Paris

Gabriel Fauré: Ein Kenner der französischen Psyche

Als Krönung seiner Laufbahn wurde er Kirchenmusiker: Vor 175 Jahren wurde Gabriel Fauré geboren.

Gabriel Fauré
Wollte die Verbesserung der französischen Kirchenmusik: der Komponist Gabriel Fauré. Foto: Pierre Petit, 1905

Seine Musik ergreift den Hörer sofort. Dabei ist sie ihrem Wesen nach unaufdringlich, besinnlich und intim, und so soll auch der Charakter ihres Schöpfers gewesen sein. Vielleicht liegt darin die Paradoxie begründet, dass seine Werke zwar bis heute viel gespielt werden, der Name ihres Komponisten aber im allgemeinen Bewusstsein weniger präsent ist als, sagen wir, der Maurice Ravels, welcher einer seiner Schüler war. Dabei würde Gabriel Fauré wesentlich mehr Aufmerksamkeit verdienen, und das nicht nur unter rein musikalischem Gesichtspunkt. Denn wie schrieb der Musikwissenschaftler Paul Landormy: „Über Fauré sprechen, heißt von den intimsten und verborgensten Bezirken der französischen Psyche sprechen.“ Und der US-Komponist Aaron Copland bescheinigte ihm „alle markanten Merkmale des französischen Nationalcharakters: Sinnlichkeit, untadelige Manieren, klassische Zurückhaltung“.

Vor 175 Jahren, am 12. Mai 1845, wurde Gabriel Fauré in Pamiers im Département Ariege geboren. Die spätere Karriere war dem Sohn eines zwar kultivierten, aber musikalisch nicht sehr interessierten Volksschulrektors nicht in die Wiege gelegt. Dass es dazu kam, verdankte er letztlich der Kapelle von Montgauzy, in die sich der stille und nachdenkliche Junge gerne zurückzog. So gerne, dass es eine Dame aus dem Bekanntenkreis der Familie schon zu Träumen verleitete, aus ihm könnte vielleicht einst ein Bischof werden. In Wahrheit war es das einfache Harmonium der Kirche, das den kleinen Fauré magisch anzog, und auf dem er sich selbst versuchte. Eine ältere blinde Dame, die oft in der Kapelle betete, erkannte das enorme musikalische Talent des Jungen und machte seine Eltern darauf aufmerksam.

Lebenslanges Interesse an alter Musik

Ein mit dem Vater befreundeter Parlamentsabgeordneter vermittelte die Aufnahme des Neunjährigen in die renommierte Pariser „École Niedermeyer“. Die nach ihrem Gründer benannte Schule hatte sich ein ehrgeiziges Ziel gesetzt: die Verbesserung der französischen Kirchenmusik. Fauré selbst beschrieb die Lage um 1850 später so: „Obwohl schlechte Musik mit jedem Tag mehr und mehr zur Ausnahme wird, war sie doch bis zur Mitte des letzten Jahrhunderts fast die allgemeine Regel.“ „Schlecht“ war diese Musik vor allem, da sie dem allgegenwärtigen Einfluss der Oper unterlag. Die École Niedermeyer wollte die Kirchen mit Musikern versorgen, die eine angemessenere Musik spielten. Eine wichtige Rolle spielte in der École der gregorianische Choral, der weit über die damals allgemein übliche Praxis hinaus gepflegt wurde. Diesem Unterricht verdankte Fauré sein lebenslanges Interesse an alter Musik.

Zugleich führte ihn sein Klavierlehrer Camille Saint-Saëns in die „moderne“ Musik eines Liszt, Schumann und Wagner ein und begutachtete die ersten Kompositionen des Jugendlichen. Im Salon der Sängerin Pauline Viardot kam Fauré ab 1872 in Kontakt mit einigen der bedeutendsten Pariser Intellektuellen der Zeit, darunter etwa Gustave Flaubert und Iwan Turgenjew.

Vergleichbar mit Bruckner, war Fauré eher ein Spätzünder. Sein erstes herausragendes Werk, die erste Violinsonate, erschien erst 1877, und erst nach seinem 50. Geburtstag fand Fauré endlich die ihm als Komponisten gebührende Anerkennung. Seit 1874 war er an der Pariser Église de la Madeleine tätig; 1896 wurde er dort, in einer der vornehmsten und mondänsten Pfarrgemeinden Europas, zum Titularorganist ernannt. Dies war die Krönung seiner Laufbahn als Kirchenmusiker, die er als junger Mann etwas holprig begonnen hatte. Seine erste Stelle in Rennes hatte er verloren, als er nach dem Besuch eines samstagabendlichen Balls am nächsten Morgen noch in Abendgarderobe zum Dienst erschien.

Faurés Requiem ist besinnlich, ohne Schrecken und Gericht

In der Madeleine erlebte 1888 auch Faurés wichtigstes geistliches Werk seine Uraufführung: das Requiem. Fauré modifiziert darin die liturgischen Texte. Das Benedictus lässt er ebenso aus wie die Sequenz „Dies Irae“ (ausgenommen die Schlussworte: „Pie Jesu“). Dafür fügt er das „Libera me“, das Responsorium bei den Tumbagebeten vor dem Katafalk, hinzu, sowie den Gesang „In Paradisum“, der die Überführung des Leichnams bis zum Friedhof begleitete. Es ist ein besinnliches Requiem ohne Schrecken und ohne Gericht, in dem das Wort requies (Ruhe) wahrlich eine zentrale Bedeutung erhält. In seiner Würde und Einfachheit ähnelt dem Requiem der andere Höhepunkt von Faurés geistlichem Schaffen, der „Cantique de Jean Racine“ (Nachdichtung eines ambrosianischen Hymnus).

Aus seinem umfangreicheren weltlichen Schaffen sollen hier nur zwei Werke hervorgehoben werden: die zauberhaft-elegante „Pavane“ und seine Bühnenmusik zu Maeterlincks „Pelléas et Mélisande“ (zu deren Sätzen unter anderem eine berückend schöne Sicilienne gehört).

1905 wurde Fauré Leiter des Pariser Konservatoriums. Zur selben Zeit begann er unter Gehörschwierigkeiten zu leiden, die wie bei Beethoven schließlich zu vollständiger Taubheit führten, ohne ihn jedoch in seinem Schaffen zu beeinträchtigen. Als Direktor des Konservatoriums modernisierte er den Lehrplan so, dass konservative Dozenten ihn einen „Robespierre“ schalten. Modernisierung bedeutete dabei freilich vor allem, den musikhistorischen Horizont der Studenten zu erweitern. „Klassische Musik“ beschränkte sich für ihn nicht auf das 18. und 19. Jahrhundert. Ein bekannter Emeritus warf Fauré vor, das Konservatorium „zum Tempel für die Zukunftsmusik“ machen zu wollen. Der mit Fauré befreundete Pierre Lalo machte auf die Haltlosigkeit dieses Vorwurfs aufmerksam: „Studenten, die bislang von solchen Dingen nichts wussten, die Existenz von Palästrina, Monteverdi, Schütz oder Rameau bekannt zu machen ... bedeutet das etwa, aus dem Konservatorium einen Tempel für die Zukunftsmusik zu machen?“

1920 nötigte man Fauré seiner Ertaubung wegen dazu, den Posten im Konservatorium aufzugeben. Eine Weile nutzte er die wider Willen vermehrte Freizeit für eine verstärkte Kompositionstätigkeit, dann erlahmten seine Kräfte. Am 4. November 1924 verstarb Gabriel Fauré in Paris an einer Lungenentzündung.

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