehr hängt alles Haben von meinem reichen Sein ab." Reichtum ist damit "ursprünglich" und sein Kennzeichen ist der Überfluss. Überfluss kennt daher keine Rationalisierung, keinen Funktionalismus und keine Reduktion.

Schmucklose Fassaden sind im Gegensatz zu Barockfenstern eine Form des "Pauperismus". Die Technik vermehrt eine "seinsmäßige" Armut. Wo der technische Einzug halte, höre die organische Gliederung auf und mache einem ständig wachsenden "Proletentum" Platz   und sei es "ein geistiges von stumpfsinnigen Materialisten", so Rausch. Der Fall ist auch in der Geschichtswissenschaft zu beobachten, etwa, wenn nicht mehr Persönlichkeiten, sondern maschinell funktionierende Gesellschaften den Ausschlag geben   oder Rituale, Prozessionen und Stiftungen nicht mehr mit persönlicher Frömmigkeit erklärt werden können, sondern nur mit politischen Absichten. 

Gut scheint, was machbar und nützlich ist

Der technische Geist hat sich demnach aller Bereiche menschlichen Lebens bemächtigt. Die Wissenschaft sucht nicht nach Wahrheit, sondern beschränkt sich auf "utilitaristische Ausbeutung". Die Wirtschaft verabschiedet sich von der traditionellen Haushaltung und wird "Werkzeug" von Staaten und Unternehmen zur uferlosen Ausbeutung. Die Jurisprudenz fragt nicht mehr nach Gerechtigkeit, sondern "reduziert" sich auf Rechtspositivismus. Die Bildung ist nur noch als "funktionale Ausbildung" denkbar, die Kunst eine Spekulation aus Funktion und Kostenorientierung, die Medizin ein "Instrument der Bevölkerungsregulierung, der gesundheitspolizeilichen Überwachung und der Eugenik". Für Tradition, Familie und Privateigentum hat der technische Geist dagegen wenig übrig. Er empfindet der Tradition gegenüber einen "prinzipiellen Hass" weil sie "unfortschrittlich" ist; auf die Familie antwortet er mit Atomisierung und Verstaatlichung der Kinder. Dem Privateigentum droht nicht nur der Sozialismus, sondern auch der Staatskapitalismus sowie die Verflüssigung des Geldwesens   Ausläufer der technischen Idee größerer Effizienz und Organisation. Das Schicksal des Menschen ist   so die trübe Aussicht   in Degeneration und Versklavung zu suchen,"losgeschält von jeglicher organischen Gesellschaftsstruktur, von Familie, Tradition und Heimat,  befreit  vom Wissen um die Freiheit des eigenen Willens."

Die teuflische Seite der Technik

Rausch stößt damit ein Fenster für eine katholische Technikkritik auf, die seit den 1980ern ideologisch und politisch von der Umweltbewegung vereinnahmt wurde. Bemerkenswert dabei: auch diese Form der Technikkritik, beispielsweise gegenüber der Kernenergie, entspricht paradoxerweise dem technischen Geist. Ganz losgelöst von Rauschs Buch: Der Erhalt der Schöpfung ist kein Eigenwert. Ob Umweltschutz, Energiewende oder Klimawandel: jedes der Projekte kennt seine Profiteure, seine Subventionen und seine Arbeitgeber. Der Slogan der "Nachhaltigkeit" verrät das Bewusstsein: Ausbeutung der Ressourcen, aber etwas langsamer oder auf andere Art und Weise. Die Natur wird nicht erhalten, weil sie "gut" oder "schön" wäre. Die fortschrittlich denkende Seele ist in ihrer kühlen Berechnung dazu bereit, Leben zu zerstören, um vorgeblich Leben zu schützen. Darin spiegelt sich die dämonische, wenn nicht sogar teuflische Seite der Technik, die alles verspricht, aber das Gegenteil herbeiführt; etwa, wenn sie den Naturschutz hervorhebt, aber für ihre ideologischen Projekte Waldstücke fällen muss; wenn sie das Bienensterben anprangert, aber Windräder aufstellt, die zum milliardenfachen Insektentod führt; oder wenn sie von sauberen Elektro-Autos schwärmt, obwohl dafür ganze Süßwasserseen in Südamerika verschwinden, weil die dafür benötigte Lithiumförderung Millionen Liter Wasser verschlingt. Es wundert nicht, dass Rausch die "linke Umweltbewegung" als problematisch ansieht, da deren Lösungen "im Ansatz" falsch seien.

„Der Mensch sei damit selbst "anorganisch und amorph" geworden
und damit zum Diener der Maschine“

Es ist ein Paradoxon, über das wenige sprechen. Dabei hat die Deutsche Bischofskonferenz bereits im Jahr 1980 ("Zukunft der Schöpfung   Zukunft der Menschheit") auf diese Zusammenhänge hingewiesen. Sie rekurrierte dabei nicht nur auf Jünger, sondern auch auf Robert Dvorak, der 1948 in "Technik, Macht und Tod" schrieb, dass die Technik eine "dämonische Neigung zur Katastrophe" in sich trage, mit dem Krieg als "orgiastische Stunde der Technik", die zugleich "Höhepunkt der technischen Dämonie" sei. Wenn Dvorak die Industrielandschaft als Bild des Grauens bewertet, dann kommt einem nicht nur Jüngers Bewertung der Technik als "hässlich" in den Sinn, sondern auch Tolkiens "Herr der Ringe", in dem eine frühe Form der Industrialisierung die Wälder von Isengard und das Auenland zerstört. Im selben Jahr wie "Technik, Macht und Tod" erschien Hans Sedlmayrs "Verlust der Mitte". Nach Sedlmayr habe die Technik den Schwerpunkt menschlicher Arbeit in das "enorme Reich des Anorganischen" verlagert, der Mensch sei damit selbst "anorganisch und amorph" geworden und damit zum Diener der Maschine. Schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts beklagte Adam Müller von Nitterdorf, dass die Teilung der Arbeit die Menschen "in Räder, Drillinge, Walzen, Speichen, Wellen usw." zerschneide, ihnen damit die Ganzheit raube und sittlich zersetze.

Eine katholische Kritik der Technik kann sich demnach nicht auf ein bloßes "Zurücknehmen" oder einen bloßen "Schutz" von Natur beschränken oder Modewörtern nachrennen. Sie muss das Übel an der Wurzel packen. Rausch spricht von einer "persönlichen Emanzipation", sodass der Mensch im Notfall nicht von der Technik abhängig sei. Das technizistische Denken und der immer noch latent wirkende Fortschrittsmythos müssen in allen Bereichen des Lebens "entlarvt" werden: "Der Mensch kann sich nicht durch Maschinen, Apparate, Computer oder materiellen Besitz verbessern, das ist unmöglich, weil diese Dinge gar nicht den Wesenskern des Menschen berühren. Sie helfen ihm auf seinem Weg in den Himmel nicht im Geringsten." Damit berührt der Physiker einen Punkt, den Papst Johannes Paul II. gegenüber Studenten der Katholischen Universität Warschau schon im Jahr 1979 äußerte: bei aller "Ausbildung zur Produktion, zum beruflichen technologischen und wissenschaftlichen Können" dürften sie nicht "die letzte Bestimmung der Menschen auf volle Gerechtigkeit und auf die Heiligkeit aus der Wahrheit" übersehen.

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