Wien

Vor dem Rand des Abgrunds bewahrt

Der Erzählband „Der Ring“ von Christine Wiesmüller nimmt den Leser zum metaphysischen Grund des Lebens mit.

Christine Wiesmüller
Die Schriftstellerin Christine Wiesmüller orientiert sich in ihrem Werk an den großen Vorbildern des „Renouveau catholique“. Foto: Stephan Trierenberg

Frau Wiesmüller, nach der Veröffentlichung mehrerer Romane liegt nun mit „Der Ring“ ein Erzählband vor. Ist es nicht ungewöhnlich, von der Großform zur kleinen Form zurückzukehren beziehungsweise darf ich die These wagen, dass Ihre Erzählungen jeweils auch der Kern eines Romans sein könnten?

 Ich komme eigentlich von der kurzen Form, vielleicht auch von der Novelle: mit wenigen Federstrichen ein Leben auf den Punkt bringen, das ist es, was mich reizt, durch die Verdichtung eine Intensität zu erzeugen, die aber nicht in die Enge führt, in die Determinierung, sondern in die Weite, die dann erst den Raum eröffnet für alles, was dieses Leben ausmacht, selbst wenn es nicht ausgeschrieben wird. Auch meine größeren Prosaarbeiten wie „Bethanien“ und „Der Riss“ oder „Der Garten“ und „Sommerfrische“ sind zwar vom Umfang her breiter angelegt, aber im Kern immer noch dramatische Zuspitzungen.

Ihre Erzählungen enden in einer spannungsreichen Offenheit. Was hat das „Nicht-zu Ende-Erzählte“ für Implikationen auf den Leser?

Der Mensch kann nie „auserzählt“ werden, er behält sein Geheimnis. In diesem Sinne möchte ich jeder Festlegung entgehen. Jetzt scheint es beinahe, als würde ich mir selbst widersprechen, zumal meine Literatur eine ganz klare Ausrichtung hat, und im letzten direkt oder indirekt auf Gott verweist, auf den tragenden Grund. Mein gesamtes Schreiben wäre völlig sinnlos, läge darin nicht die eigentliche Botschaft. Aber um auf Ihre Frage zurückzukommen, das „nicht-zu Ende-Erzählte“ ist die Leerstelle oder die Einladung an den Leser, diese affektiv zu füllen, sie für sich selbst zum „kathartischen“ Moment werden zu lassen.

Was verstehen Sie unter dem „kathartischen Moment“?

Vereinfacht ausgedrückt, die „reinigende“ Wirkung, die ein Text für den Leser haben kann, so er sich von diesem betreffen lässt. Dieser Anspruch, dass Literatur eine läuternde Wirkung habe oder hervorrufe, geht auf Aristoteles zurück und wird in seiner „Poetik“ genauer ausgeführt.

Die Erzählungen in „Der Ring“ spielen fast alle in der Gegenwart. Eine narrative Analyse unserer Befindlichkeiten?

Ich bin ja eine Autorin der Gegenwart; als solche möchte ich auch die drängenden Fragen unserer Zeit aufgreifen. Die Erzählung ALLES fußt in dem „Gleichnis“, dass der Mensch seine Lebensgrundlagen unterwandert, die Welt sozusagen „aushöhlt“, bis sie in sich zusammenstürzt. Wenn am Ende die Schlange über die Konsum-Müllhalde ihr „… alles gehört Dir …“ zischt, dann verweist das auf den Menschen, der sich „nimmt“, was ihm nicht zusteht, und damit einer Stimme folgt, die ihn ins Verderben führt. Ein anderes Beispiel ist der Jugend- und Schönheitswahn, hervorgerufen durch die elenden Verlockungen der kosmetischen Industrie, den Körper „zeitlos“ formen zu können. Die Erzählung „Im Spiegel“ fragt nach der Identität der Person, die in diesem Produkt ihrer selbst steckt. Das Antlitz verschwindet hinter einer Maske oder besser gesagt hinter eine Maskerade, die alle und jede gleich aussehen lässt.

Ihr Erzählband trägt den assoziationsreichen Titel „Der Ring“. Haben Sie bewusst mit der Fülle an kultureller Semantik gespielt, die in dem Begriff steckt?

Nicht bewusst. Aber natürlich ist der „Ring“ eine Metapher für Vereinigung und so wie der Kreis ein Zeichen, auf Ewigkeit hin angelegt, als gebe es keinen Anfang und kein Ende. Dieser Gedanke ist das Gegenbild zu dem, den die Erzählung zeigt. In dieser titelgebenden Geschichte geht es um eine Verbindung, eine Ehe, die möglicherweise unter falschen Voraussetzungen geschlossen wurde und nur solange funktioniert, solange die Struktur, die sie zusammenhält, nicht belastet wird. Ein Ereignis bricht von außen ein: Die Mutter des Protagonisten stirbt und damit beginnt auch diese Ehe zu wanken. Ihre Grundlagen, die immer schon porös waren, werden nun sichtbar. Ich darf an dieser Stelle auch den Schluss der Erzählung zitieren, der für sich spricht: „… Ein zartes Klirren vibrierte in der Stille. Anton löste sich von Sybil, wich zurück. Beide bückten sich und während sie gleichzeitig nach dem Ring griffen, brach er entzwei. Jeder hielt nun eine Hälfte. Wie hinüber lieben?“

Inwiefern ist „Der Ring“ auch ein „Wienbuch“?

Diese Frage kann nicht beantwortet werden, ohne auf einen ganz Großen der deutschen Literatur hinzuweisen, der aber untrennbar mit Wien verbunden ist: Heimito von Doderer. Ich selbst wohne ja sozusagen im „Dodererland“, in der Nähe der durch den gleichnamigen Roman Doderers berühmt gewordenen Strudelhofstiege. Als kleine Hommage an diesen großen Dichter spielt meine Erzählung „Der Ring“ auf dieser Stiege. Diese Stiege ist der eigentliche Schauplatz der Handlung. So wie sich die Stiege in Bahnen emporwindet, eine ehemalige Böschung übersteigt, um die Liechtensteinstraße mit der Währingerstraße zu verbinden, das Oben mit dem Unten, so windet sich meine Hauptfigur aus sich selbst heraus, auch wenn der Ring am Ende bricht.

Sie bezeichnen sich ausdrücklich als „christliche Autorin“. Andere Autoren mögen dieses Attribut nicht so sehr. Warum verwenden Sie es?

Das war ein langer Prozess, bis ich mich dazu durchringen konnte, aber im letzten eine Notwendigkeit und somit auch eine Befreiung. Es ist mir bewusst geworden, dass ich zu dem stehen muss, was ich bin. Ich kann mein schriftstellerisches Schaffen nicht von meinem Christsein trennen und als Künstlerin das Spiel der Welt mitspielen. Ganz im Gegenteil, das Christentum ist die Quelle, die Essenz meines Lebens. Mein ganzes Dasein richtet sich danach aus. Außerdem gibt es so unvergleichliche Vorbilder. Die Großen, hinter denen ich es wage, herzugehen, sind Dichter wie Georges Bernanos und Paul Claudel oder Reinhold Schneider …. Sie haben mit dem „Renouveau catholique“ ein unerschrockenes und leuchtendes Zeichen gesetzt. Ist es nicht das, was zählt, in dieser säkularen Welt ein Zeichen zu setzen, ein Kreuz aufzurichten? Die Geschichte wiederholt sich nicht eins zu eins, aber es wäre mir ein wirkliches Anliegen, mit meinem bescheidenen Werk einen Anstoß zu geben für einen „Renouveau catholique“.

Wenn man von „christlichen Autoren“ spricht, gibt es eine Reihe von Missverständnissen: etwa jenes einer Apologetik oder des Erbaulichen. Wo würden Sie in ihren Texten konkret „das Christliche“ orten?

Es geht mir in erster Linie darum, Figuren zu finden, die sich ernsthaft die Frage nach Gott stellen, nicht vordergründig, nicht plakativ. Die Frage nach Gott, nach dem Urgrund unseres Daseins, ist sozusagen immer eingeschrieben in den Text, manchmal wird sie sichtbarer und manchmal bleibt sie im Verborgenen, im Unbesprechbaren. Ein weiteres Motiv, das mir sehr wichtig ist, ist das der „Stellvertretererlösung“. In den Romanen „Bethanien“, „Der Riss“ und „Der Garten“ findet zumindest immer eine Figur auf den Weg der Bekehrung und öffnet dadurch auch für alle anderen, über dem Dunklen, den Himmel. In den kürzeren Erzählungen in „Der Ring“ zeigt sich das Christliche oft viel verborgener. Aber es gibt all meinem Schreiben Ziel und Richtung, da ich ja aus meinem christlichen Selbstverständnis heraus schreibe. Das Christliche in meinem Werk ist nicht außerhalb von mir, es ist in mir.

Ihre Erzählungen haben viel Tragisches, das sich vor allem in der Beziehung von Mann und Frau manifestiert. Ist das tatsächlich die große Bühne, auf der sich die Gebrochenheit des Menschen primär zeigt?

Es ist schon richtig, dass die Szenarien, sei es in meinen Romanen, sei es in den Erzählungen wie in „Der Ring“, komplexe Familienverhältnisse und Beziehungen umfassen, wobei sich die Gebrochenheit des Menschen nicht primär an der Verbindung von Mann und Frau manifestiert, sondern auch in dem Verhältnis des Menschen zu sich selbst. Meine Figuren geraten in den meisten Fällen an den Rand eines Abgrunds, das zeigt sich auch in der kurzen Geschichte „Am Grab“, aber sie stürzen nicht hinein. Wo sonst sollte man denn die existenzielle Not des Menschen, seine Ausgeliefertheit, sein Angewiesensein zeigen, wenn nicht im Scheitern, nahe am Tod. Aber selbst im Sterben hat er nicht das letzte Wort. Es ist mir ganz wichtig, die Botschaft von der Erlösung literarisch einzuschreiben und nahezu jede Figur, der es gelingt, sich ins Licht zu drehen, gibt davon Zeugnis.

Christine Wiesmüller studierte Germanistik und Geschichte an der Universität Wien, arbeitet für die Hochschule Trumau und unterrichtet am Privatgymnasium Schola Thomas Morus (Trumau) Literatur. Das bisherige Prosawerk umfasst die Romane „Bethanien“, „Der Garten“ und „Der Riss“ sowie die Erzählungen „Sommerfrische oder Die Quadratur des Kreises“ (nominiert für den ersten Alpha-Buchpreis Wien 2020). Der neueste Erzählband „Der Ring“ ist im Verlag Be&Be Heiligenkreuz erschienen.

Über das Buch

Christina Wiesmüllers Erzählband „Der Ring“ besteht aus 13 Erzählungen, und führt aus früheren Schaffensphasen der Autorin zu ganz aktueller Prosa. Trotz der tragischen Anlage der Erzählungen, des ernsten Blicks auf Beziehungsthemen, der Auseinandersetzung mit Sünde, Verfall und Tod, versinkt die skizzierte Wiener Welt nicht ins Dunkel; vielmehr stoßen die vielfältigen Themen zu existenziellen Sinnfragen vor und lassen vom christlichen Erzählgrund der Autorin her ein Licht erkennen. Die intensiv erzählten Schicksalsmomente nehmen den Leser mit auf einen Weg zum metaphysischen Grund des Lebens.

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