Leipzig

Max Klinger: Große Schau in Leipzig zum 100. Todestag

Max Klinger gelangen in seinem Symbolismus realistische Darstellungen des Menschen: Große Schau in Leipzig zum 100. Todestag.

Max Klinger: „Kreuzigung Christi“
Max Klinger erreichte in seiner Darstellung der „Kreuzigung Christi“ (1890) eine ungewöhnliche Bildfindung. Foto: Thiede

Das Leipziger Museum der bildenden Künste hütet die weltweit größte Sammlung der Werke des Grafikers, Malers und Bildhauers Max Klinger. Der 1857 in Leipzig geborene Sohn eines wohlhabenden Seifenfabrikanten war zu Lebzeiten einer der erfolgreichsten, aber auch umstrittensten Künstler Deutschlands. Klinger starb am 4. Juli 1920 in Großjena bei Naumburg. Das Museum der bildenden Künste ehrt ihn mit einer großen Schau. Im Blickpunkt stehen seine langjährigen Arbeitsaufenthalte in Paris und Rom, seine Erfolge in Wien, der grafische Zyklus „Zelt“ (1916) und frühe Radierungen der Käthe Kollwitz, die künstlerische Anregungen von Klinger bezog.

In Paris lernte Klinger die Arbeit nach Aktmodellen schätzen. Die Darstellung des nackten Menschen entwickelte sich zum Leitmotiv seiner Kunst. Diese Vorliebe teilte er mit Auguste Rodin, von dem die plastische Figurengruppe „Der Kuss“ (1882) sowie delikate Blätter mit Aktdarstellungen zu sehen sind. Klinger gefiel an Rodins Schaffen nicht zuletzt das Gewagte und Freizügige. Es spielt auch in seinem Werk eine wichtige Rolle. Das erweist der Blick auf die 46 Radierungen der Folge „Zelt“.

Wie Rodin beschäftigte sich Klinger wiederholt mit der Darstellung von Inspiration und Schöpferkraft. Sie gipfeln in der aus Marmor, Alabaster und Bronze, Perlmutt, Elfenbein und Bernstein angefertigten Beethoven-Skulptur. Der fast nackte Komponist sitzt vorgebeugt auf seinem Thron. Das gottgleich aufgefasste schöpferische Genie hat die Faust geballt. Sein von Göttervater Zeus ausgeliehenes Attribut – der Adler – weicht ehrfürchtig zurück. Die spektakuläre Monumentalskulptur stand kurz nach ihrer Vollendung 1902 im Mittelpunkt einer Beethoven gewidmeten Ausstellung der Wiener Secession. Auch mit zwei anderen Hauptwerken – den riesigen Bildern „Die Kreuzigung Christi“ (1890) und „Christus im Olymp“ (1897) – sorgte er in Wien für großes Aufsehen. Kaiser Franz Joseph I. beurteilte die von Klinger in Rom gemalte „Kreuzigung“ als „eigenartig“.

Klinger behandelte die existenziellen Fragen

Und tatsächlich ist sie voller Merkwürdigkeiten. Johannes weist die Gesichtszüge Beethovens auf. In der Bildmitte ist nicht etwa die Kreuzigung Christi dargestellt. Stattdessen richten dort zwei absurderweise nackte Römer das Kreuz des guten Schächers auf. Er blickt nach rechts zu Jesus herüber. Ungewöhnlich, aber historisch richtig, hängt er am niedrigen Kreuz, die ans Trittbrett genagelten Füße nur geringfügig über dem Erdboden. Die Knie sind ihm bereits etwas weich geworden, so dass er auf dem durch den Längsbalken getriebenen Pflock sitzt. Die Darstellung eines Sitzpflocks ist ungewöhnlich. Die größte Eigenartigkeit der ursprünglichen Bildschöpfung aber blieb dem Kaiser erspart, als er das Werk 1898 sah. In der heute wieder hergestellten Urfassung ist Christus nämlich splitternackt. Der schurzlos den Blicken ausgelieferte Gekreuzigte war ein Riesenskandal. Am Eröffnungstag der Ausstellung des Gemäldes in München 1892 verhängte die Königlich Bayerische Polizei Christi Blöße mit einem Tuch. Im Jahr darauf ließ sich Klinger überreden, Christus ein Lendentuch aufzumalen, das sehr knapp ausfiel und im Laufe der Zeit abblätterte.

Auf Bewunderung und Ablehnung stieß eine ureigene Bilderfindung Klingers: das in Rom begonnene und in Leipzig vollendete Monumentalwerk „Christus im Olymp“. Es besteht aus vier Gemälden, zwei Marmorskulpturen und einer aufwändigen Rahmung. Im Zentrum des Hauptgemäldes sehen wir die stolz aufgerichtete Lichtgestalt des blonden Christus, der ein goldgelbes Gewand trägt. Er hat Blickkontakt zu Zeus aufgenommen, der als nackter alter Mann auf seinem Thron sitzt und sich in den welken Oberkörper kneift. Zu den beiden Hauptfiguren gesellen sich weitere lebensgroße Gestalten. Hinter Christus tragen die in lange Kleider gehüllten vier Kardinaltugenden der Gerechtigkeit, Klugheit, Tapferkeit und Mäßigkeit das Kreuz. Bei ihnen stehen die drei nackten Grazien. Vor Christus hat sich Psyche niedergeworfen, ihr Geliebter Amor ergreift die Flucht, Dionysos steht mit einem Glas Wein daneben. Zu dem darunter angebrachten Gemälde äußerte Klinger: „Es ist Hölle – Unterwelt – Männer und Weiber bei trüber Feuerbeleuchtung.“ Die Marmorfigur links außen verbirgt den Kopf im Arm. Sie verkörpert die Reue. Der Marmortorso rechts außen blickt als Sinnbild der Hoffnung zu Christus auf. Wie viele andere Werke hat der Künstler seinen „Christus im Olymp“ bewusst mehrdeutig angelegt. Die Anhänger der Ablösungstheorie sehen in dem Gemälde die Ablösung der antiken Götterwelt durch das Christentum. Die der Versöhnungstheorie beurteilen es als die Utopie der Versöhnung von Sinnlichkeit und Moral.

Das letzte Ausstellungskapitel zeigt die Beschäftigung von Käthe Kollwitz mit Max Klinger. Sie äußerte: „Klinger ist zu umfassend, genial und beherrschend, um nicht die Jugend immer von Neuem zu fesseln.“ Er beeinflusste vor allem die frühen Radierungen der Kollwitz, wie die ausgestellten Folgen „Weberaufstand“ (1893–1897) und „Ein Bauernkrieg“ (1901–1908) veranschaulichen. Während Kollwitz Sozialkritik übt, behandeln Klingers Radierungen existenzielle Fragen allgemeiner Art. Viele Blätter kreisen um Geschlechterbeziehungen oder formulieren Gedanken zum Tod.

Mit „Beethoven“, aber ohne „Die Kreuzigung Christi“ und „Christus im Olymp“ ist die Schau ab September in der Bundeskunsthalle Bonn zu sehen.
Die Ausstellung ist geöffnet im Museum der bildenden Künste vom 3.5. bis 14.6.2020, Katharinenstraße 10, Leipzig. Di., Do.–So. und Feiertage 10–18 Uhr, Mi. 12–20 Uhr.
Der Katalogaus dem Hirmer Verlag, erscheint im April und kostet 45 Euro.

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