Potsdam

Tiefe Sehnsucht nach Neubeginn

Mit seinen Stillleben wollte van Gogh Lebenswillen zeigen. In Potsdam widmet sich zum ersten Mal eine Einzelausstellung diesen Werken des Künstlers.

„Stillleben mit einem Teller Zwiebeln“
Eigentlich ist es ein Selbstporträt, gemalt nach dem Krankenhausaufenthalt wegen des abgeschnittenen Ohrs. Die Zwiebeln symbolisieren die Tränen des Lebens, Hoffnung das frische Grün: „Stillleben mit einem Teller Zwiebeln“, von van Gogh, 1889. Foto: Museum Barberini

Sonnenblumen sucht man hier vergeblich. Die noch vorhandenen sechs Gemälde mit diesem Sujet gehen nicht mehr auf Reisen, die Museen in München, London, Philadelphia, Tokio und Amsterdam mochten sich nicht von ihren Publikumsmagneten trennen. Aber, um es gleich vorwegzunehmen: Sie fehlen nicht wirklich in der Potsdamer Ausstellung, sie sind im Frankfurter Städel zu sehen, die sich mit van Goghs Bedeutung für die deutsche Avantgarde beschäftigt. Der Potsdamer Kurator Michael Philipp hat eine großartige Sammlung von Werken zusammengetragen, nach einer langen Vorbereitungszeit von neun Jahren – der promovierte Kunsthistoriker war noch beim Hamburger Bucerius Kunstforum tätig, als er entdeckte, dass den van Goghschen Stillleben noch nie eine Einzelausstellung gewidmet wurde.

Warum Stillleben? „Stillleben sind der Anfang von allem“, sagte van Gogh im Winter 1884/85. Die Potsdamer Ausstellung untersucht den experimentellen und wegweisenden Charakter, der von Vincent van Goghs (1853–1890) Stillleben ausging. Jetzt wird erstmals die Bedeutung dieses Genres in seinem OEuvre gewürdigt. Hier zeigt sich seine künstlerische Entwicklung, hier hat er die Moderne vorgedacht, bei gleichzeitig deutlicher Beeinflussung durch die alten Meister der niederländischen Stillleben-Malerei seit dem 17. Jahrhundert.

Die Vogelnester waren ihm Symbole des Lebens

Über 170 Stillleben hat van Gogh in seiner nur zehn Jahre währenden Schaffensphase gemalt. Lediglich 27 davon sind jetzt in Potsdam zu sehen. Die Bilder repräsentieren in ihrer exemplarischen Auswahl jedoch das gesamte Still-Leben des Künstlers, von den in dunklen Erdtönen gehaltenen bäuerlichen Studien der frühen Jahre 1881–1885 bis zu den in leuchtenden Farben explodierenden Gemälden der letzten Lebensjahre, die in Arles, Saint-Rémy und Auvers entstanden. Wieder einmal zeigt das Museum Barberini seine Könnerschaft in der Hängung. Das ganze erste Stockwerk ist den 27 Bildern vorbehalten, jedem Werk wird somit der Raum gegeben, den es verlangt. Fünf chronologische Kapitel verbinden Biografie und Werk van Goghs, von den malerischen Anfängen im niederländischen Den Haag und Nuenen bis zur letzten Phase 1890 in Auvers.

Nachdem der gelernte Kunsthändler Vincent van Gogh seine berufliche Tätigkeit beendet hatte und nicht zum ersehnten Theologiestudium zugelassen wird, übersiedelt er nach Belgien und arbeitet dort zunächst als Laienprediger, zeichnet aber immer nebenbei und bebildert so auch die zahlreichen Briefe an seinen Bruder Theo, der ihn darin bestärkt, sich ganz der Kunst zu widmen. Vincent zieht 1881 zurück nach Brabant zu seinen Eltern und beginnt mit Landschaftsbildern und ersten Stillleben, die seine bäuerliche Umgebung widerspiegeln – düstere Darstellungen wie Stillleben mit Kohl und Klompen. Aber er malt auch Vogelnester, Symbole des Lebens, die der Künstler sammelte und als einzigen Gegenstand auf der Leinwand verewigte. Zwei der Nestbilder sind in Potsdam zu sehen, schon diese beiden in Grautönen gehaltenen Gemälde bestechen durch reflektierendes Licht, das das Geflecht der Nester silbern schimmern lässt. Hier deutet sich schon die spätere Meisterschaft van Goghs an, dessen Experimentieren mit Farben und Licht zu den unglaublichsten Farbexplosionen führte.

In der Pariser Zeit 1886–88 beginnt van Gogh, Blumenstillleben zu malen und so auch in der Großstadt seine Verbundenheit mit der Natur aufrechtzuerhalten – mit aller Symbolik der Vergänglichkeit der welkenden und fallenden Blüten wie im Stillleben mit Wiesenblumen und Rosen. Das aus dieser Phase stammende Gemälde „Vase mit Mohnblumen“ ist erst kürzlich zweifelsfrei als van Gogh zugehörig bestimmt worden. Hier entwickelt der Künstler seinen symptomatischen pastosen Strichelstil, der in Trauben, Zitronen, Birnen und Äpfel so gesetzt ist, dass das vermeintlich gegeneinander kreisende Obst sich vom Tisch zu erheben und wegzufliegen scheint. Die Bilder versprühen eine Lebendigkeit in ihrer Leuchtkraft, die möglicherweise auch das immer wieder sich verdüsternde Gemüt des Malers aufzuhellen vermochte.

Zwei Monate vor dem Tod Sehnsucht nach Neubeginn

Die letzten drei Säle (Arles, Saint-Rémy und Auvers) lassen erahnen, wie der zerrissene Künstler versuchte, sich selbst zu heilen – explodierende Farbkraft springt aus den Zitronen und Blumengebilden und zieht den Schauenden hinein in die Facetten des südfranzösischen Universums, wie es von van Gogh Besitz ergriff. Im „Stillleben mit einem Teller Zwiebeln“, gemalt nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus, in dem er zwei Wochen verbringen musste, nachdem er sich nach einem Streit mit Paul Gauguin das linke Ohr abgeschnitten hatte, verbirgt sich ein Selbstporträt. Ein Gesundheitsbuch liegt auf dem schräg verdrehten Tisch, ein Brief von seinem Bruder, Pfeife und Tabak, Gauguins Kerze, die Absinthflasche außerhalb des Tischs. Die Zwiebeln im Mittelpunkt treiben schon aus – sie stehen für Schärfe und Tränen, das frische Grün aber auch für neues Leben.

Im letzten Saal der finale Höhepunkt: ein einziges Bild an der Rückwand empfängt den Besucher. Blühende Kastanienzweige, gemalt zwei Monate vor van Goghs Tod, zeugen von einem unbändigen Lebenswillen, die weißen und rosa Blüten vor einem ins Weite sich öffnenden Himmelsblau lassen die tiefe Sehnsucht nach Neubeginn erkennen.

Geholfen hat es dem Künstler nicht. Am 29. Juli 1890 stirbt Vincent van Gogh nach einer selbstzugefügten Schussverletzung in Auvers.

Van Gogh: Stillleben. Museum Barberini, Humboldtstraße 5–6, 14467 Potsdam. Bis 2. Februar 2020, mit umfangreichem Veranstaltungs- und Vermittlungsprogramm.

Ausstellungskatalog, herausgegeben von Ortrud Westheider und Michael Philipp, 264 Seiten mit 270 farbigen Abbildungen, Prestel Verlag München 2019, in der Ausstellung EUR 29,95, im Buchhandel EUR 39,–

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