Würzburg

Visionäre Dichtung

Wie die Schöpfung ihren Schöpfer bewundert: Zum „Römischen Triptychon“ Papst Johannes Pauls II.

Zum „Römischen Triptychon“ Papst Johannes Pauls II.
Die Übersetzung lässt die Schaukraft von Johannes Paul II. in seinem „Römischen Triptychon“ nur ahnen. Foto: KNA

Seit Pius II., dem berühmten Enea Silvio Piccolomini in der Mitte des 15. Jahrhunderts, gab es keinen Papst mehr, der zugleich Dichter gewesen wäre. 550 Jahre nach Pius II. wurde im Frühjahr 2003 ein Gedichtband Johannes Pauls II., deutsch übersetzt, vorgelegt, ein „Römisches Triptychon“ in Gestalt reimloser Meditationen.

Diese „dreiflüglige“ Dichtung ist eigentümlich untertitelt und erscheint so zunächst ohne roten Faden: I. Der Bergbach, II. Meditationen über das Buch Genesis an der Schwelle zur Sixtinischen Kapelle, und III. Der Berg im Lande Morija. Durch alle drei Teile aber läuft ein Zwiegespräch des Autors, das erste mit dem Bach – mit der Natur, das zweite mit Michelangelo – mit der Kunst, das dritte mit Abraham – mit dem Glauben. Hinter den vielfachen, durch Leitmotive ineinander verschlungenen Szenen taucht der Uranfang auf, der geheimnisvolle Ursprung, Umriss eines ER. Wiederkehrende Schlüsselwörter lassen eine Dramaturgie erkennen: allen voran „das Staunen“ und „die Schwelle“; sie erscheint allein elfmal.

Staunen heißt schon das erste Gedicht im „Bergbach“. Staunen selbst ist Schwelle: Überschritt aus der Natur, nämlich dem Wildbach, der in die Waldlichtung stürzt, in die Ergriffenheit des Betrachters. Mit solchem Staunen tritt er aus den anderen Geschöpfen heraus (darin ruht für die Griechen der Anfang des Philosophierens). Adam ist der einfachhin Staunende. Aber mehr noch: Er ist der Ort, wo die Schöpfung ihrem Schöpfer bewundernd, hingerissen antwortet. Was aus dem ewigen WORT entstand, bleibt zunächst stumm. Aber das Stumme wird im Menschen geborgen, und wunderbar beginnt im Menschen eine Gegenbewegung, die antike epistrophe: die Umkehrung.

An der Schwelle zwischen Sprachlosigkeit und Wort

Der Mensch wird Schwelle zum WORT, Schwelle im Aussprechen der sprachlosen Welt. „Bei mir findest du Bergung./ In mir ist dir der Ort gefunden,/ an dem auch du begegnen wirst/ dem Wort vor Zeit und Ewigkeit.“ Auch in dieser stellvertretenden Antwort ist der Mensch Krone der Mitgeschöpfe.

Der II. Teil des Triptychons leitet vom Wort zur Schau: Gott „sah, dass es gut war“. Wieder hebt ein Leitmotiv an: „Alles liegt nackt und bloß vor Seinen Augen.“ (Hebr 4,13) Das uranfängliche Wort ruft, das uranfängliche Auge ersieht die Welt ins Dasein. Und wieder schafft der Mensch nach: verwandelt seinerseits das Geschehene, in Worten Festgehaltene ins Bild. Michelangelos Sixtinische Kapelle ist Antwort: Bilderflut als Antwort auf die Urbilder des Schöpfers. Die Kapelle ist verwandeltes Staunen – über den Anfang aus dem Nichts bis zum gewaltigen Finale, dem Endgericht.

Also nicht nur als staunende Stimme der Schöpfung ist der Mensch die Schwelle zum Ursprung: wie er den Dingen nachgeht, dem Waldbach bis zur Quelle, dem Stummsein der Kreatur bis zu seiner eigenen Sprache. Der Mittelteil zeigt den Menschen nunmehr als Auge alles Geschaffenen: In der Sixtina hat der ebenso unsichtbare wie schöpferische Anfang eine Gestalt erhalten. Sie ist möglich geworden, da das Buch Genesis selbst den undenkbaren Sinn des Menschen enthüllt: Ebenbild zu sein. Als Bild des Unsichtbaren ist er sogar zweifach: Mann und Frau, füreinander durchschaubar, „nackt“. Im „Ursakrament“ der Vereinigung bilden sie die göttliche Fruchtbarkeit, die göttliche Vaterschaft und Mutterschaft nach: „Ursakrament – sichtbares Zeichen ewiger Liebe“. Auch in der geschlechtlichen Liebe ist der Mensch Schwelle zum Göttlichen, anschauliches, herrliches Bild des Unanschaulichen. „Die Lebensquellen, die in ihnen sind, ergreifen sie,/ sie greifen auf den Urbeginn zurück.“

„Hier gilt keine Verkleidung mehr: Am Ende liegt alles
wieder ,nackt und bloß vor Seinen Augen'“

Von der stummen Natur, die im Menschen ins staunende Wort stürzt, über die Schwelle der Sixtina, wo das Unsichtbare in menschliche Bilder einflutet, führt die Dichtung zum noch unbekannten Ende. Auch das ungeheure Gericht, eine letzte Schwellenerfahrung, wird von Michelangelo sichtbar gemacht. Jeder kennt die Szene im innersten Ort des Vatikans: wie Christus die Verfluchten nach unten stürzt. Sogar die Mutter hüllt sich abwendend in ihren Mantel, um das Endgültige nicht zu sehen. Ebenso kühn zeigt der Maler alle Menschen nackt, auch die Gesegneten. Hier gilt keine Verkleidung mehr: Am Ende liegt alles wieder „nackt und bloß vor Seinen Augen“ – der Anfang der Schöpfung ist eingeholt, zu Wohl und Wehe.

In einem „Nachwort“ zur Sixtina wird der Papst anrührend persönlich: Unter den richtenden, alles durchdringenden Augen Christi finden die Konklaven statt. Zwischen Uranfang und Endgericht müssen in diesem Raum die Schlüssel (claves) weitergereicht werden, in der Mitte der Weltzeit und für diese Weltzeit. Auch die menschliche Entscheidung liegt nackt und bloß vor seinen Augen. Nicht die Kardinäle wählen, ER wird auf den Erwählten deuten. Das „Römische Triptychon“ zeigt also das menschliche Wort, das dem Bergbach die anbetende Stimme gibt; dann die Bildgewalt, ja Bildfreude des Menschen, ist er doch selbst wunderbare Ausprägung des Schöpfers, sogar doppeltes, männlich-weibliches Ebenbild – auch Kunst wird Anbetung.

Im III. Teil geht der Papst von Natur und Kunst zum Glauben, in das Schicksal Abrams, der in einem ungeheuren Geschehen zu Abraham wurde. Denn ihn trifft, beschenkt und versehrt die übermenschliche Stimme. Ur – im heutigen Irak – ist die Stelle von Abrams Auszug aufgrund jenes Rufes, der zu gehen befiehlt und dem Hochbetagten zugleich Nachkommen verspricht. Die Stimme wiederholt sich und wird wiedererkannt in den drei Gästen, die doch nur einer sind; die Stimme wiederholt sich abermals in dem Gebot, den einzigen Sohn Isaak zu opfern, und sie wird im Augenblick des Vollzugs die Opferung aufhalten. Doch geschieht dies Letzte nur, wie der Papst andeutend schreibt, da auf demselben Berg Morija viel später der Vater selbst seinen einzigen Sohn opfern wird, „so sehr hat er die Welt geliebt“. „Denn Gott hat Abraham geoffenbart,/ was einem Vater es bedeutet, den eigenen Sohn/ zum Opfertode hinzugeben.“

Man ahnt die Schaukraft dieses Papstes

Damit greift der Autor die bewegende Überlieferung auf, Abraham habe den Brandopferaltar an der Stelle des heutigen Jerusalemer Felsendoms errichtet, wenige hundert Meter vom späteren Golgotha entfernt. In Abrahams Gehorsam ist das Opfer des ewigen Vaters vorausgesehen, erheben sich die Umrisse eines uranfänglichen Plans. Auch Abraham ist Schwelle: der künftigen Erlösung.

Die letzten Zeilen der Dichtung sind ein Selbstgespräch, bewegend und prophetisch: „Halt ein! Ich trage in mir deinen Namen, Abraham.“ Und es schließt ein doppeldeutiger Ruf an. Er kann sich an Abraham richten, er kann aber auch eine Mahnung des Dichters an sich selbst sein: „Und wenn du von hier fortgehst,/dann präge diesen Ort dir ins Gedächtnis!/ Es ist der Ort, der seinen Tag erwartet.“ Ist Abraham auf dem Berg Morija gemeint, auf dem später der andere Vater den Tag der Kreuzigung seines Sohnes erwartet? Ist es der Papst selbst, der auf dem Berg Morija, an der Schwelle des unkündbaren Bundes, den endgültigen Tag, den Gerichtstag und den Tag der Vollendung erwartet?

Da wir die Gedichte nur in Übersetzung kennen, können wir nicht auf die poetische Qualität des polnischen Urtextes schließen. Aber der gedankliche Fortgang zeugt von einem ergriffenen Durch-Blick: auf den alles erleuchtenden Ursprung, der sich in unserem Wort, unserem Blick, unserem Opfer in tausend Facetten bricht. Man ahnt die Schaukraft dieses Papstes, der in wenigen Zeilen Wildwasser, Renaissancekunst, Patriarchenleid aufeinander beziehen konnte.

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