Würzburg

Zum 70. Todestag von Heinrich Mann

Geehrt, aber instrumentalisiert: „Wer die ganze Wahrheit wünscht, rechnet mit der Verschiedenheit der Meinungen“: Zum 70. Todestag von Heinrich Mann.

Heinrich Mann
In der DDR geehrt, in der frühen Bundesrepublik ignoriert: der Schriftsteller Heinrich Mann. Foto: dpa

Heinrich Mann verstarb vor 70 Jahren am 12. März 1950 in Los Angeles. Sein Bruder Thomas notierte in seinem Tagebuch: „Gehirntod bei noch schwach fortarbeitendem Herzen. K. dort. Das Ableben nur eine Frage von Stunden. Natürliche Erschütterung ohne Widerstand gegen dies Geschehen, da es nicht zu früh kommt und die gnädigste Lösung ist.“ Katia Mann pflegte ihren Schwager. Die zurückliegenden zehn Jahre waren für Heinrich Mann (die schwersten seines Lebens) Jahre der Erniedrigung. Fern von Europa tat er sich schwer, seinem moralischen Anspruch als Schriftsteller – die Welt zu verbessern – gerecht zu werden.

Seit 1933 lebte Heinrich in Nizza. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten blieb ihm nur die Flucht. Neben zahlreichen politischen Essays schrieb er dort sein wohl bedeutendstes Werk, den zweibändigen Königsroman „Henri Quatre“. Nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in Paris musste er erneut fliehen. Mit seiner Frau Nelly floh er mit dem Schiff über Lissabon nach New York. Dort erwartete ihn sein Bruder. Fast siebzig Jahre alt, schaute er mit verhaltenem Optimismus in die Zukunft. Schweren Herzens hatte er Europa verlassen. In Amerika schrieb er noch drei Romane und sein Erinnerungsbuch „Ein Zeitalter wird besichtigt“ (1946). Doch im Gegensatz zu anderen Exilautoren wie Lion Feuchtwanger oder Franz Werfel vermochte er es nicht, auf dem amerikanischen Buchmarkt Fuß zu fassen. Er verarmte und verlor mit seiner Frau Nelly den gesellschaftlichen Anschluss. Nach ihrem Selbstmord 1944 – sie litt unter dem Leben im Exil – fiel er in Einsamkeit und erkrankte.

Ein moralischer Appell für die Würde der Demokratie

Wenn sein Bruder Thomas in seinem Tagebuch notierte, dass sein Tod nicht zu früh kam und die gnädigste Lösung sei, spielte er auf diese verzweifelte Lage an. Sie war auch deshalb prekär, weil er den neuen Herren in Ost-Berlin in Aussicht gestellt hatte, das Amt des Präsidenten der Akademie der Künste anzutreten. Thomas hatte ihm dazu geraten, diesen Schritt zu wagen. Doch Heinrich zögerte; er kannte Walter Ulbricht aus den Pariser Tagen und traute ihm nicht über den Weg.

Die Beerdigung fand in kleinem Kreis statt. Aus Ostberlin trafen Zeilen der Anerkennung ein. Die SED nannte ihn einen großen Deutschen, einen guten Demokraten und einen „stets erprobten Freund des Friedens und der Sowjetunion“. Sie fasste den Beschluss, Straßen mit seinem Namen zu schmücken und lobte einen Heinrich-Mann-Literaturpreis aus. Welche Reaktionen trafen aus Bonn ein? Keine! Die Regierung Adenauer und andere Instanzen der Bonner Republik nahmen von seinem Ableben keine Kenntnis. Warum? Dafür gab es vor allem drei Gründe: Die Bonner Republik hielt es in den Nachkriegsjahren nicht mit den Emigranten. Das Werk von Heinrich Mann ist sperrig und phasenweise tendenziös. Und drittens wurde ihm vorgeworfen, den Kommunismus und Stalin zu verherrlichen. Im Kommunismus sah Heinrich Mann wie viele Intellektuelle nach der Nazi-Diktatur das Gesellschaftsmodell der Zukunft. Stalin würdigte er als Bezwinger des Nationalsozialismus und geistigen Führer, der Idee und Tat zusammenfüge. Freunde hatten ihm berichtet, dass Stalin ein Despot sei. Andere aber, wie sein langjähriger Weggefährte Lion Feuchtwanger, der selbst die Sowjetunion besucht hatte, vermittelte ihm ein anderes Bild. So hatte er sich zwischen zwei „Wahrheiten“ zu entscheiden. Er vermochte sich nicht vorzustellen, dass ein Antifaschist ein Tyrann sein kann. Vermutlich lehnte er diese Wahrheit auch deshalb ab, weil sie seinem moralischen Anspruch entgegenstand. Er setzte darauf, dass der Kommunismus die Ideale der Französischen Revolution weiterentwickeln würde, und glaubte, dass mit ihm Wahrheit und Gerechtigkeit in die Welt einzögen.

„Viele Exilanten würdigten seinen Mut;
sie nannten ihn den ,König des Exils'“

Diese Sichtweise befremdet uns heute. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass Stalin erst auf dem XX. Parteitag der KPdSU 1956 vom Sockel als großer Weltenlenker und Menschenfreund gestoßen und bis dahin weithin verehrt wurde.

Heinrich Manns politische Position ist nicht einfach zu verstehen. Betrachten wir jedoch seine Schriften, so wird deutlich, dass er auf der Seite der Freiheit stand. Er kämpfte für ein freiheitliches, sozialistisches und republikanisches Deutschland. Für diese Ideale trat er bereits vor dem Ersten Weltkrieg ein, am engagiertesten in seinem Zola-Essay. In der Weimarer Republik kämpfte er für ihren Erhalt und nahm sie gegen überzogene Erwartungen in Schutz, zögerte aber auch nicht, bestehende Missstände anzuprangern. Als Hindenburg 1932 erneut als Reichspräsident kandidierte, wählte er ihn; er hoffte, dass die Republik so überstehen würde. Seine „Republik-Romane“ lesen sich wie ein moralischer Appell, die Würde der Demokratie zu verteidigen. Im Exil bekämpfte er den Nationalsozialismus und überzog ihn mit Orgien der Hasses und der Verachtung. Er glaubte an den Erfolg einer deutschen Volksfrontbewegung gegen den Faschismus und sah nicht, dass die Kommunisten kein republikanisches freiheitliches Deutschland anstrebten. Mit dem Doppelroman „Henri Quatre“ (1935/8) schuf er eines der bedeutendsten Werke der deutschen Exilliteratur. Er ist ein Plädoyer für Freiheit und Gerechtigkeit, gegen jedwede Form der Diktatur. Viele Exilanten würdigten seinen Mut; sie nannten ihn den „König des Exils“. Als er von Paul Merker gebeten wurde, ein Vorwort zur DDR-Verfassung zu schreiben, lehnte er darin jedwede Form der Parteiendiktatur ab. Er schrieb: „Wer die ganze Wahrheit wünscht, rechnet mit der Verschiedenheit der Meinungen.“

Die wichtigsten Briefe von Heinrich Mann sind noch nicht herausgegeben

Heinrich Manns Werk wurde in der DDR politisch instrumentalisiert. Als seine Urne kurz vor seinem neunzigsten Geburtstag auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin beigesetzt wurde, erklärte Walter Ulbricht: „Heinrich Mann ist unser“. Die SBZ/DDR hatte alles dafür getan, und tat es auch weiterhin, Heinrich Mann zu vereinnahmen. Noch vor Gründung der DDR wurde er mit dem Nationalpreis I. Klasse ausgezeichnet. Sein Werk wurde gehegt und gewürdigt. Einzelausgaben erschienen zum Teil in sehr hohen Auflagen.

In der Bundesrepublik verlief die Rezeption seiner Schriften demgegenüber zögerlich. Sein Werk war vielen unbekannt. Eine Umfrage unter deutschen Schriftstellern Ende der sechziger Jahre ergab, dass die Mehrzahl unter ihnen mit seinen Romane nicht vertraut war. Erst Mitte der achtziger Jahre begann der Fischer Verlag, seine gesammelten Werke in einer Taschenbuchreihe zu popularisieren. An einer Zusammenstellung der wichtigsten Briefe mangelt es bis heute. Die kommentierte Herausgabe seiner Essays und Publizistik ist noch nicht abgeschlossen. Zur Vernachlässigung Heinrich Manns Werk in der Bundesrepublik trug bei, dass es im Schatten seines Bruders Thomas stand. Aufgrund seiner politischen Dimension erreicht es nicht „das ewig Gültige“. Heinrich Mann war dies bewusst. Dennoch mangelt es seiner Prosa nicht an Schönheit.

Im Herbst erscheint vom Autor die Biografie: Heinrich Mann. Ein politischer Träumer. (Marix Verlag)

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