Berlin

Berliner Kirche St. Afra: Besondere Orgel aus England

Trotz des Corona-Regimentes soll das "Instrument des Jahres 2021" - die Orgel - zumindest in diesem Jahr in St. Afra unbedingt gefeiert werden. Denn schon vergangenes Jahr erlebte das weitgereiste Instrument seinen fünften Jahrestag am neuen Einsatzort in Berlin. Dort wird sie gerne und vielfältig genutzt.

Hill-Orgel, St. Afra in Berlin
Ursprünglich stammt die "alte Lady" aus England: Die historischen Schnitzereien mussten teils nachgefertigt werden, um die Pfeifen der Hill-Orgel in St. Afra in Berlin unterzubringen. Auf den beiden Seitenemporen befinden sich weitere Orgelpfeifen. Foto: Oliver Gierens–

Die Orgel ist das „Instrument des Jahres 2021“. Jedes Jahr verleiht die Konferenz der Landesmusikräte in Deutschland diesen Titel, um Neugier und Aufmerksamkeit für ein bestimmtes Instrument zu wecken. Aus diesem Anlass stellen wir in einer Serie in unregelmäßigen Abständen interessante und außergewöhnliche Orgeln in deutschen Kirchen vor. Heute geht es in den Norden Berlins. Im Stadtteil Wedding steht – etwas unscheinbar in einer Häuserzeile – die ehemalige Stiftskirche St. Afra. Dort fand 2015 eine historische Hill-Orgel aus England ihr neues Zuhause, die nicht nur durch ihren Klang, sondern auch ihren Umfang ein außergewöhnliches Instrument ist.

Diese Orgel klingt anders. Selbst weniger geschulte Ohren vernehmen diesen Eindruck schon nach wenigen Minuten. Weiche, helle Grundtöne erfüllen den Kirchenraum von St. Afra im Berliner Stadtteil Wedding und lassen gleich vermuten, dass hier die „Königin der Instrumente“ eine ganz besondere ist. Und vor allem eine besonders große: Denn die tiefen Töne sind so mächtig, dass man die Vibrationen in den Kirchenbänken deutlich spürt. Das weiß auch Organist Jonas Wilfert, der diese ungewöhnliche Orgel seit gut fünf Jahren spielt. „Eigentlich ist sie zu groß und zu laut, so wie viele Autos, die heute über die Straßen fahren“, meint der Kirchenmusiker. „Das ist schon an der oberen Grenze, und man muss die Orgel differenziert benutzen.“

Wie der Zufall nach England führte

Dennoch – oder gerade deswegen – liebt Jonas Wilfert dieses Instrument: die Hill-Orgel aus England, erbaut in den 1860er Jahren. Über 100 Jahre lang erfüllte sie die Trinity Methodist and United Reformed Church im britischen Burton-upon-Trent nördlich von Birmingham. Mitten im viktorianischen Zeitalter und der Zeit der Romantik entstanden, versprüht sie den majestätischen Klang dieser Epoche und begeistert noch heute unzählige Freunde der Orgelmusik. 2011 musste die Trinity Methodist Hall mangels Gottesdienstbesuchern schließen, gleichzeitig suchte das Institut St. Philipp Neri, das seit 2004 in der früheren Stiftskirche St. Afra in Berlin-Wedding beheimatet ist, einen Ersatz für die alte Dinse-Orgel, die nur für eine eher anspruchslose Liedbegleitung ausgelegt und schon lange nicht mehr spielbar war.

Propst Gerald Goesche, Direktor des Instituts, das die Liturgie in der außerordentlichen Form nach den Messbüchern von 1962 feiert, wünschte sich eigentlich zu seinem 25-jährigen Weihejubiläum eine Spendenaktion zur Sanierung der Dinse-Orgel – doch es kam ganz anders. In einer Annonce, eine Art „Ebay-Kleinanzeigen“ für Orgeln, fand sich der Hinweis auf die Hill-Orgel im englischen Burton, und nach einer Besichtigungsreise im November 2011 stand fest: Dieses historische Instrument passt perfekt nach St. Afra.

Bis sie aber dort ankam, dauerte es noch drei Jahre. Das lag allerdings nicht am Preis: Da dem Instrument ohnehin die Versteigerung drohte, überlies die Gemeinde die Orgel ihren deutschen Interessenten zu einem symbolischen Preis von 1 000 Pfund. Doch Transport, Umbau und Neuelektrifizierung machten dieses „Schnäppchen“ im Nachhinein dennoch teuer – rund 300 000 Euro waren nötig, zur Hälfte finanziert von der Lottostiftung Berlin, der Rest überwiegend durch Spenden. Insbesondere der Spieltisch war in einem desolaten Zustand und musste weitgehend neu gebaut und mit moderner Technik ausgestattet werden. Alle 2 000 Pfeifen wurden einzeln in die Hand genommen, gereinigt und ausgebeult. Nach drei Jahren Zwischenstation im tschechischen Krnov/Jägerndorf zog die Hill-Orgel in ihr neues Zuhause in die St.-Afra-Kirche ein.

Das Besondere hierbei: Die Pfeifen mussten auf drei Standorte in der Kirche aufgeteilt werden. Während der größte Teil über dem Eingang thront, befinden sich zwei kleinere Standorte auf den seitlichen Emporen. „Das ist perfekt“, meint Organist Jonas Wilfert. Damit kann er sozusagen einen Stereo-Klang entstehen lassen und Dialoge von verschiedenen Seiten erzeugen. Als er in der ehemaligen Stiftskirche die Stelle als Organist antrat, war die Hill-Orgel gerade neu geweiht worden und in Betrieb gegangen. Denn nach ihrem Einbau im November 2014 musste sie sich erstmal an das trockenere Klima in der Bundeshauptstadt gewöhnen, hatte sie doch 150 Jahre in zwei Kirchen im feuchten britischen Inselklima gestanden. 2015 – vier Jahre nach dem ersten Kontakt nach England – ging der langgehegte Wunsch des Instituts St. Philipp Neri schließlich in Erfüllung – und die Hill-Orgel begleitet seitdem den Gemeindegesang wie auch den Gregorianischen Choral sowie die Vokalmusik der Renaissance. Und – anders, als man vermuten könnte – passt die Orgel aus dem 19. Jahrhundert, wie Propst Goesche in der Festschrift zur Orgelweihe schreibt, „in hohem Maße ideal für die Anliegen des Instituts“, habe sich doch England als einziges Land in Europa eine große Tradition der Chormusik der Renaissance bewahrt.

Der Klang eignet sich für den alten und neuen Ritus

Auch Jonas Wilfert lobt die Eigenschaften der englischen Orgel, die nach seinem Eindruck im Gegensatz zu eher solistisch angelegten Instrumenten aus Deutschland oder Frankreich besonders gut geeignet sei, um Chöre und Gesang zu begleiten. „Sie hat viele Grundstimmen, viele besonders weich angelegt, und erlaubt eine stufenlose und dynamische Veränderung. Damit ist sie so flexibel wie der Chorgesang“, erzählt der Kirchenmusiker.

 

Auch wenn es die Orgelbaufirma Hill heute nicht mehr gibt, hätten die Instrumente nach wie vor einen sehr guten Ruf. „Hill-Orgeln sind in der Champions League“, so der Organist. Als Student an der Universität der Künste in Berlin habe er alle interessanten Orgeln aufgesucht und auf ihnen gespielt – und bei der Hill-Orgel in St. Afra sei es Liebe auf den ersten Blick, oder besser gesagt auf den Ton gewesen. Eigentlich wollte Jonas Wilfert die Orgel nur kennenlernen, doch Propst Goesche hatte zu diesem Zeitpunkt längst bei Wilferts Lehrer Professor Wolfgang Seifen angefragt, ob der einen guten Nachwuchs-Organisten kenne – und der hatte ihm den jungen Studenten empfohlen. So war Wilfert nach eigener Aussage ziemlich überrascht, als ihm der Leiter des Instituts St. Philipp Neri die Stelle als Kirchenmusiker anbot – zumal sich Wilfert im tridentinischen Ritus so gar nicht auskannte.

Corrona-Politik stoppten Jubelfeier

Doch Jonas Wilfert sagte spontan Ja. „Das war ein Sprung ins kalte Wasser“, erinnert er sich. Am Anfang brauchte er eine Art Souffleur, der ihm einen Hinweis gab, wann er mit dem Orgelspiel im alten Ritus einsetzen musste. Doch mittlerweile beherrscht der den genauso souverän wie die nachkonziliare Form und liebt die historische Orgel mit ihren Klangfarben, die es sonst in Deutschland nicht gebe – Grundtöne sowie „runde, warme Weichklänge“, wie der junge Organist erzählt. Einmal im Jahr kann sich auch ein größeres Publikum von den Vorzügen dieses außergewöhnlichen Instruments überzeugen. Immer in der Woche nach Mariä Himmelfahrt lädt das Institut zu den „Internationalen Hill-Orgel-Tagen“ nach St. Afra. Im letzten Jahr mussten sie wegen der Corona-Situation ausfallen, doch diesmal sollen sie definitiv stattfinden – falls nötig, per Livestream. Denn im letzten Jahr wäre es das fünfjährige Jubiläum gewesen, und die hochkarätigen Gäste wurden für diesen Sommer erneut eingeladen. Den Auftakt soll am 18. August der britische Organist und Dirigent Wayne Marschall machen. Zwei Monate vorher wird er in der Waldbühne ein Konzert mit den Berliner Philharmonikern dirigieren. Neben dem Danziger Organist Patryk Podwojski wird der am Stephansdom tätige Wiener Domorganist Konstantin Reymaier die Hill-Orgel spielen.

Das Finale am Samstag, den 21. August, wird Wilfert selbst mit dem Organisten des Klosters Fürstenfeld bei München, Christoph Hauser, und den Berliner Symphonikern bestreiten. Diese renommierten Gäste unterstreichen ein weiteres Mal, welch historischen Schatz die St.-Afra-Kirche mit ihrer Hill-Orgel birgt.


Info: St. Afra, Graunstr. 31, 13355 Berlin (Wedding), am Bahnhof Gesundbrunnen (Fern- und Regionalzüge sowie S-Bahn).

 

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