Würzburg

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Judith Butler betreibt nicht mehr Gendertheorie, sie wendet sich politischen Fragen zu.

Verleihung Theodor-W.-Adorno-Preis an Judith Butler
Mit ihrer Empfehlung, nicht mehr zu handeln, gesteht Judith Butler argumentative Ohnmacht ein. Sie kapituliert vor der Anstrengung des Denkens. Foto: dpa

Was macht eigentlich Judith Butler? Nicht mehr nur das Geschlecht, sondern das Subjekt überhaupt sei ein soziales Konstrukt – mit ihren neuen eigenwilligen Positionen zählt die amerikanische Philosophin aus Kalifornien zu den ungewöhnlichsten Feministinnen ihres Faches. „Das Unbehagen der Geschlechter“ (1991) brachte ihren Durchbruch in Deutschland – sie vertrat darin die Auffassung, die Geschlechter seien nicht ursprünglich gegeben, sondern kulturell erzeugt.

Butler hat diese Theorie schon früh in ihrer eigenwilligen Auseinandersetzung mit Hegel entwickelt, über den sie auch promoviert hat. Entscheidend war dabei für sie die Hegel-Auslegung des russischen Philosophen Alexandre Kojeve, der in Paris lehrte und 1947 sein Hauptwerk zu Hegel herausbrachte. Dieses Buch hat wesentlich auch Simone de Beauvoir beeinflusst, Sartre, Bataille, Foucault, ja es ist zu einem Grundwerk der französischen linken Philosophie der Postmoderne geworden; in dieser einseitigen Hegel-Interpretation hat auch Butler ihre Grundbegriffe der Anerkennung des Anderen, der Begierde nach Anerkennung oder Geschlechternormen entwickelt.

Den Inhalt ihrer Schlüsseltexte der Gender-Forschung wie „Das Unbehagen der Geschlechter“ oder „Die Macht der Geschlechternormen“ hat sie zwar nicht aufgegeben, sich aber neuen Feldern zugewandt. Butler beschäftigt sich jetzt mit dem „gefährdeten Leben“, Gedanken, die allerdings eng mit ihrer Geschlechterauffassung verwandt sind. Sie hat dies in „Gefährdetes Leben, politische Essays“ (2005) beschrieben, verstärkt aber noch in ihren späteren Schriften „Raster des Krieges. Warum wir nicht jedes Leid beklagen“ (2010) und in „Anmerkungen zu einer performativen Theorie der Versammlung“ (2016). Butler geht nun davon aus, dass überhaupt der Mensch und das Subjekt kulturelle Konstrukte seien, was sich beim gefährdeten Leben zeigen lasse – inzwischen ist der „Kampfbegriff soziales Konstrukt“ Thema der Sozialphilosophie. Prinzipiell sei jedes Leben gefährdet, denn es kann zerstört oder beschädigt werden – am sichtbarsten im Krieg.

Institutionen werden als autoritär angesehen

Das ist eine triviale Erkenntnis, dennoch wird Butler in Deutschland gefeiert. Wieder dreht sich ihr Denken um die „Anerkennung“ unter dem Aspekt, wie ein Mensch anerkannt und damit verbunden, auch betrauert werden kann. Ob ein Mensch anerkannt wird, hängt davon ab, wie er „geframed“ wird, also in welchem Raster er erscheint. So muss etwa jeder Journalist entscheiden, ob er politische Aktivisten als Freiheitskämpfer oder Rebellen einstuft. Solche Fragen kamen etwa bei der Hamas oder bei den Muslimbrüdern auf. Von dieser Einschätzung hängt auch ab, ob man deren Angehörige öffentlich oder gar international betrauert oder nicht.

Doch das ist auch alles klar und politischer Alltag. Problematisch ist jedoch, wie Butler mit diesen Zuschreibungen umgeht. Sie bezeichnete die Hamas als eine „soziale“ Gruppe, die als Teil der „globalen Linken“ agierte – eine Aussage, die sie auf Druck später wieder relativierte. Ganz anders als Hegel im Originaltext etwa seiner „Rechtsphilosophie“, worauf sie sich immer wieder bezieht und der noch konservativ an der Prägung des Menschen durch Institutionen festgehalten hat, sieht sie die Institutionen als feindlich an. So etwa wenn sie neuerdings schreibt: „Es gibt authoritative Diskurse über das Geschlecht – das Rechtssystem, die Medizin, die Psychiatrie, um nur einige zu nennen –, die bestrebt sind, das menschliche Leben in klar abgegrenzten Geschlechterbegriffen zu definieren und zu erhalten.“

Das bedeutet für Butler aber nicht einfach linken Widerstand. Überraschenderweise schreibt sie auch scharf gegen linke Politik, insbesondere gegen deren „Multikulturalismus“. In „Raster des Krieges“ greift sie dieses Thema immer wieder auf, weil der Multikulturalismus Bevölkerungsgruppen voraussetzt, die gerade begründet werden sollen, nach Butlers Theorie: „Der Multikulturalismus neigt dazu, bereits konstituierte Gemeinschaften, schon konstituierte Subjekte vorauszusetzen, während es gerade um solche Gemeinschaften geht, die noch nicht ganz als solche anerkannt sind, um Subjekte, die leben, aber noch nicht als ,Leben‘ betrachtet werden.“ Oder direkt in Absetzung zur Linken: „Wenn die Linke begreift, was kulturell beim Krieg ,gegen den Islam‘ in der neuen Form der Einwanderungsbeschränkungen auf dem Spiel steht, ist sie gezwungen, über den etablierten Rahmen des Multikulturalismus hinaus zu denken und ihre jüngsten Spaltungen im Licht der staatlichen Gewalt, der Kriegsführung und der verschärften ,Rechtsgewalt‘ an den Landesgrenzen zu sehen.“

Auch hier erscheinen wieder die Institutionen wie der Staat und Recht als abzulehnende Gewalten. Butler vertritt daher einen verschärften Individualismus, den ihrer eigenen Setzungen. Sie entscheidet, wer auf der Seite der Guten steht, wie die schon erwähnte Hamas. Sie gibt sich in ihren Schriften antiwestlich und anti-israelisch. Sie operiert gegen die Institutionen mit Grundbegriffen wie „Inszenierung” und „Performanz“ – Begriffe, die den Einzelnen gegen (staatliche) Gemeinschaften hervorheben.

Zu Butlers eigener Selbstinszenierung gehört es, sich stolz als Lesbe zu bekennen. So empfiehlt sie etwa auch Netzwerke von „muslimischen Lesben und Schwulen (etwa die Kreuzberger Bar SO36 in Berlin), in denen der Gegensatz zwischen Religion und Sexualität überwunden wird“. Zunächst, meint sie, inszenieren wir uns nach Normen, ohne diese häufig zu durchschauen, etwa wenn wir den medizinischen Regeln eines geschlechtlichen Selbstverständnisses folgen, Mann oder Frau zu sein. In der permanenten „Reproduktion“ dieser Regeln „kann jederzeit etwas schiefgehen (und das ist ein zweiter Sinn von Inszenierung)“.

Die Burka gilt ihr als Zeichen der Bescheidenheit

Butler glaubt und hofft nämlich, dass wir eines Tages zu einem anderen Ergebnis über uns selbst kommen, das die offizielle Normierung unterläuft: „Diese ,Wende‘ des Ziels geschieht mitten in der Inszenierung: Wir stellen plötzlich fest, dass wir etwas anderes machen, dass wir uns anders machen, dass wir in einer Weise handeln, die nicht gerade dem entspricht, was die anderen für uns im Sinn hatten.“ Die es noch nicht geschafft haben, in jeder Hinsicht sie selbst zu werden, leben in der „Prekarität“, weil sie „unter dem Versagen sozialer und ökonomischer Unterstützungsnetze leiden“. Oder wie sie in „Kritik der ethischen Gewalt“ den französischen Philosophen Foucault zitiert: „Du wirst das Subjekt einer Manifestation oder Wahrheit nur werden, wenn du verschwindest oder dich als realen Körper und als reale Existenz zerstörst” – eben gegenüber den anerkannten Normen einer Gesellschaft.

Das Individuum soll seine Nichtigkeit erkennen und sich einem abstrakten Ganzen unterordnen. Das sei die Befreiung von der bürgerlichen Existenz. Mit Sozialisation hat das nichts mehr zu tun, weil es nicht mehr um eine gesellschaftliche Identität geht. Kollektivistische Befreiung scheint auch in ihrem Argument durch, wenn sie behauptet, dass die Kritik an der Homosexualität und dem Islam immer Hand in Hand gehen; den Vereinigten Staaten wirft sie vor, dem Islam die Demokratie bringen zu wollen und spricht von brutalem Kolonialisierungsprojekt– und das alles vor der Trump-Ära. So gibt es bei Butler die seltsame Mischung aus Individualismus und Nachsicht für das patriarchalische Frauenbild – die Burka ist ihr ein Zeichen für Bescheidenheit.

Butlers ganz eigene subjektive Deutung politischer Umstände mündet in der Forderung nach Gewaltlosigkeit, in einer Verweigerung des Handelns. „Die ethische Frage der Gewaltausübung entsteht überhaupt erst im Bezug auf das ,Du‘, das potenzielles Objekt der Verletzung durch mich ist. Gibt es aber kein ,Du‘, oder ist das ,Du‘ nicht zu hören und nicht zu sehen, dann kommt auch kein ethischer Bezug zustande.“ („Raster des Krieges“) Butler will heraus aus den reflexiven Verhältnissen und gibt damit das Denken selbst auf. Sie geht argumentativ vehement gegen die vor, die noch auf Emanzipation im Sinne politischer Freiheit des Menschen aus sind. Nicht Handeln aber ist ein Eingeständnis von Ohnmacht und verachtet diejenigen, die sich aus ihrer Unterdrückung befreien wollen. Wenn nicht Handeln die letzte Weisheit ist, warum lehrt und schreibt Butler dann noch?

Am 6. Oktober eröffnet das Literaturarchiv in Marbach die Ausstellung „Hegel und seine Freunde“ aus Anlass des 250. Geburtstags des Philosophen im kommenden Jahr. Den Eröffnungsvortrag hält Judith Butler um 11 Uhr.