Berlin

Die Freiheitslehre steht im Mittelpunkt

250 Jahre Hegel: Klaus Vieweg stellt die Freiheitslehre in den Mittelpunkt seiner Biographie über den Philosophen. Das Naturrecht aus dem freien Willen.

Berlin Mitte Denkmal Hegel am Hegelplatz Berlin City Ost
Hegel gilt als einer der Vordenker des modernen Sozialstaats. Unser Bild zeigt sein Denkmal am Hegelplatz in Berlin. Foto: Jürgen Ritter (imago stock&people)
 

Freiheit ist das große Thema, unter dem der Jenaer Philosoph Klaus Vieweg seine Biographie über Hegel(1770–1831) geschrieben hat. Es ist die erste umfassende Biographie über den Vollender des Deutschen Idealismus seit 175 Jahren. Denn Hegel gilt als der Philosoph, der die theoretischen Probleme seiner Zeitgenossen Kant, Fichte und Schelling gelöst hat; und mehr noch, er gilt als derjenige, der die Moderne auf den Begriff gebracht hat. Denn seine Begriffe bestimmen nicht nur Momente in seinem System, sondern sind zugleich Kritik und Auseinandersetzung mit den Theorien seiner Vorgänger durch die Geschichte der Philosophie hindurch. So konnte Hegel die Moderne als Position einnehmen. Es ist nun das Verdienst des Biographen, nicht nur das Leben Hegels dargestellt zu haben, sondern auch die Schriften auszulegen, die Hegel in seinen verschiedenen Lebensphasen verfasst hat. Die beinahe 700 Textseiten bieten also großen Erkenntnisgewinn.

Erst Hegel malen

Hegel war schon zu Lebzeiten weithin berühmt. Als ein Maler Goethe malen wollte, soll der Weimarer Dichter geantwortet haben, zuerst müsse Hegel gemalt werden, dann aber Goethe selbst. Hegel hat sich früh einen eigenen Denkraum erschlossen, so dass sein Credo war: „Philosophieren heißt, frei leben zu lernen.“ Sein Geburtshaus steht in Stuttgart, der weitere Weg führte ihn über das gemeinsame Theologiestudium mit Hölderlin und Schelling im Tübinger Stift, er wurde Hofmeister und Hauslehrer in Bern, am Bieler See und in Frankfurt am Main. Dann unbezahlter Privatdozent in Jena, in Bamberg schrieb er das Jahrtausendwerk (Vieweg) „Phänomenologie des Geistes“, wurde dort Redakteur, ohne je einen Leitartikel zu schreiben und verfasste in Nürnberg sein Hauptwerk „Wissenschaft der Logik“. Später in Berlin erreichte Hegel „den Aufstieg zum herausragenden Philosophen des Zeitalters“. Doch ist Hegels Leben weit stürmischer, als es seine Mobilität ahnen lässt. Hegel verkehrte in revolutionär-republikanischen Kreisen und sympathisierte mit der Französischen Revolution. Vieweg schreibt hierzu: „Wie schon in Bern und Frankfurt hat die geheime Staatspolizei alles dokumentiert.“ Und: „Hegel steht klar auf der Seite der des Landesverrates, des Jakobinismus, der ,Demagogie‘ und des Umsturzes Beschuldigten – er lebt gefährlich.“ Denn Hegel engagierte sich als Fürsprecher der nach den Karlsbader Beschlüssen eingekerkerten Schüler Karl Ulrich, Leopold von Henning sowie Gustav Asverus – Letzterer galt als Hochverräter, dem E.T.A. Hoffmann in „Meister Floh“ ein Denkmal setzte. Auch war Hegel für den Freiheitskampf der Griechen eingenommen, wie Hölderlin im „Hyperion“. Trotz der Sympathien für die Revolution bekannte sich Hegel für die Monarchie und gut gestaltete Institutionen, wozu für ihn auch besonders Ehe und Familie gehörten.

Ein Weltbürger

Das Weltbürgertum Hegels kam später nach Viewegs Auffassung schlecht an. Der Preußische König Friedrich Wilhelm IV. wollte mit Schellings Offenbarungsphilosophie die Hegelsche „Drachensaat“ auslöschen, Kaiser Wilhelm II. sah in Hegel jemanden, der in seinem Staat nichts zu suchen habe und der NS-Denker Alfred Rosenberg beschimpfte Hegel als antideutschen „unvölkischen“ Kosmopoliten. So hat denn Hegel auf der Grundlage seines Hauptwerkes, der „Wissenschaft der Logik“, seine Freiheitslehre in der „Rechtsphilosophie“ verfasst. Schon das Hauptwerk Hegels hatte einen gewaltigen Anspruch, wie es bei Vieweg heißt: „Es geht ihm um nichts Geringeres als eine Begründung einer modernen Logik – wie einst Aristoteles die Logik der Antike konzipierte, will Hegel die Logik der Moderne schaffen.“ Hegel halte den Vertretern des „unmittelbaren Wissens“ vor, „die gewöhnliche, formelle Logik behandle die logischen Formen wie ,todt, unwirksame und gleichgültige Behälter von Vorstellungen oder Gedanken‘, reduziere die Logik auf dürftige Sätze wie den Satz vom Widerspruch und Fragmente der Urteils- und Schlusslehre, die als einfach gegeben angenommen und keiner kritischen Prüfung unterzogen würden… Dagegen setzt Hegel den Begriff, der von ganz anderer Natur als die gewöhnliche logische Form ist; der Inhalt hält Einzug in die denkend-logische Betrachtung.“ Auf der Grundlage dieses inhaltlich begreifenden Denkens, und nur auf dieser Grundlage verständlich, hat Hegel seine „Grundlinien der Philosophie des Rechts oder Naturrecht und Staatswissenschaft im Grundriss“ konzipiert als eine Architektonik des freien Willens: „Die Wissenschaft des Rechts hat den freien Willen zu ihrem Prinzip und Anfang“, schreibt Hegel. Dabei wird der freie Wille nicht durch den vernünftigen Staat begrenzt, sondern nur durch Unrecht und Ungerechtigkeit; darum wird im Recht nicht Freiheit eingeschränkt, sondern nur die Willkür. Freiheit selbst sieht Hegel in Einheit des Theoretischen und Praktischen: „Es gibt kein freies Wollen ohne begreifendes Denken, kein Denken ohne freien Willen“, fasst Vieweg zusammen: „Das Rechtsprinzip der Person ist das Fundament aller Rechte, das Grundrecht schlechthin.“ 

Vordenker der Sozialordnung

Hegel war auch einer der Vordenker der Sozialordnung. In den Gedanken zur bürgerlichen Gesellschaft und ihrer Marktordnung sieht Vieweg eines der „Glanzlichter Hegelschen Philosophierens“. Hegel kannte die Anfänge industrieller Marktordnung, hatte Adam Smith gelesen und die damalige Diskussion in seine Rechtsphilosophie integriert. Für Vieweg ist Hegel einer der ersten Kritiker des „Marktoptimismus“, solange man im Markt tun könne, was man wolle. An die Selbstregulierung der Willkür glaubte Hegel nicht und hielt einen rechtlichen Ordnungsrahmen für nötig, ein wohldurchdachtes Regulieren. Das ermöglicht den sozialen Staat, schreibt Vieweg: „Die Formen der sozialen Hilfe bilden einen der Grundpfeiler eines sozialen Staates, der substanziellen Bedingung für eine funktionierende Marktordnung und eine moderne Gesellschaft.“ Dies ist für Hegel wichtig wichtig, denn die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich sah er als eine der größten Herausforderungen an die Gemeinschaft – dabei sieht er auch besondere Gefahren durch den armen und auch den reichen Pöbel. 

Bewußtsein der Freiheit

Hegel zeigt nicht die Entwicklung der Freiheit, sondern die des Bewusstseins der Freiheit, was als Höhepunkt in den Staat gipfelt. Hierzu Vieweg: „Hegel-Kritiker wiederholen aus Unkenntnis und Ignoranz bis heute, bei Hegel sei der Staat alles, der Einzelne nichts.“ Dem gegenüber spreche Hegel von der Idee des Staates (Rechtsphilosophie, § 256), der die Momente der Familie und der bürgerlichen Gesellschaft verbindet. Der Staat bedeutet nicht Einengung, sondern müsse „das Vernünftige menschlichen Wollens und Handelns ausdrücken“, wie es der freien Vereinigung der Bürger entspricht. Der Wille nach Gerechtigkeit verbindet das Prinzip des Rechtsstaats mit dem des Sozialstaats. Dass Hegel seine Rechtsphilosophie in der konstitutionellen Monarchie gipfeln lässt, hält Vieweg für eine „bewusste Irreführung und Täuschung der Protagonisten der Restauration, der ihm nicht freundlich gesinnten Hofpartei an der Spitze“. Eigentlich gehe es Hegel um das parlamentarische Element im Staat, nur das stimme auch mit den zentralen Gedanken von Hegels Logik überein. 

Viel wäre aus dem Buch noch zu sagen, Hegels Verhältnis zur Berliner Kunstszene, sein „Aufstieg zur Weltgeltung“, seine Familienverhältnisse – bleibt an die Popularität des Philosophen zu erinnern, der unter der Überschrift „Hegel on the Wall Street“ in der „New York Times“ als Verbinder von individueller Freiheit und freiheitsgarantierenden Institutionen gefeiert wurde. 

 


Klaus Vieweg: Hegel. Der Philosoph der Freiheit. C.H. Beck Verlag 2020, 824 Seiten mit 59 Abbildungen, 

ISBN-13: 978-340674-235-4, EUR 34,– 

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe hier.