München

„The Snow Queen“: Das Leben ist ein kalter Traum

Stumme Parallelhandlungen: Die bayerische Staatsoper verlegt die Oper „The Snow Queen“ in die Nervenheilanstalt.

„The Snow Queen“
Hübsch inszeniert, doch die märchenhafte Kulisse wirkt bedrohlich: Die Münchner Inszenierung von Hans Abrahamsens Oper „The Snow Queen“. Foto: Hösl

München ist für mich die interessanteste Stadt Deutschlands“, schreibt der dänische Dichter Hans Christian Andersen 1855 in seiner Autobiographie „Das Märchen meines Lebens“, und er fährt fort: „und besonders König Ludwig hat das durch seinen Kunstsinn und seine unermüdliche Tätigkeit bewirkt“. Andersens Traum war es daher, eines seiner Theaterstücke in München dargebracht zu sehen. Doch dazu kam es nicht. So gesehen ist die jetzt an der bayerischen Staatsoper in englischer Sprache erstaufgeführte Oper „The Snow Queen“ des dänischen Komponisten Hans Abrahamsen tatsächlich auch eine Andersen-Premiere in der Bayerischen Landeshauptstadt – zumindest auf dem Theater, denn die Kenntnis der Märchen des dänischen Nationaldichters kann in der Landeshauptstadt freilich vorausgesetzt werden.

Hans Abrahamsen (Jahrgang 1952) ist einer jener zeitgenössischen Tonkünstler, die man – wie zum Beispiel auch Arvo Pärt oder Steve Reich – der sogenannten „neuen Einfachheit“ zurechnet. Der Terminus mag insofern angemessen sein, als der Komponist es tatsächlich wagt, Puccini und Wagner („Holländer“ zu Beginn des dritten Aktes) zu zitieren, was einem dogmatischen Avantgardisten niemals in den Sinn kommen würde. Aber diese Zuschreibung täuscht andererseits auch, denn Abrahamsens Musik ist alles andere als „einfach“. Sie verdankt sich einer hochreflektierten Konstruktion, die rhythmisch derart anspruchsvoll ist, dass im ersten Akt der „Snow Queen“ kurzzeitig sogar ein zweiter Dirigent eingreifen muss, um im wie immer famos aufspielenden Orchester der bayerischen Staatsoper für jene kristalline Klarheit zu sorgen, die man als Zuhörer hier gewohnt ist.

„So enthüllt sich das Leben als ein kalter,
unverständlicher Traum, der nur von der Einsicht in
das Wesen der „Ewigkeit“ (...) aufgeschlossen werden kann“

München brachte die Oper in der Erstaufführung der englischsprachigen Version, die dänische Uraufführung fand am 13. Oktober 2019 statt. Das Libretto von Abrahamsen und dem Andersen-Kenner Henrik Engelbrecht hält sich streng an das Märchen. Die Münchner Inszenierung von Andreas Kriegenburg jedoch nicht. Sie verlängert die Geschichte vom kleinen Kay, der von der Schneekönigin geraubt wird, und seiner Freundin Gerda, die bis ans Ende der nordischen Länder reist, um den Buben zu befreien, ins Psychologische. Die Rollen werden in München durchgehend verdoppelt oder sogar verdreifacht, so dass sich auf der Bühne stumme Parallelhandlungen ergeben. Der Rahmen des Ganzen ist eine Nervenheilanstalt, in der der unerlöste Kay gefangengehalten wird. Dazwischen, davor und dahinter rollt sich der Erzählfaden des Märchens ab. Diese Konzeption ist insofern schlüssig, als die Kinder am Ende wieder zur Großmutter der ersten Szene zurückkehren, die immer noch das Märchen von der Schneekönigin vorliest. Doch inzwischen sind viele Jahre vergangen, und die Kinder sind Erwachsene geworden. So enthüllt sich das Leben als ein kalter, unverständlicher Traum, der nur von der Einsicht in das Wesen der „Ewigkeit“, der die Kinder im Schloss der Schneekönigin begegnen und die sie dort zu begreifen beginnen, aufgeschlossen werden kann.

Abrahamsen hat eine Musik komponiert, die auf den ersten Blick illustrativ wirken mag (sehr hohe Töne evozieren Eiskristalle, Harfen-Arpeggios erinnern an Schneefall ...), die sich aber bei genauem Hinhören ebenso wie das Bewusstsein der Protagonisten in sich immer weiter verzweigt und ausdehnt. Das Orchester ist riesig, es umfasst sogar Wagnertuben, doch richtig laut und vor allem tief wird es so gut wie nie. Claude Debussy sprach zu Beginn des 20. Jahrhunderts von einem „Orchester ohne Beine“, das sich irisierend auffächert wie ein Sonnenstrahl. In diese Richtung mag Abrahamsen hier komponiert haben, und das Ergebnis ist beeindruckend, weil unerhört. Es entstehen Klangbilder feinster Webung ohne Bassfundament, die unter dem engagierten Dirigat des Stuttgarter GMD Cornelius Meister wie Kristalle im Wetterstein-Licht funkeln.

Zeitgenössische Musik großartig inszeniert

Die Schwierigkeiten für die Vokalsolisten liegen vor allem in der Isolation ihrer Gesangsparts. Kaum gibt es Unterstützung durch die Orchesterstimmen, die ganz in ihren eigenen kalten Träumen gefangen sind. So müssen die großartige Barbara Hannigan (Gerda) und die nicht weniger beeindruckende Rachael Wilson (Kay) die 90 Minuten der Oper weitgehend ohne Netz und doppelten Boden bestreiten – vielfach im Piano und Pianissimo, oft auch deklamierend monton, dann wieder sich kantilenenhaft emporschwingend. An ihrer Seite der Bayreuth-gestählte Peter Rose als Schneekönigin und sehr komisch als Rentier und die beiden wunderbar skurril herumhüpfenden und ornithologisch überzeugend krächzenden Krähen Kevin Connors und Owen Willets. Daneben ist auch der Chor der Staatsoper zu bewundern, der sich vor allem dramaturgisch gut in die Dynamik des Bühnengeschehens einfügt.

Zugegeben, die „Snow Queen“ ist keine Kinderoper. Die Münchner Intendanz hat sie neben den Nußknacker in die Weihnachtstage gesetzt und zugleich durch ein „ab 16“ klargemacht, dass es sich hier um keine Märchenaufführung für Grundschulkinder und ihre Eltern handelt. Ein paar Eltern haben sich nicht an diesen Hinweis gehalten und ihre zum Teil recht jungen Kinder mitgebracht. Neben einem dieser Kleinen ließ sich faszinierend beobachten, wie dieses Kind ohne jedes Vorurteil der strengen Musik Abrahamsens und dem doch recht komplexen, weil mehrschichtigen Geschehen auf der Bühne folgte. Gut so! Man darf und sollte Kinder nicht unterschätzen, vor allem, was zeitgenössische Musik angeht, die so großartig und mitreißend dargeboten wird wie Abrahamsens „Snow Queen“ in München.

Die Premiere wurde wohl von Premierensnobs ausgebuht, bei den folgenden Aufführungen, die von den echten Kennern und Liebhabern besucht wurden, stellte sich dann mehr und mehr Enthusiasmus ein.

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