Kulturfinanzierung

Die Kultur muss sich vom Staat emanzipieren - gezwungenermaßen

Seitdem der Sozialstaat die Finanzierung von Kunst und Kultur vollends übernahm, liegt die Loyalität der Künstler meist uneingeschränkt bei jener staatlichen Bürokratie, die sie am Leben erhält. Die Pandemie-Krise wirbelt dieses Abhängigkeits-System durcheinander.

Kultur und Corona
Der stumme Schrei nach Zuwendung: Kulturschaffenden wird bewusst, dass die Milliarde "Corona-Hilfe" der Bundesregierung ihnen kaum das ökonomische Überleben sichern wird. In der Realität findet eine brutale Auslese statt, die nach realistischer Systemrelevanz "sortiert". Da hilft... Foto: Christian-Ditsch, imago-images

Schon seit Jahren ist die Beziehung vieler Künstler oder "Kunstschaffender", wie sie in Anlehnung an den Jargon der DDR mittlerweile gerne genannt werden, zum Staat am ehesten als Stockholm-Syndrom zu beschreiben: Je enger der finanzielle Gürtel und die einhergehenden Förderauflagen geschnallt werden, desto mehr solidarisieren sich viele Künstler mit dem System politisch-bürokratischer Fördermittelvergabe. Während sie dafür von außen immer häufiger mit Begriffen wie "Staatskünstler" beschrieben werden, betonen sie selbst ihre freigeistige Ader und behaupten, dass Künstler immer schon liberal waren, da dies ihrem Naturell entspräche. 

„Wes Brot ich ess, des Lied ich sing“

Die Wahrheit ist jedoch, dass Künstler im Laufe der Geschichte eher nach dem Prinzip "wes Brot ich ess , des Lied ich sing" lebten. Das war historisch auch nie ein Problem, denn man erwartete von Künstlern vor allem, dass sie Kunstwerke hervorbrachten, anstatt einen volkspädagogischen Kommentar zur Tagespolitik zu liefern. Nur selten fand politisch-ironische Distanz vor dem 20. Jahrhundert Eingang in große Kunstwerke. Seit aber im freien Westen Europas nach 1945 der Sozialstaat die Finanzierung von Kunst und Kultur vollends übernahm, liegt die Loyalität der Künstler meist uneingeschränkt bei jener staatlichen Bürokratie, die sie am Leben erhält. 

Solange der gesellschaftliche Wohlstand wuchs, empfand der Mittelstand dies als eine bequeme Lösung, befreite sie ihn doch von einer bewussten Verantwortung für das kulturelle Leben. Denn - darin waren sich alle einig - Kunst und Kultur sind "schon irgendwie wichtig". Solange die Reste des Bildungsbürgertums noch ihre drei Lieblingssymphonien (Beethoven 9 ist dabei gesetzt) oder -theaterstücke besuchen konnten, nahm man Publikumsbeschimpfungen und andere Auswüchse manifest gewordener Hässlichkeit billigend in Kauf. 

Der Beitrag staatstragender Kulturschaffender

Doch Europa hat sich verändert. Das Bildungsbürgertum ist ein Relikt aus Romanen von Thomas Mann, der Mittelstand zerfällt vor unseren Augen und auch die vermeintlich fetten Jahre für die Künstler sind vorbei. Während in weiten Teilen der Gesellschaft die Unzufriedenheit mit den politischen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte wuchs (was der Niedergang der Großparteien SPD und CDU belegt), blieben die meisten Künstler dem Staat treu. Am linken Rand des Politspektrums leisteten Künstler ihren Beitrag zur Verschiebung des Meinungskorridors, sodass selbst die vermeintlich bürgerliche Politik der vergangenen 15 Jahre sich kaum noch von linken Parteiprogrammen unterscheidet. Sie bildeten eine gesellschaftspolitische Vorhut, für deren Status nicht mehr primär ihre dargebotene Kunst, sondern ihre meinungspädagogische Leistung ausschlaggebend war. Je berühmter der Künstler, desto höher die Erwartungshaltung an dessen gesellschaftspolitische Vorbildfunktion. 

So überrascht es nicht, dass die Solidarität zwischen Künstlern und Mittelstand an einem historischen Tiefpunkt angelangt ist. Die künstlerische Intelligenzija bedachte in den vergangenen Jahren jede politische Abweichung von der linken Meinungshoheit mit Spott und Hohn und setzte stattdessen auf die vermeintliche Kulturaffinität des Staates und seiner linken Eliten. Im Umkehrschluss bedeutete dies, dass viele rechtspopulistische Bewegungen - trotz nationaler oder kultureller Identitätspolitik - sich von der Hochkultur als Ganzes abwandten, das Schlachtfeld von Kunst und Kultur wurde von Konservativen nahezu kampflos aufgegeben. Der Graben zwischen Künstlern und dem Rest der Gesellschaft wurde 2020 im ersten Lockdown besonders deutlich, als Künstler an #stayhome-Kampagnen teilnahmen während ganze Wirtschaftszweige an die Grenzen ihrer Belastbarkeit gebracht wurden. Da wunderte es nicht, dass die Solidaritätsbekundungen aus weiten Teilen der Gesellschaft ausblieben, als der Kultursektor wenig später auf die eigene Systemrelevanz pochte. 

Prekäres Leben wird zum „Nicht-Bedarf“ verklärt

Dabei sind die Lebensumstände vieler freischaffender Künstler mehr als prekär. Im Durchschnitt verdienten freischaffende Instrumentalisten vor Corona knappe 10 000 EURO im Jahr, ein Dasein an der Armutsgrenze. Womöglich haben deshalb viele Künstler bereits vor Jahren bestimmte Elemente der Lebensgestaltung, wie zum Beispiel die Gründung einer Familie oder jedwede Form von Eigentum, weltanschaulich zum Nicht-Bedarf erklärt. Wenn man sich Kinder schon nicht leisten kann, dann kann man besser gleich daran glauben, damit Gaia und dem Klima etwas Gutes zu tun. 

An einen Ausbruch aus diesem System verschwendet das künstlerische Prekariat kaum einen Gedanken. Stattdessen erhofft es sich durch strikte Befolgung ungeschriebener Codices den Aufstieg innerhalb des Systems. Der arme, am Hungertuch nagende Künstler verfügt meist über den gleichen ideologischen Hintergrund wie die Stars der Szene, sodass in Künstlerkreisen, unabhängig von deren sozialem Status, eine bemerkenswerte ideologische Homogenität herrscht. Wenn, wie nun, der Hut brennt, folgt die Flucht nach vorne: Anstatt die Abhängigkeit vom Staat (und dessen Wohlgesonnenheit) zu hinterfragen, erklingt der Ruf nach "noch mehr Staat", dem bedingungslosen Grundeinkommen, oder gar einem "New Deal für Künstler". 

Brutale Auslese nach „Systemrelevanz“

Was schon seit Jahren absehbar war, wird nun zur Gewissheit: die Tatsache, dass unsere Gesellschaft Kunst und Kultur im klassischen Sinne eigentlich nicht mehr braucht. Mit dem momentan stattfindenden gesellschaftlichen Wandel erübrigt sich auch die Rolle des ideologischen Vorkämpfers, dafür braucht man keine Beethoven-Interpreten, das können nun Profis übernehmen. Immer mehr Künstler erkennen die Zeichen der Zeit und ziehen einen Berufswechsel in Betracht, wenn sie die Lippenbekenntnisse der Politik als solche erkennen. Und wenn im Zuge des soeben erlassenen Infektionsschutzgesetzes der gesamte Kulturbetrieb gegen die Wand gefahren wird, dann grenzen die obligaten Stellungnahmen im Radio über "einen Schlag ins Gesicht der Kultur" an Realitätsverweigerung. Corona macht die Drecksarbeit für den Staat, indem es sich des Ballastes der Kultur entledigt. 

In renommierten Zeitungen betrauern Musikprofessoren die mangelnden Perspektiven ihrer Studenten, nur um kurz darauf ihr neues Album zu bewerben. Solidarität wird zum Deckmantel der Selbstdarstellung im Überlebenskampf. Dem stehen tragische Schicksale von Menschen an der Armutsgrenze gegenüber, mit finanziellen und seelischen Folgen bis hin zum Freitod. Es muss ein bitteres Erwachen für all jene Künstler sein, deren fester Glaube an den wohlwollenden Staat und ihre eigene Systemrelevanz derart erschüttert wurde. Und wer es wagt die ungeschriebenen Gesetze zu verletzen und, wie in der #allesdichtmachen-Kampagne, aus dem Chor einheitlicher Meinung auszubrechen, bekommt die volle Härte des Systems zu spüren. Viele wenden sich von ihnen ab, da die Angst vor sozialer Ächtung schwerer wiegt als der Verlust von Freundschaften. Wieder einmal frisst die Revolution ihre eigenen Kinder, die einsam und flehend rufen: "Mein Staat, mein Staat, warum hast Du mich verlassen?"

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