Bonn

Beethoven ruft nach Freiheit

Die 9. Symphonie Beethovens war nicht nur ein Sieg über den Absolutismus, sondern auch die Hoffnung auf eine freie Menschheit. Zum 250. Geburtstag des Komponisten.

Bonn,  Beethoven-Denkmal
Linksextreme und Rechtsextreme haben seine 9. Symphonie missbraucht. Dennoch hätte Ludwig van Beethoven seine Musik wohl auch geschrieben, hätte er von diesem Missbrauch gewusst. Denn er war überzeugt, dass die Freiheit über die Tyrannei siegen würde. Seit 1972 ist "die 9." offiz... Foto: Jürgen Ritter imago-images

Es gibt Meisterdenker und Klassiker der Musikgeschichte. Ludwig van Beethoven war Deutschlands Genius der Symphoniekantate. Damit betrat er neuen Boden und schuf eine Musik, die auch nach zwei Jahrhunderten immer noch fasziniert. Vor 250 Jahren wurde das Genie in Bonn geboren, doch zu Ruhm wird er erst in seiner Wiener Zeit gelangen. Was aber fasziniert Beethoven an den Idealen der Aufklärung? Wir begeben uns auf Spurensuche.

Vor 250 Jahren, am 17. Dezember 1770, wurde er in Bonn geboren, das Genie Ludwig van Beethoven. Und er war der Revolutionär in Geist und Musik, Sprengstoff pur, emotional wie ein Vulkan, ein Übermensch, der für eine neue Epoche der Musik steht und Mozarts fulminanter Klassik seine Symphoniekantate entgegensetzen wird. Bekannte sich der Salzburger Wunderknabe bereits in, „Le nozze di Figaro“, im „Don Giovanni“ und in der „Der Zauberflöte“ zu den freiheitlich-bürgerlichen und antimonarchischen Idealen der Freimaurer, folgt ihm Beethoven dann, wenn er sich als glühender Verfechter der französischen Revolutionsideen versteht, die er dann heroisch in seiner 9. Sinfonie als sein höchstpersönliches Glaubensbekenntnis manifestiert.

„Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit pfiff es durch die Gassen“

Es war der Sieg der Aufklärung über den Absolutismus. Was 1789 als Französische Revolution begann, hatte die Weltgeschichte gründlich verändert und die Fundamente der Moderne gezimmert. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit pfiff es durch die Gassen und zündete dann in den Köpfen jene Feuer, die seither für die Freiheit brennen. Ob die deutschen Idealisten, ob Friedrich Schiller oder die Romantiker – ihnen allen wurde Freiheit zum Losungswort von Dichtung und Kultur – und für den Bonner Ludwig von Beethoven zur Passion. Schillers Ode „An die Freude“ ist es, die ihn sein ganzes Leben lang begleiten wird, die er aber erst 1824, drei Jahre vor seinem Tod, grandios und gigantisch in Musik vollenden kann.

Schillers Ode, das „umschlungen Millionen“ im vierten Satz von Beethovens „Neunter“, war auch für den Bonner das Menschheitsideal. Und wie sich einst Georg Wilhelm Friedrich Hegel in den 90er Jahren des 18. Jahrhunderts über den „Policeystaat“ beklagt, so litt auch Beethoven an der Bespitzelung, an der Restauration und einem aufstrebenden Adel unter Metternich nach dem Wiener Kongress 1814/15. „Sprecht leise! Haltet euch zurück! Wir sind belauscht mit Ohr und Blick“, heißt es bekanntlich im Freiheitschor der einzigen Oper, dem „Fidelio“. Der Ruf nach Freiheit drohte in Deutschland zumindest wieder zu ersticken. Und wie einst Jean-Jacques Rousseau ein „Zurück zur Natur“ einklagen wird, so ist Beethovens Neunte ein Aufruf an das entmündigte Bürgertum, liberal, grenzenlos, für die Ewigkeit der Menschheit gedacht, ein globaler Freiheitsruf par excellence, der mit Schiller an das Frankreich im Jahr 1789 erinnert und die Bande neu knüpfen will.

Freimaurerei und Aufklärung stehen Pate

Beethoven war ein glühender Verfechter der französischen Ideen und Schiller lieferte den Stoff dazu. 1885 hatte der Dichter in Leipzig-Gohlis für seinen Freund Körner, wie Mozart ebenfalls Freimaurer und Aufklärer, die Strophen geschrieben, die Weltgeschichte machen sollten. Doch dieser Schiller war kein unbeschriebenes Blatt. War er doch der Autor der „Die Räuber“ und in ganz Deutschland frenetisch gefeiert. Und Schiller selbst derzeit noch ein Ausgestoßener und Flüchtiger, verbannt aus dem Herzogtum Württemberg unter Herzog Karl Eugen, hatte das Joch der Tyrannei endgültig abgestreift. Der Verve der Ode war geballte Kraft eines Genius, der sich die Freiheit geradezu aus der Seele schreibt. Dieser Wille zur Unbändigkeit, dieser Frevel, die bestehende Ordnung kritisch zu hinterfragen, diese Lebendigkeit und das Pathos der Freiheitsbeschwörung haben Beethoven, der seit 1802 zunehmend an Schwerhörigkeit litt und dies im berühmten „Heiligenstädter Testament“ verewigte, beflügelt, gegen das Räderwerk des Absolutismus zu opponieren. Diese Energie hat dem Krankheitsgeplagten immer wieder das Blut in den Adern auflodern lassen.

Die 9. Sinfonie, die d-Moll-Symphonie, sei vergleichbar mit Da Vincis Mona Lisa, so zumindest hatte sie Claude Debussy 1901 beschrieben. Faszinierend und zugleich geheimnisvoll. Von Erlösung wird später Richard Wagner sprechen, da „auf sie kein Fortschritt mehr möglich“ sei, „denn auf sie unmittelbar kann nur das vollendete Kunstwerk der Zukunft, das allgemeine Drama folgen“. Der Barrikadenstürmer Wagner, der Revolutionär, wurde sodann von den Aufständischen feurig begrüßt, als am 6. Mai 1849 die Alte Dresdner Oper in den Flammen aufging. „Herr Kapellmeister, der ,Freude schöner Götterfunken‘ hat gezündet, das morsche Gebäude ist in Grund und Boden verbrannt.“

Pathos für die Freiheit

Die Interpretationsgeschichte einer der bekanntesten deutschen Symphonien, Beethovens „Neunter“, hat sich leicht neben Hegels berühmter Dialektik geschrieben und hatte statt Harmonie Dissonanzen wie Unkraut hervortreiben lassen. Zerfiel Hegels Philosophie einerseits mit Kierkegaard in den Existenzialismus, mit Marx in den fatalen sozialistischen Realismus, der mit Lenin und Stalin die Orgien des Todes feierte, so hat kaum ein anderes Kunstwerk als die 9. Symphonie weit über Beethovens Tod hinaus den deutschen Geist polarisiert. Beethoven starb 1827, krank, taub, vom Leben stigmatisiert, doch ungebrochen blieb sein Pathos für die Freiheit.

Widmete Beethoven einst die „Neunte“ Friedrich Wilhelm III. von Preußen, in Erwartung, dass sich der zögerliche und zaudernde Regent, der reformwillig, aber nach der Restauration zugleich wieder zum Hardliner wurde, Pressefreiheit und bürgerliche Freiheitsrechte zugunsten des Adels verbrämte, für den Gedanken bürgerlicher Freiheit begeistern möge, forderte später Dichterfürst Thomas Mann sogar in seinem „Doktor Faustus, Das Leben des deutschen Tonsetzers Adrian Leverkühn, erzählt von einem Freunde“, die 9. Sinfonie zurückzunehmen. „Das Gute und Edle“, antwortete er mir, „was man das Menschliche nennt. Um was die Menschen gekämpft, wofür sie Zwingburgen gestürmt, und was die Erfüllten jubelnd verkündigt haben, das soll nicht sein. Es wird zurückgenommen. Ich will es zurücknehmen“, so der Protagonist Leverkühn. Doch was trieb den Literaturpreisträger Mann dazu, Beethovens „Neunte“ zurücknehmen zu wollen?

Ein Klassiker von Stalin für die Massen missbraucht

Beethovens 9. Symphonie orchestrierte die Welt, ob von links oder von rechts. Als Hymne der Befreiung aus geistiger Sklaverei, selbstherrlichem Despotentum, erwachte sie als musikalisches Manifest der Arbeiterbewegung, trug sie doch wie kaum ein anderes Werk den Emanzipationsgedanken von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit wie ein glorreiches Transparent vor sich her. Sie galt für die Lohnarbeiter als Befreiungsschlag gegenüber der Tyrannei eines entfesselten kapitalistischen Unterdrückungssystems.

Für den sowjetischen Diktator Josef Stalin, der Millionen von Menschen in die Gulags oder auf dem Schafott seiner Ideologien opferte, war sie „die richtige Musik für die Massen“, die „nicht oft genug aufgeführt werden“ könne. Ein geradezu linksradikaler Beethovenkult hatte sich in der Stalin-Ära etabliert, eine Beethoven-Epidemie überschwemmte regelrecht die sozialistische Sowjetrepublik und Beethovens Freiheitsideal wurde von den linken Machthabern instrumentalisiert, so dass vom ursprünglichen Freiheitsgedanken rein nichts mehr übrig bleiben sollte.

Radikalisierte Stalin einseitig die „Ode an die Freiheit“, so fand auf der anderen Seite geradezu eine nationale Hysterie um Beethoven statt. Die deutschnationale Bewegung entflammte mit ihren Stereotypen für die 9. Symphonie, verdrehte die einstigen Ideale, stellte sie quasi vom Kopf auf die Füße und rechtfertigte samt ihrer den grausamen Kampf der NS-Regimes. Freiheit hieß nun bei Alfred Rosenberg und Joseph Goebbels, was die Nazis darunter verstanden: Säuberung von unwertem Leben, Volk ohne Raum-Politik und die Auslöschung ganzer Ethnien, wie sie sich im Holocaust spiegelte.

Auch von Nationalsozialisten instrumentalisiert

Was der Stürmer und Dränger und spätere Klassiker Friedrich Schiller einst in rauschhafter Freude verfasste und Beethoven in Musik verwandelte, entartete im Dritten Reich zur nationalistischen Hybris, zur Titanenmusik von Krieg, Terror und dem zweifelhaften Freiheitsgedanken der Nazis. So verkündigte Reichspropagandaminister Joseph Goebbels 1942 auf einer Feier der NSDAP zum 53. Geburtstag von Adolf Hitler: „Diesmal sollen die Klänge der heroischsten Titanenmusik, die je einem faustischen deutschen Herzen entströmten, dieses Bekenntnis in eine ernste und weihevolle Höhe erheben.“ Und Goebbels weiter: „Wenn am Ende unserer Feierstunde die Stimmen der Menschen und Instrumente zum großen Schlussakkord der neunten Sinfonie ansetzen, wenn der rauschende Choral der Freude ertönt und ein Gefühl für die Größe und Weite dieser Zeit bis in die letzte deutsche Hütte hineinträgt, wenn seine Hymnen über alle Weiten und Länder erklingen, auf denen deutsche Regimenter auf Wache stehen, dann wollen wir alle, ob Mann, ob Frau, ob Kind, ob Soldat, ob Bauer, ob Arbeiter oder Beamter, zugleich des Ernstes der Stunde bewusst werden und ihm auch das Glück empfinden, Zeuge und Mitgestalter dieser größten geschichtlichen Epoche sein zu dürfen.“

 

Vielleicht hätte Beethoven, so er denn den Weitblick in die Zukunft gehabt hätte, die „Neunte“ gar nicht geschrieben, weil sie von links und rechts missbraucht wurde? Doch, er hätte sie geschrieben, weil er als überzeugter Idealist auch daran glaubte, dass man doch aus der Geschichte lernen kann und letztendlich die Freiheit über die Tyrannei siegen wird.

Seit 1972 Europahymne für „Einheit in Vielfalt“

Aber geheimnisvoll blieb sie, weil sie mit der Aura des Todes seltsam umwoben war, gar eine Offenbarung des nahen Endes bedeuten sollte. Beethoven wird keine „Zehnte“ mehr schreiben, ebenso wenig wie Anton Bruckner. Auch Gustav Mahler hatte Angst vor dem Begriff „Neunte Symphonie“. Und auch er wird seine nicht überleben. Der Mythos der Neunten kulminierte so im Aberglauben, dass kein Symphoniker darüber hinauskommen sollte. Wie sehr Segen und Fluch sich in ihr verbanden, brachte 1912 Arnold Schönberg auf den Punkt: „Die Neunte ist eine Grenze. Wer darüber hinaus will, muss fort. Es sieht aus, als ob uns in der Zehnten etwas gesagt werden könne, wofür wir noch nicht reif sind. Die eine Neunte geschrieben haben, standen dem Jenseits zu nahe. Vielleicht wären die Rätsel dieser Welt gelöst, wenn einer von denen, die sie wissen, die Zehnte schrieb.“

Spätestens als Europahymne, die die 9. Symphonie seit 1972 ist, steht sie für Beethovens Wunsch nach universaler und globaler Freiheit. Jenseits von Blutrausch, Nationalismus und Chauvinismus, „was der Mode Schwerd getheilt“, bleibt die Vision des Bonner Musikers höchst aktuell in einem Europa, das sich „Einheit in Vielfalt“ auf die Fahnen geschrieben hat. Und Beethoven wie Schiller sind auch nach über 200 Jahren die geistigen Vordenker für eine Welt, wo gemeinsame Werte regieren, wo Verschiedenheit der Kulturen kein Frevel, sondern eine Bereicherung ist, und wo es den Gedanken zu verteidigen gilt, dass alle Menschen Brüder werden.


Stefan Groß-Lobkowicz studierte Philosophie, Theologie, Kunstgeschichte und Germanistik und wurde in Jena und Madrid promoviert; er war Lehrbeauftragter für Philosophie an der Universität Jena. Heute ist er Chefredakteur und Textchef für die Print- und Online-Ausgabe des „The European“. Groß ist Autor mehrerer Bücher.

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