Gebet

Die Erfahrung des Betens stürzt Weltbilder

Das Gebet ist eine Herausforderung für die Philosophie. Wie das Denken dem Glauben gerecht werden kann.

Nikolaus von Kues, Kardinal und Mathematiker
Nikolaus von Kues, Kardinal und Mathematiker, im Gespräch mit Gott: Das Gebet zielt auf die Überwindung eines unendlichen Grabens in der Annäherung an Gott. Nikolaus von Kues wusste das. Zeitgenössisches Stifterbild vom Hochaltar der Kapelle des St.-Nikolaus-Hospitals, Bernkastel... Foto: IN

Der französische Philosoph Jean-Louis Chrétien hat das Gebet als „das religiöse Phänomen par excellence“ bezeichnet. Im Gebet vollzieht und offenbart sich das Wesen der Religion als Hinwendung des Menschen zu Gott. Nach Chrétien ist das Gebet selbst dort, wo es der Betende stumm in sich hineinspricht, eine sprachliche Handlung und daher wie alles Sprechen auch ein leiblicher Vollzug. Seiner inneren Struktur nach ist das Gebet zudem kein Selbstgespräch, sondern ein interpersonaler Akt. Wir beten nicht einfach tout court, sondern wir beten immer zu jemandem. Das Einzigartige am interpersonalen Sprechakt des Gebets ist freilich, dass er auf die Überwindung eines unendlichen Grabens zielt: Das Gebet ist Anrufen und Ansprechen eines transzendenten Gottes aus dem leibbehafteten Diesseits heraus. Dieser sprachliche Überstieg ins Jenseits ereignet sich auch da, wo wir als Katholiken nicht direkt zu einer der drei Personen Gottes, sondern zur Gottesmutter oder den Heiligen beten.

Das Gebet ist ein zentrales Phänomen der Religion. Die Religion wiederum ist ein wesentlicher Bestandteil der menschlichen Wirklichkeit. Daher muss jede ernstzunehmende Philosophie, die auf das Ganze der Wirklichkeit reflektieren möchte, auch über Religion im Allgemeinen und das Gebet im Besonderen nachdenken. Mit C. S. Lewis, dem vielleicht bedeutendsten Apologeten des Christentums im 20. Jahrhundert, lassen sich drei idealtypische philosophische Auffassung vom Ganzen der Wirklichkeit unterscheiden: Naturalismus, Pantheismus und Theismus. Für den Naturalismus gibt es nur das große Ganze der diesseitigen Welt. Dieses große Ganze oder „the whole show“, wie sich Lewis ausdrückt, wird vom Naturalisten als ein allumfassender Prozess gedacht, in dem die eherne Kette der Kausalität das Schicksal aller Dinge miteinander verknüpft.

Im Naturalismus gibt es keinen Platz für das Gebet

Wenig überraschend gibt es im Naturalismus keinen Platz für das Gebet. Der Naturalist muss das Gebet konsequenterweise als ein illusionäres Phänomen betrachten, das er nicht erklären, sondern nur wegerklären kann. Das Gebet befindet sich dabei allerdings in bester Gesellschaft. Denn ebenso muss der Naturalist auch Moral, Freiheit und Wahrheit aus seinem Weltbild eliminieren, insofern diese sich nicht den Mechanismen blinder Naturnotwendigkeit beugen. Die Leugnung der Wirklichkeit des Gebets ist daher nur ein weiterer Eintrag im Armutszeugnis des Naturalisten.

Im Gegensatz zum Naturalisten begreift der Pantheist das große Ganze als einen geistigen Prozess, was aber nicht heißt, dass die Welt nur die Einbildung eines endlichen Bewusstseins wäre. Gemeint ist, dass es letztlich die Vernunft ist, die die Welt im Innersten zusammenhält.

Hegel - einer der bedeutendsten Pantheisten

Auch wenn er sich selbst vehement gegen dieses Etikett gewehrt hat, gilt Georg Wilhelm Friedrich Hegel – neben Spinoza – vielen als der bedeutendste Pantheist. Hegel selbst verweigerte sich dieser Klassifikation, weil er zu recht die absurde Annahme ablehnte, alles (pan) und damit auch alles Endliche, Schlechte und Vergängliche sei Gott (theos). Das hatte so nicht einmal Spinoza behauptet, dem Hegel einerseits in seinem All-Einheitsdenken folgte, ihn andererseits aber dafür kritisierte, Freiheit und Geist nicht hinreichend berücksichtigt zu haben. Dem „Deus sive Natura“ („Gott oder die Natur“) Spinozas wollte sich Hegel daher nicht anschließen. Wenn schon, dann hätte es nach Hegel „Deus sive Spiritus“ („Gott oder Geist“) heißen müssen.

Hegel hat sich in seiner Philosophie zwar immer zum Christentum bekannt, zumindest in seiner protestantischen Fassung. Ein christlich-theistischer Denker war er dennoch nicht. Nirgends wird dies deutlicher als in seiner Auffassung vom Gebet, das für ihn letztlich nur ein innerer Monolog des Geistes, ein Selbstgespräch der Vernunft ist. Alles Jenseitige ist bei Hegel dem Diesseits überantwortet. Bittgebete an den himmlischen Vater sind für ihn daher ebenso Humbug wie der Glaube an Wunder oder ein Leben nach dem Tod. All das erfordert nämlich die Existenz eines transzendenten Gottes, die von Hegels Philosophie verneint wird.

„Der Hegelianismus des Autors dieser Zeilen
ist an der Realität der Gebets zerschellt“

Ein entscheidendes Problem von Hegels diesseitigem Ganzheitsdenken – ob wir es nun Pantheismus nennen oder nicht, ist egal – besteht darin, dass es der Wirklichkeit des Gebets nicht gerecht wird. Beten heißt, zu und mit Gott sprechen. Wer das Gebet daher wie Hegel als Hineinbilden des Menschen in die allumfassende, unpersönliche Vernunft beschreibt, redet an den Phänomenen vorbei.

Mit Blick auf das Gebet steht der „Pantheismus“ daher nicht besser da als der Naturalismus. Beide können nur mit einem verarmten Begriff der Wirklichkeit aufwarten. Wer aber wie Hegel es sich zum Ziel macht, die gesamte Wirklichkeit einschließlich der Religion in einem philosophischen System einzufangen, der muss als gescheitert gelten, wenn er ein Phänomen von der Tragweite des Gebets zurechtbiegen, verfälschen muss. Zumindest der Hegelianismus des Autors dieser Zeilen ist an der Realität der Gebets zerschellt.

Beten muss man genauso lernen, wie das Sprechen

Nun könnte man einwenden, dass noch lange nicht alles, was die Leute für Realität hielten, auch wirklich real sei. Daher könnte die interpersonale und transzendenzbezogene Struktur des Gebets doch auch nur eine Illusion ohne objektives Gegenstück sein. Ein solcher Einwand übersieht aber den Unterschied zwischen einem einzelnen Akt und einer allgemeinen Praxis. So bedeutet die Tatsache, dass wir manchmal aneinander vorbeireden, nicht, dass sprachliche Verständigung nicht möglich wäre. Im Gegenteil: Ein punktuelles Missverstehen ergibt nur vor dem Hintergrund allgemeinen Verstehens Sinn. Sicher kann daher auch ein einzelnes Gebet fehlgehen, zum Beispiel wenn es sich an einen Götzen wendet, der nicht existiert, aber das legitimiert nicht, das Gebet im Allgemeinen zu diskreditieren.

Wie ist es dann aber zu erklären, dass so vielen Menschen das Gebet inzwischen völlig fremd geworden ist? Die simple Antwort lautet, dass man beten ebenso lernen muss wie sprechen. Beten ist ja schließlich selbst eine Art des Sprechens, nämlich das Sprechen zu Gott. Hätten unsere Mitmenschen nicht mit uns gesprochen, als wir eigentlich noch zu klein waren, um sie zu verstehen, wären wir für immer stumm und unverständig geblieben. Dasselbe gilt auch fürs Gebet. Eine Gesellschaft, in der Kinder das Beten nicht mehr als etwas Selbstverständliches lernen, gravitiert zwangsläufig zu einer naturalistischen oder pantheistischen Weltanschauung. Anders als beim herkömmlichen Sprechen ist es aber nie zu spät, beten zu lernen, nicht einmal für den Zweifler. Ihm steht das Gebet des Skeptikers offen: „Gott, ich weiß nicht, ob es Dich gibt, oder nicht. Aber wenn es Dich gibt, zeig mir bitte, wer Du bist.“ Für den Philosophen wiederum gilt: Solange er nicht am eigenen Leib erfahren hat, was es heißt zu beten, kann er über das Gebet nur sprechen wie der Blinde über die Farbe.


Der Autor lehrt Philosophie an der Universität Stuttgart; zuletzt hat er das Buch „Hegel: Der Weltphilosoph“ (Propyläen, 2020) veröffentlicht.

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