Würzburg

Zum 100. Todestag von Pierre-Auguste Renoir

Liebte die Schönheit der Menschen und der Natur: Pierre-Auguste Renoir zum 100. Todestag am 3. Dezember

„Der Markusplatz“, Pierre-Auguste Renoir
„Der Markusplatz“ gehört zu den Meisterwerken Renoirs während seiner Italienreise 1881. Foto: IN

Sie kennen mich, Vollard [...], wenn ich mich einem Protestanten gegenüber befinde, werde ich zum wütenden Katholiken.“ Das sagte ein Maler, den man sich ausweislich seiner Bilder als wütenden Menschen überhaupt nicht vorstellen kann. Pierre-Auguste Renoirs Gemälde – mehr als sechstausend an der Zahl – sind ein Fest für die Augen, zeigen nicht selten fröhliche, feiernde Menschen (am berühmtesten: Bal du moulin de la Galette), und sie verherrlichen die weibliche Schönheit. Am 3. Dezember jährt sich zum hundertsten Mal der Todestag des charmantesten aller französischen Impressionisten, dem es in der Darstellung sonnendurchfluteter Szenerien keiner gleichtat. Weder die lange auf sich warten lassende Anerkennung noch die schwere Krankheit seines Alters warfen jemals einen Schatten auf sein Werk.

Tänzerin von Pierre von Pierre-Auguste Renoir
Tänzerin von Pierre von Pierre-Auguste Renoir

Im Unterschied zu anderen antiakademischen Künstlern seiner Tage hielt er sich von linksrevolutionären und atheistischen Bestrebungen fern. Und mit wundervoller Ironie distanzierte er sich von jeder Art Geniekult: „Ich soll ein Genie sein? Dass ich nicht lache! Ich bin nicht süchtig, kein Päderast und habe niemals Syphilis gehabt! Na?“ Renoir war ein Mann der Harmonie. Und betrachtet man ihn genauer, dann besaß diese Harmonie durchaus eine religiöse Basis.

Wer war Pierre-Auguste Renoir?

In Aufzeichnungen des Malers, die sein Sohn, der Filmregisseur Jean Renoir, später veröffentlichte, spricht Renoir sein Selbstverständnis als Maler aus: „Ich glaube Gott näher zu sein, wenn ich mich vor diesem Wunder (der Natur) demütige, wenn ich die Rolle spiele, die er mir aufgetragen hat, wenn ich seine Majestät uneigennützig verehre.“ Eine andere Äußerung zeigt, wie fremd Renoir die prometheushafte Selbstüberhebung mancher moderner Künstler war: „Ich bin nicht Gottvater. Er hat die Welt geschaffen, die ich nur kopiere.“

Seine Schulbildung erhielt der am 25. Februar 1841 in Limoges geborene Schneidersohn bei den Christlichen Schulbrüdern. Der Knabe sang im Chor der Pariser Kirche Saint-Eustache, den der damals noch unbekannte Komponist Charles Gounod leitete. Der hätte gerne einen Opernsänger aus ihm gemacht. Aus seiner Zeit als Chorknabe blieben Renoir vor allem die Besucher der Frühmesse in Erinnerung, einfache Arbeiter und Arbeiterinnen: „Männer und Frauen, die das Leben kennen, die nicht aus sentimentalen Gründen zur Messe gehen und nicht, um ihre Sonntagskleider zu zeigen.“ Diese Szenen hätten ihm Rembrandts Gemälde verständlich gemacht. Der für visuelle Eindrücke aufgeschlossene Junge genoss es auch, in einer nur von Kerzen erhellten Kirche zu stehen. Als alter Mann bedauerte Renoir, „dass die Pfarrer dieses lebende Leuchten durch das tote elektrische Licht ersetzt haben“.

Pierre-Auguste Renoir
Bild von Pierre-Auguste Renoir.

Nach einigen Jahren als Porzellanmaler fand der Siebzehnjährige Arbeit in einem Dekorationsatelier, das sich auch auf religiöse Motive spezialisiert hatte. Renoir durfte „auf Kalikostreifen biblische Szenen malen, wie man sie auf Kirchenfenstern sieht. Die Missionare nahmen sie aufgerollt mit, spannten sie an Ort und Stelle auf Rahmen und gaben so den Einheimischen die Illusion, in einer wirklichen Kirche zu sein.“ Als erstes schuf Renoir auf diese Weise eine „prächtige Jungfrau mit den drei Weisen und mit Cherubim“, als zweites einen „Vinzenz von Paul“. Diese Tätigkeit ging ihm leicht von der Hand, und da er nicht nach Arbeitsstunden, sondern nach erbrachter Leistung bezahlt wurde, konnte er Ersparnisse ansammeln, die ihm 1862 endlich ein Studium an der Pariser „École des Beaux-Arts“ ermöglichten. Hier lernte er Claude Monet, Alfred Sisley und Frédéric Bazille kennen, mit denen gemeinsam er sich in der Freiluftmalerei übte und die gewohnten Wege der akademischen Malerei verließ.

In der „École des Beaux-Arts“ lernte er Monet, Sisley und Bazille kennen

Dabei war Renoir in seinen Ansichten weniger radikaler als manche seiner Kollegen und erkannte insgeheim auch einen klassizistischen Maler wie Ingres als Meister an. Als er um 1883 zu der Einsicht kam, „den Impressionismus ausgeschöpft“ zu haben, fand Renoir auch selbst zu einer klassischeren Malweise, mit sorgfältigerer Zeichnung und kühleren Farben (ein gutes Beispiel: „Die Regenschirme“). Maßgeblich verantwortlich dafür war sein Italienaufenthalt von 1881, bei dem ihm vor allem die Fresken Raffaels Eindruck machten. Die Ansicht des Markusdoms in Venedig („Der Markusplatz“) gehört zu den auf dieser Reise entstandenen Meisterwerken. San Marco hatte ihn aufs Höchste begeistert (dort fühle man „schon beim Eintritt, dass man in einem echten Tempel ist“), während er am Mailänder Dom kein gutes Haar ließ. Eingehend studierte er um diese Zeit auch das Malerhandbuch des Frührenaissancekünstlers Cennino Cennini (1370–1440). Als er gegen 1910 ein Vorwort zu einer Übersetzung dieses Buches schrieb, ließ er keinen Zweifel daran, worin er die besondere Stärke solcher alten Meister im Unterschied zur Gegenwart sah: in dem starken religiösen Glauben ihrer Epoche, der die fruchtbarste Quelle ihrer Inspiration war.

Tanz im Garten der Moulin de la Galette, 1876
Tanz im Garten der Moulin de la Galette, 1876

Im Spätstil seiner drei letzten Lebensjahrzehnte verband Renoir klare Linienführung mit einer wieder stärker ausgeprägten Farbigkeit und führte den festlichen Charakter seines Werks so zu einem neuen Höhepunkt. Betrachtet man seine damaligen Lebensumstände, erscheint dies wie ein Wunder. Zwar wurde ihm nun die finanzielle und öffentliche Anerkennung zuteil; doch seine Gesundheit verschlechterte sich zunehmend. Erst war es die Gicht, die ihn zwang, am Stock zu gehen. Dann waren es schwere rheumatische Gelenkentzündungen, die ihn zunehmend lähmten. Klaglos ertrug er die Leiden seines letzten Lebensjahrzehnts, die ihn in den Rollstuhl zwangen und seine Hände sich zu Vogelkrallen verkrümmen ließen, so dass man ihm den Pinsel zwischen die steifen Finger stecken musste. Selbst jetzt stahl nicht einmal ein Hauch von Ärger oder Lebensüberdruss in Renoirs Bilder. Noch an seinem letzten Lebenstag arbeitete er an einem Blumenstillleben. Bis zuletzt liebte Renoir das Licht und die Schönheit der Menschen und der Natur. Er starb in seinem Haus in Cagnes-sur-Mer an der Côte d'Azur.

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