Achmîm/Ägypten

Achmîm ist eine der der ältesten Städte der Welt

Textilweber, Pharaonen und verschiedene religiöse Kulte prägen die Geschichte der oberägyptischen Metropole. Die Berliner Ausstellung „Achmîm. Ägyptens vergessene Stadt” zeigt Zeugnisse aus 6 000 Jahren ägyptischer Geschichte. Schwerpunkte sind die Religion und der Übergang zum Christentum.

Kalkstein-Relieftafel mit dem reitenden Christus und zwei Engeln
Die Kalkstein-Relieftafel mit dem reitenden Christus und zwei Engeln aus dem 6./7. Jahrhundert nach Christus aus Achmîm ist ein Zeugnis vom Übergang des Heidentums zum Christentum. Foto: Staatliche Museen zu Berlin / Antje Voigt

Mit etwa 6000 Jahren ununterbrochener Geschichte gehört Achmîm (oder Akhmîm) zu den ältesten Städten der Welt, auch wenn heute in der 84 800 Einwohner zählenden, in Oberägypten auf dem östlichen Nilufer, etwa 200 km nördlich von Luxor gelegenen Stadt nichts mehr von der einstigen Glanzzeit zu sehen ist. Hochrangige Zeugnisse aus der Geschichte von Achmîm sind vielmehr in verschiedenen Museen der ganzen Welt ausgestellt ... oder befinden sich in deren Depots.

Exponate aus verschiedenen Depots öffentlich zugänglich

Eine Sonderausstellung des Berliner Ägyptischen Museums und Papyrussammlung sowie der Skulpturensammlung und Museum für Byzantinische Kunst in Kooperation mit dem Mîn-Panos-Projekt der Universität Göttingen versammelt bis zum 12. September in der James-Simon-Galerie auf der Berliner Museumsinsel rund 170 Exponate aus verschiedenen Epochen der wechselvollen Geschichte einer „vergessenen Stadt“ – wie es im Untertitel der Ausstellung heißt. Etwa ein Drittel der Exponate werden erstmals der Öffentlichkeit präsentiert.

Eine Besonderheit der wohl ältesten Stadt Ägyptens, die bereits vor der Vereinigung von Ober- und Unterägypten um das Jahr 3000 vor Christus existierte, besteht in der Göttertriade des ithyphallischen Mîn, der Muttergöttin Isis und des jugendlichen Horus (genannt Harpokrates). Insbesondere Mîn kann als lokaler Gott angesehen werden, der manchmal als Horus auftritt, von den Griechen aber mit Pan(os) gleichgesetzt wurde. Daher der Name des Göttinger Mîn-Panos-Forschungsprojekts, das die auf der ganzen Welt verteilten Objekte virtuell zusammenführt. Deshalb empfängt den Besucher in der Ausstellung eine größere Pan-Statue, die zwar aus Rom stammt, aber für den Mîn-Kult in Achmîm steht.

Die Stadt Achmîm war ein religiöses Zentrum

Die Bedeutung Achmîms als religiöses Zentrum unterstreicht die Rekonstruktion eines Tempels im ersten Saal der Ausstellung, wobei es sich nicht um einen Nachbau im eigentlichen Sinne, sondern eher um eine Andeutung des Tempelaufbaus handelt. Am Eingang ist der Oberteil einer Kolossalstatue aus Kalkstein als Teil eines sogenannten Pylons zu sehen, des doppeltürmigen Bauwerks, das den Eingang zu einem ägyptischen Tempels bildet. Im mittleren Teil steht ein Schrein, wo das Volk Gebete oder Bitten an die Götter richten beziehungsweise Speise- und Trankopfer zurücklassen konnte. Im hinteren Teil befindet sich das sancta sanctorum, das nur von den Priestern betreten werden durfte, und in dem Götterstatuen standen. Hier werden in Vitrinen Statuetten der eingangs erwähnten Göttertriade gezeigt: Horus in Gestalt eines Falken, Mîn, Isis mit Harpokrates.

Ein solcher Tempel bestand in Achmîm bereits zurzeit des Alten Reiches etwa 2707 bis 2216 vor Christus. Der Tempel, der in Achmîm offenbar am längsten stand, stammt allerdings aus ptolemäischer Zeit, ab dem 4. Jahrhundert vor Christus. Er war einer der größten Tempel Ägyptens und wurde bis zu seiner Zerstörung im 14. Jahrhundert nach Christus von arabischen Historikern als „Weltwunder“ gepriesen.

In der späten 18. Dynastie geschah das, was
‚monotheistische Revolution‘ genannt wurde

Die Kolossalstatue stellt jedoch Tutanchamun oder Eje dar, weshalb sie in die Zeit des Neuen Reiches – etwa 1550 bis 1070 vor Christus – einzuordnen ist. Gerade in dieser Zeit scheint Achmîm ein ganz besonderes Verhältnis zum Königshaus unterhalten zu haben.

In der späten 18. Dynastie geschah das, was „monotheistische Revolution“ genannt wurde: Nach dem Tod Amenophis III. um das Jahr 1352 vor Christus bestieg den Pharaonenthron sein Sohn Amenophis IV., der mit der Verehrung des Sonnengottes Aton als einzigen Gott die erste bekannte monotheistische Religion der Weltgeschichte gründete – obwohl hier „Monotheismus“ nicht ganz wörtlich zu nehmen ist, weil der Kult anderer Götter nicht verboten wurde. Nachdem der Pharao zunächst im Bereich des Karnak-Tempels ein Aton-Heiligtum erbauen ließ, verlegte er die Hauptstadt von Theben in die neuerbaute Stadt Achetaton (Amarna). Er selbst änderte seinen Namen in Echnaton.

Bedeutende Rolle der Stadt bei der Christianisierung

Ob in Achmîm ein Aton-Heiligtum ähnlich dem in Karnak erbaut wurde, ist ungewiss. Jedenfalls bestanden in der späten 18. Dynastie enge, verwandtschaftliche Verbindungen zum Königshaus von Amarna. Denn Teje, die große königliche Gemahlin Amenophis III. und Mutter Echnatons, stammt aus Achmîm. Aus der Stadt stammte ebenfalls Pharao Eje (1323–1319 vor Christus), der Nachfolger Tutanchamuns (1332–1323 vor Christus).

Später sollte Achmîm eine bedeutende Rolle im Übergang zum Christentum spielen. Ikonographisch wird dies in der Ausstellung greifbar durch das Nebeneinander dreier Reliefs: Auf zwei von ihnen sind heidnische Motive, etwa ein Seekentaur mit Nereide, auf der dritten Relieftafel ist der Einzug Christi in Jerusalem dargestellt: Der reitende Christus mit zwei Engeln aus dem 6./7. Jahrhundert zeigt ähnliche Züge wie die heidnischen Kalkstein-Reliefs.

Ein weiteres Relief stellt den Abt Schenute dar, der im 4./5. Jahrhundert einen großen Klosterverband gründete, die Bibel ins Koptische übersetzte und „Regularien“ für das Ordensleben verfasste, welche die Ordensregeln des Heiligen Benedikt beeinflussten, und bis heute befolgt werden.

 

Textilien belegen die Christianisierung

Von der Christianisierung zeugen darüber hinaus Textilien, so etwa eine Stola-artige bischöfliche Insignie und weitere Tapisserien, auf denen der Übergang von mythologischen zu christlichen Symbolen zu sehen sind. Im Gegensatz dazu sind in der Ausstellung „Achmîm. Ägyptens vergessene Stadt” keine Zeugnisse aus der Zeit nach der Islamisierung Achmîms beziehungsweise Ägyptens, die im Jahre 639 ansetzte. Denn zeitlich erstreckt sich die Berliner Ausstellung bis ins 6./7. Jahrhundert.

Kontinuität hingegen bis in unsere Zeit hinein zeigt die älteste Stadt Ägyptens, die bereits der griechische Historiker Strabon (63 vor Christus bis 23 nach Christus) als Stadt der Steinmetze und Leinenweber bezeichnete, im Textilhandwerk. Noch heute stehen die meisten Webstühle des Landes in Achmîm, und NGOs unterstützen die Ausbildung von jungen Frauen in dem Handwerk, das Achmîm jahrhundertelang bekannt gemacht hat.


Achmîm. Ägyptens vergessene Stadt“. Museumsinsel Berlin, James-Simon-Galerie, Bodestraße, 10178 Berlin, geöffnet bis 12. September.

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