Berlin

Wohin mit den Wandteppichen?

2020 jährt sich der Todestag Raffaels zum 500. Mal. In Berlin begeistern eine Ausstellung mit einigen seiner Madonnen-Gemälde.

„Madonna mit Nelken”
Die Nelken in den Händen deuten auf das Leiden Christi hin. Raffaels „Madonna mit Nelken” (1506/7) gehört zu den Höhepunkten der Ausstellung. Foto: eostour.co.kr

Siebenunddreißig Jahre waren es nur, die Raffaello Sanzio da Urbino hier auf Erden gewährt worden waren. Seinem Rivalen Michelangelo Buonarroti sind fast neunzig vergönnt gewesen. Gleichwohl ist allein die schiere Menge von Kunstwerken der allerhöchsten Qualität immens, die der italienische Maler und Architekt in zwanzig Jahren zu schaffen vermochte. Neben den Meistern der griechisch-römischen Antike stehen Raffael und Michelangelo bis zum heutigen Tag auf dem Gipfel der Wertschätzung. Der Disput darüber, wem der beiden denn die Krone des Ersten gebührt, wird unter Kunsthistorikern immer noch geführt.

Warten auf die hundert Zeichnungen

Weil sich Raffaels Todestag am 6. April 1520 zum fünfhundertsten Mal jährt, haben Museumsdirektoren für 2020 sein Gedenkjahr ausgerufen. Auch in der deutschen Hauptstadt wird seiner gedacht. Den Auftakt in Spree-Athen macht die Kabinettausstellung „Raffael in Berlin. Die Madonnen der Gemäldegalerie“. Sie ist am 12. Dezember eröffnet worden. Gezeigt werden „Maria mit dem Kind“, „Maria mit dem segnenden Kind und den Heiligen Hieronymus und Franziskus“, „Maria mit dem Kind, das den Johannesknaben segnet“, „Maria mit dem Kind, Johannes dem Täufer und einem Heiligen Knaben“ und „Maria mit dem Kind“, auch „Madonna Colonna“ genannt. Sie sind zwischen 1502 und 1508 entstanden und sind im Zeitraum von 1821 bis 1827 angekauft worden. Sie gehören also schon lange zum eigenen Berliner Bestand.

So berühmt geworden wie Raffaels „Sixtinische Madonna“ in Dresden und seine „Madonna di Foligno“ im Vatikan sind die Berliner Madonnen nicht. Selbst die „Madonna Connestable“ in der Sankt Petersburger Eremitage oder die „Madonna del Granduca“ im florentinischen Palazzo Pitti werden im Allgemeinen von den Kunsthistorikern als hochwertiger eingeschätzt. Woran das liegt, ist schwer zu sagen. Die Berliner Madonnen jedenfalls sind den Einheimischen und den Gästen der Stadt wohlbekannt. Man kann sie immer sehen. Sie jetzt separiert in einem Kabinett zu präsentieren, kann ihrer verdienten Wertschätzung jedenfalls nur gut tun. Generell lässt sich wohl nicht nur aus katholischer Perspektive sagen, dass „Madonnen“ außerhalb von Kirchen oder privaten Andachtsräumen gläubiger Christen ein Dasein führen, das mit der Intention, mit der sie ursprünglich gemalt worden sind, nichts mehr zu tun hat. Sie sind im Wortsinne museal geworden. Genauso werden sie von den Berliner Kuratoren auch behandelt. Soll heißen, über ihre Bedeutung für den Glauben Raffaels und seiner Lebenssphäre erfährt man in der Berliner Gemäldegalerie leider nichts.

„Die Nelken-Madonna entfaltet einen so
außerordentlich eigenwillig zauberischen Glanz,
dass ein Ausstellungsbesuch allein ihretwegen lohnt“

Den Fünfen hinzugefügt wurde, als Leihgabe aus der Londoner National Gallery, die „Madonna mit den Nelken“ („La Madonna di Garofani“ oder englisch „Madonna of the Pinks“), die auf die Zeit von 1506–07 datiert wird. Alle Madonnen Raffaels sind wunderschön. Das versteht sich von selbst. Gleichwohl, die Nelken-Madonna entfaltet einen so außerordentlich eigenwillig zauberischen Glanz, dass ein Ausstellungsbesuch allein ihretwegen lohnt.

Einen eigenen Katalog zu dieser Sonderpräsentation gibt es noch nicht. Der wird erst am 28. Februar publiziert, wenn mit rund hundert Werken der Zeichenkunst und der Druckgraphik „Meisterwerke aus dem Kupferstichkabinett“ zur Anschauung kommen sollen. Glücklicherweise verfügt das Kupferstichkabinett nach Eigenaussagen über eine „kleine, aber bedeutende Gruppe eigenhändiger Zeichnungen Raffaels“. Gemeint sind Studien, die, in schwarzer Kreide, Feder und Tinte, Metallstift oder Pinsel und Deckfarbe ausgeführt, Raffael als Vorarbeiten für große Gemälde angefertigt hat. „Sie stammen“, heißt es in der Vorankündigung, „aus allen Schaffensphasen des Meisters und führen somit seine überragende schöpferische Bandbreite ganz unmittelbar vor Augen.“

Bei aller berechtigten Wertschätzung für die Berliner Bestände, unvergleichlich mehr von Raffael befindet sich bekanntlich im Vatikan. In den päpstlichen Gemächern des Apostolischen Palastes, und dort in der Stanza della Segnatura und der Stanza di Elidoro, befinden sich Raffaels großformatige Wandgemälde, entstanden zwischen 1509 und 1517. In der Segnatura trägt eines den Namen „Schule von Athen“. Dort preist Raffael Religion, Philosophie und Künste, und die zahlreichen historischen Figuren tragen Züge seiner Zeitgenossen. Einer davon, er hockt in sich gekehrt neben einem Marmorblock, soll das Aussehen von Michelangelo haben, der zeitgleich mit Raffaels Arbeit in den Stanzen die Decke der Sixtinischen Kapelle ausmalte. Beide waren von Julius II. engagiert worden. Als Michelangelo mit der Hälfte der Decke fertig war, soll Raffael den Papst bestürmt haben, ihm die zweite Deckenhälfte zu überlassen. Als Michelangelo das zu Ohren kam, verbat er sich diese Einmischung. Erfolgreich, wie man weiß.

Feuer bei der Besatzung durch die Rote Armee

In die Sixtina zu kommen, ist Raffael dennoch gelungen. Allerdings mit Tapisserien und nicht mit Artefakten von eigener Hand. Die Initiative dazu ging um 1514/15 von Leo X. aus, und 1519 konnten in der Päpstlichen Kapelle zehn Wandteppiche mit Motiven aus der Apostelgeschichte angehängt werden. „Raphael Cartoons“ heißen sie bis heute. Nach diesen „Cartoons“, die sich heute als Dauerleihgabe der englischen Krone im Victoria und Albert Museum befinden (die originalen Tapisserien beherbergen die vatikanischen Museen), sind bis etwa 1540 noch weitere Teppich-Serien gewebt worden. Eine davon gehört heute dem Palacio Real in Madrid, die andere ist im Palazzo Ducale in Mantua.

Zwei weitere existieren heute nicht mehr. Die 1534 vom französischen König François I. in Auftrag gegebene und bis 1797 zur königlichen Sammlung gehörende Serie ist zur Gewinnung ihrer eingewobenen Goldfäden mit voller Absicht verbrannt worden. Ein Opfer der Flammen geworden ist auch die neunteilige Berliner Serie. Allerdings unfreiwillig bei dem Brand im Flak-Leitturm Friedrichshain im Mai 1945, wohin Berliner Kunstwerke kriegsbedingt ausgelagert worden waren. Der Turm wurde Anfang Mai von der Rote Armee besetzt. Die Ursache der Feuer am 6., 14. und 18. Mai ist bis heute ungeklärt.

Ein Raum nur für die „Raphael Cartoons“

Diese Berliner Tapisserien hatte 1542 der englische König Heinrich VIII. erworben; sie wurden bald nach der Hinrichtung des Stuartkönigs Karl I. am 30. Januar 1649 an den spanischen Herzog Alba verkauft. 160 Jahre später kamen sie zurück nach London. Von dort sind sie 1844 nach Berlin übergesiedelt. Gekauft hat sie der preußische König Friedrich Wilhelm IV. Die abenteuerliche Vita der Berliner Wandteppiche ist nachzulesen in der reich bebilderten Publikation „Apostel in Preußen. Die Raffael-Tapisserien des Bode Museums“. Herausgeberin ist die Kunsthistorikerin Alexandra Enzensberger.

„Verloren ist verloren“, könnte man mit Bedauern sagen. Doch was spräche eigentlich dagegen, nach den „Raphael Cartoons“ die Berliner Serie neu weben zu lassen? Der heute nach ihrem letzten Ausstellungsort im Bode-Museum „Gobelinsaal“ genannte Raum ist exquisit saniert. Er strahlt im alten Glanz. Dieser Saal ist in seinen Maßen eigens für die Raffael-Teppiche gebaut worden. Ein idealer und historisch richtiger Platz wäre also in Berlin vorhanden. Was fehlt, ist „bloß noch“ eine entsprechende Initiative und das zur Herstellung nötige Kapital.

„Raffael in Berlin. Die Madonnen der Gemäldegalerie” in den Staatlichen Museen zu Berlin, Preußischer Kulturbesitz, bis zum 26. April 2020.