Dülken

Ein Hauch von Armageddon schwebt über dem Land

Wohin man auch schaut, es sieht düster aus. Verfall und Werteverlust, Untergang und Konsumismus. Wo findet man Hoffnung und Orientierung?   Eine schonungslose Bestandsaufnahme.

Die vier apokalyptischen Reiter (Wiktor Michailowitsch Wasnezow)
Pandemie, Bildungsversagen, Zerstörung der Menschenwürde und ein dominater Materialismus beherrschen unter anderem das gesellschaftliche Denken und Handeln. Zusammen wirken diese negativen Entwicklungen sehr zerstörerisch auf die menschliche Gemeinschaft. Daraus ergibt sich ein d... Foto: Wiktor Michailowitsch Wasnezow

Der postmoderne Mensch steht auf einem Hochplateau. Wie von einem Feldherrnhügel aus sieht er unter sich die Welt als monumentales Schlachtfeld. Doch wir sehen nicht nur einer Schlacht zu, vor uns breiten sich die ganzen Jahrhunderte aus, alle Welten, die unsere Geschichtsschreibung kennt, alle Kulturen ziehen an uns wie auf einem Bilderbogen vorbei. ( ) Die Versuche, die Welt zu ordnen, brachten jede Menge Glaubensrichtungen, Mythologien, Transzendenzfantasien und Gesetze hervor. Eine bessere Richtschnur als die Zehn Gebote wurde nie zustande gebracht und die wurden Mose auf dem Sinai ja von Gott übergeben.  

Die Menschenrechte mögen eine gute Richtschnur sein, oft bleiben sie im Ungefähren. Oder im Negativen, warum sonst sollen Abtreibung oder Euthanasie Menschenrechte sein? ( ) Mit der Ausbreitung technischer Wunderwerke verbreitete sich zunehmend eine babylonische Sprachverwirrung. Wir nennen unser Zeitalter Informationszeitalter, sind aber immer schlechter informiert. Wir nennen es Kommunikationszeitalter, doch es wird immer schwieriger, Absprachen zu treffen. Wir glauben die Zeit zu beherrschen, allerdings sehen wir uns häufig außerstande, Termine einzuhalten. Wir versuchen durch Logik eine Allegorie für unsere Einsamkeit zu finden, doch wenn alles Erdenkliche ausgereizt ist, bleibt die Leere der Vergeblichkeit. Selbst der genialste Gedanke bleibt machtlos gegenüber dem Tod. Wir bleiben an die letzten Fragen gefesselt, wie Prometheus an den Felsen. Alles menschliche Denken schmilzt über die Jahrtausende dahin wie die Eisberge an den Polen. ( ) Die Hamletfrage "Sein oder Nichtsein" bleibt auch dem Nerd der Postmoderne im Halse stecken. ( )

„Welcher aktuelle Politiker verfügt nur im Ansatz
über die Weisheit Salomos?“

Spätestens seit dem Super-GAU von Tschernobyl wissen wir, dass Katastrophen nicht an nationalen Grenzen enden. Spätestens seit den Migrationsströmen von 2015 wissen wir, dass die Grenzen des alten Europa erodieren. Auch hier zeigt sich das Wachsen der Wüste, doch "die salomonische Bitte bleibt die entscheidende Frage, vor der der Politiker und die Politik auch heute stehen" (Papst Benedikt XVI. im Deutschen Bundestag am 22. September 2011). Nur, welcher aktuelle Politiker verfügt nur im Ansatz über die Weisheit Salomos? Welche Autorität soll greifen, wenn der Mensch zu einer Geldbeschaffungsmaschine herabgewürdigt wird? Manchmal ist er nicht einmal mehr das, sondern nur noch staatlich alimentierter Konsument, dessen kulturelle Identität darin besteht, dass er mehr als einhundert Fernsehprogramme empfangen kann.

Die einstmals generationenübergreifende Weitergabe einer ideellen Erbschaft wie Glaube oder Heimat liegt begraben im Limonadenhimmel der Chips-Gourmands. Fauchende Fettsucht dirigiert die Fernbedienungen der Verblödungsmaschinen, der alte Affe wird schläfrig in seiner Betonhöhle. Wir konsumieren uns zu Tode. So ist es gewollt! Der Kapitalismus versprüht das Opium des "Kaufens und Verkaufens". Alles andere, alles Denken und Glauben, jedes Sozialgefühl und jede Menschlichkeit, geht unter in der Anarchie des Konsumwahns. Die Wechselbeziehung zwischen dem Verschwinden demokratischer Grundrechte und der Abfütterung der Konsumenten zeigt sich deutlich am Schwund der bürgerlichen Mitte zugunsten der Proletarisierung des Mittelstandes. Der Staat trägt durch seine wirtschaftlichen Enteignungs- und bildungspolitischen Verdummungsprograme tatkräftig dazu bei.  

Ausnahmezustand als permanente Herrschaftsform

Im postmodernen Verständnis gilt er zwar als höchste und letzte Instanz, was dem Verständnis des Hobbes schen Leviathan entspricht, aber aktuell erscheint er nur noch als Erfüllungsgehilfe multinationaler Konzerne. Der Ausnahmezustand ist zur permanenten Herrschaftsform geworden, die Verwüstung grausame Realität. Eine Demokratie, wie sie in der Bonner Republik begründet und in der Berliner Republik bis vor einigen Jahren gepflegt wurde, ist Relikt einer besseren Vergangenheit.  

Die verfehlte Bildungspolitik der letzten Jahrzehnte führte zu einem rapiden Bildungsverlust. Die Universitäten, einst Ort lebhafter Diskussionen, sind zu Lernfabriken abgesunken. Lernen dient nicht mehr dazu, den geistigen Horizont zu erweitern, es geht darum, Konsumenten für den kapitalistischen Betrieb nutzbar zu machen. In den Geisteswissenschaften hat die Demoralisierung ein derart beängstigendes Ausmaß erreicht, dass das humanistische Studium offensichtlich zur Weiterentwicklung der modernen Welt absolut nichts mehr beitragen kann.

Linke Bildungspolitik fördert nicht gerade die Intelligenz

Jede Form humanistischer Bildung wurde auf dem Altar einer Chaos-Pädagogik geopfert. Die Forderung der Linken Anfang der 70er Jahre, dass wenigstens die Hälfte aller Deutschen Abitur haben sollte, hat beim Marsch durch die Institutionen seltsame Blüten getrieben. Zwar haben immer mehr junge Menschen Abitur, aber sie können weder richtig rechnen noch schreiben. Dafür werden sie im Sexualkundeunterricht zwangssexualisiert. Die Reformpädagogik krückt sich auf diesem Wege immer weiter ins Abseits.  

Betrachtet man die biblische Praxis, müsste Gott nach heutigem Verständnis einige Semester Pädagogik nachstudieren. Um es im Neusprech zu formulieren: "Die Sache mit der Sintflut oder das Ding in Sodom und Gomorrha, das geht ja gar nicht." Seit den linken Experimenten der 70er Jahre ist die Bildungspolitik weit davon entfernt, Intelligenz zu demonstrieren. Stattdessen wurde ein Bildungsestablishment etabliert, das mit Berserker-Hybris die Chaos-Pädagogik verteidigt. So wird beispielsweise der Eindruck erweckt, dass die Schule sich insbesondere der ethnischen Gruppen anzunehmen hat, um das Bildungsniveau an deren Kenntnisse anzupassen.

Das Niveau wird permanent nach unten gedrückt

Infolgedessen wird der Lehrstoff immer weiter nach unten nivelliert. Inzwischen muss man davon ausgehen, dass immer weniger Lernende dem Lehrstoff folgen können, weil sie der deutschen Sprache nicht mächtig sind. Also wird man mehr Wert auf die Verwendung von Bildern und Fotografien legen. Alles selbstverständlich im Namen der Demokratisierung. Die Emanzipationsrhetorik der akademischen Linken beharrt darauf, dass die wichtigste Form des Schulunterrichtes darin besteht, die "Erfahrung des Andersartigen" zu vermitteln. Ein weiterer beredter Ausdruck des geistigen und moralischen Verfalls.  

Woher kommt die penetrante Arroganz bei vielen links-liberal-alternativen Humanisten? Die Antwort liegt in der Einbildung begründet, man verfüge über eine vitalere Ethik als andere. Die Liberalen des 19. Jahrhunderts und im Nachgang die Linke neigten zu der Überzeugung, dass sie sich als Privilegierte im Besitz einer allein seligmachenden Wahrheit befänden. Die aktuell elitäre Klasse vollzieht die Guillotinierung der freien Meinung unter dem Vorwand der Humanität. Ihre vorgebliche Philanthropie dient zur Durchsetzung von Minoritäten-Meinungen. Mit religiöser Inbrunst fordert man Empathie ein. Doch Mitgefühl ist unter der Ägide des neomarxistischen Mainstreams zur humanitären Fassade der Verachtung geworden. ( )  

Den Regierenden ist die Wirklichkeit entglitten

Die sich in allen Bevölkerungsteilen festsetzende Existenzangst spiegelt wider, dass den Regierenden die Wirklichkeit längst entglitten ist. Ein Hauch von Armageddon umschwebte schon die kulturelle Elite des 20. Jahrhunderts. Jetzt sind wir einen Schritt weiter. All das verleiht dem Albtraum   oder der Todessehnsucht des postmodernen Citoyens   historisch-konkrete Gestalt und scheint die düsteren Prophezeiungen von Zukunftsforschern wie Robert Jungk oder dem Club of Rome zu erfüllen. Fast schon geschmäcklerisch wird die Frage diskutiert, ob die Welt im Feuersturm untergeht oder in Eis erstarrt oder ob sie ganz einfach mit einem Knall aus ihrer Umlaufbahn geschossen wird.

Die drohende Katastrophe führt allerdings keine kathartische Wirkung im Geleit. Es bleibt die erdrückende Tatsache, dass der Materialismus Gott abschafft, weil ihm die Würde des Menschen weniger gilt als der Profit. Wie die Zukunft auch immer aussieht, weder profitorientierte Todesschwadrone noch faschistoide Mainstreamer können das Erlöschen Gottes im Inneren des Menschen bewirken. Es gilt unabänderlich, was Edith Stein schrieb: "Der mystische Strom, der durch alle Jahrhunderte geht, ist kein verirrter Seitenarm, der sich vom Gebetsleben der Kirche abgesondert hat   er ist ihr innerstes Leben." (Edith Stein, "Das Gebet der Kirche", in: Wege zur inneren Stille).


Der Essay ist ein Auszug aus dem aktuellen Buch des Autors "Gesellschaft ohne christliche Identität. Die Orientierung fehlt" (S. 176, Media Maria, 2020, 16,95 EUR). Mit freundlicher Genehmigung des Autors und des Verlags.

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