Würzburg

Der Gentleman sieht den Abgrund

Charles Dickens war mehr Mythologe seiner Romanfiguren als Romancier. Zum 150. Todestag.

Charles Dickens (1852)
Der selbstzerstörerische Arbeitsstil ließ den zehnfachen Familienvater schnell altern: Daguerreotypie von Charles Dickens (1852). Foto: Wikipedia

Gibt es eine Kindheit ohne Oliver Twist? Oder ohne die „Weihnachtsgeschichte“, in deren Verlauf der misanthropische Geizkragen Ebenezer Scrooge von den drei Geistern der Weihnacht zu einem großzügigen und herzlichen Charakter geläutert wird? Charles Dickens' Gestalten leben auch heute noch. Diverse Film-, Fernseh- und Bühnenadaptionen sorgen dafür, dass sie zumindest dem Namen nach auch denen bekannt sind, die nie eines seiner Bücher gelesen haben. Sie sind unsterblich. Wohl auch deshalb meinte G. K. Chesterton, Dickens habe seine Figuren zu Göttern gemacht und sei „mehr Mythologe als Romancier“ gewesen. Königin Victoria war nach einem Gespräch mit Dickens beeindruckt von seinem „umfassenden Geist“ und seiner „liebevollen Seele“. In diesem Jahr jährt sich der Todestag des großen Geschichtenerzählers zum 150. Mal.

Als Kind war er zart, lernbegierig, leicht verletzbar

Charles Dickens wurde am 7. Februar 1812 in Landport bei Portsmouth geboren. Sein Vater, ein Marinezahlmeister, pflegte einen großzügigen Lebensstil, der ihn in die Verschuldung trieb und die Familie mit dem sozialen Absturz bedrohte. Als Zwölfjähriger wurde Charles zum Opfer dieser Misere. Das „Kind von einzigartigen Fähigkeiten, aufgeweckt, lernbegierig, zart und leicht verletzbar“ fand sich „als kleiner Kuli“ in einer Schuhwichsfabrik wieder. Die proletarischen Arbeitskameraden nannten Charles, der demonstrativ an seinen vornehmen Manieren festhielt, ironisch „den jungen Gentleman“. Die Zeit der Fron währte zwar nur fünf Monate, doch für Dickens war es eine traumatische Erfahrung. So tief wie sein Oliver Twist war er zwar gesellschaftlich nicht gesunken, doch er hatte einen Blick in den Abgrund getan: „Ich weiß, dass ich ohne Gottes Hilfe leicht ein kleiner Straßenräuber oder Vagabund hätte werden können.“

Noch als Erwachsener tat er sich schwer, über diese Erfahrung zu sprechen. Das Gefühl, sowohl vom Staat wie von den eigenen Eltern verraten worden zu sein, ließ ihn ebenso wenig los wie die Furcht um seine materielle Sicherheit. Sein rastloser Schaffensdrang, die Bereitwilligkeit, mit der er sich durch Schreibaufträge und andere bezahlte Verpflichtungen überschütten ließ, haben hier ebenso ihre Wurzel wie sein Bestreben, für sich die höchstmöglichen Honorare herauszuholen.

"Das Gefühl, sowohl vom Staat
wie von den eigenen Eltern verraten worden zu sein,
ließ ihn ebenso wenig los wie die Furcht um seine materielle Sicherheit."

Dickens begann seine Laufbahn mit sechzehn Jahren als Reporter und machte sich rasch einen guten Namen. An den Absurditäten eines veralteten Politik- und Justizbetriebs konnte er sein satirisches Talent schärfen. Über literarische Skizzen fand Dickens (zunächst unter dem Pseudonym „Boz“) ab 1836 zur Romanform. Schon 1837 bis 1839 erschien „Oliver Twist“, wie die meisten seiner Werke zunächst als Fortsetzungsroman in einem literarischen Magazin. Dieses Format kam dem Autor entgegen, der am besten unter hohem Termindruck arbeitete. Und es gab ihm die Möglichkeit, den weiteren Handlungsverlauf an den Leserreaktionen auf die schon erschienenen Kapitel zu orientieren. Er schuf große Literatur in einem Format, das man bisher mit billiger Unterhaltungsware verbunden hatte. Sein rascher Aufstieg zu einem der erfolgreichsten Schriftsteller seiner Zeit vollzog sich im Kontext eines expandierenden Presse- und Verlagswesens, das von den Lektürebedürfnissen eines neuen Massenpublikums profitierte. Dickens war zudem ein genialer Interpret seiner eigenen Texte. Lesungen mit mehreren tausenden Zuhörern waren keine Seltenheit.

Verteidigte die christliche Mitmenschlichkeit

In dem Roman über den Waisenjungen Oliver Twist entfaltete Dickens zum ersten Mal eine scharfe Sozialkritik an der Lage der Armen im Großbritannien seiner Zeit. Die noch aus der elisabethanischen Epoche stammenden Fürsorgeeinrichtungen waren den Folgen der Industrialisierung nicht gewachsen, und Dickens zwang sein Publikum, die unschönen sozialen Realitäten zur Kenntnis zu nehmen. Verpflichtet fühlte er sich dabei zeitlebens den „Prinzipien des Fortschritts und der Reform, der Bildung und der bürgerlichen und religiösen Freiheit“, wie er es 1846 im ersten Leitartikel der von ihm mitbegründeten Zeitung „Daily News“ ausdrückte.

Zwischen 1843 und 1848 publizierte Dickens jeweils pünktlich zum Fest insgesamt fünf „Christmas Books“. Das erste, „A Christmas Carol“, in dem der habgierige Scrooge auf zauberhafte Weise zu den Grundsätzen wahrer Menschenliebe zurückgeführt wird, hat davon die dauerhafteste Bekanntheit erreicht. Ihre innere Kraft empfängt diese zeitlose Parabel der Mitmenschlichkeit letztlich vom anrührendsten der christlichen Hochfeste. Erwähnung verdienen auch noch „Große Erwartungen“ (1861), Dickens künstlerisch vielleicht bester Roman, und die zur Zeit der Französischen Revolution spielende „Geschichte aus zwei Städten“ (1859), in der sich Dickens bravourös auf dem sonst von ihm gemiedenen Feld des historischen Romans bewegte.

Selbstzerstörerischer Arbeitsstil

Dickens hatte nicht nur Bewunderer. Henry James nannte seine Charaktere eine „Ansammlung von Exzentritäten“, und besonders im Frühwerk lassen sich gelegentliche Brüche in der Handlungsführung und Charakterzeichnung ebenso wenig leugnen wie ein Hang zur Sentimentalität. Die mitunter sehr weit getriebene erzählerische Weitschweifigkeit war schon im 19. Jahrhundert nicht jedermanns Sache und stellt für heutige Leser wohl oft das Haupthindernis für eine Dickens-Lektüre dar.

Der selbstzerstörerische Arbeitsstil des zehnfachen Familienvaters forderte schließlich seinen gesundheitlichen Tribut. Dickens alterte erschreckend früh; die letzten Fotografien zeigen einen völlig erschöpften Mann. Trotz ärztlicher Warnungen unternahm er auch jetzt noch anstrengende Lesungs-Rundreisen. Am 9. Juni 1870 verstarb Charles Dickens mit erst 58 Jahren auf seinem Landsitz Gads Hill Place in Higham bei Rochester an den Folgen einer Gehirnembolie, die er am Vortag nach langen Stunden angestrengter Arbeit an seinem letzten Roman erlitten hatte. „The Mystery of Edwin Drood“, dem Plan nach einer der ersten großen Kriminalromane der Weltliteratur, blieb unvollendet. Fünf Tage später wurde Dickens, wie es eine von der „Times“ initiierte Meinungskampagne forderte, in der „Dichterecke“ von Westminster Abbey beigesetzt.

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