Würzburg

Sein geistliches Werk war wegweisend

Ludwig van Beethoven hat in seinen Kompositionen Glauben und Leben verbunden. Eine Spurensuche.

Ludwig van Beethoven
In seinem Oratorium „Christus am Ölberge“ identifizierte Beethoven seine Verzweiflung wegen der Hörminderung mit dem Leiden Christi. Foto: Adobe Stock

Ein kluger Jesuit hat einmal darauf hingewiesen, wie wichtig es ist, bei jedem Argument, jedem Werk und jeder Tat nach dem zugrundeliegenden Axiom zu suchen. Denn wenn das in Ordnung ist, lohnt es sich auch, sich mit dem zu befassen, was daraus hervorgeht. Kann man ihm nicht zustimmen, sollte man sich die Zeit und Mühe der Beschäftigung sparen. Im Beethoven-Jubiläumsjahr lohnt sich deshalb auch bei dem als Gigant der Musikgeschichte apostrophierten Tonsetzer der Blick hinter die geistigen Kulissen. War Beethoven ein gläubiger Mensch, war er geprägt durch die Kirche seiner Zeit und finden sich Spuren der Katholizität in seinem Werk?

Das geistige Umfeld Beethovens, der Hof des Kurfürsten Maximilian, von dessen Hoforganist Neefe er unterrichtet und dessen Stellvertreter er wurde, herrschte ein ausgesprochen liberales Klima. Konsensfähig war hier aufklärerisches Gedankengut, das vor allem von den Kreisen des Illuminatenordens geteilt wurde. Beethovens Lehrer Neefe war, ebenso wie zahlreiche andere Hofmusiker, Mitglied der Bonner Loge und sogar deren Vorsitzender. Doch es scheint nicht so, dass der junge Musiker Zeit oder Interesse für diese Ideen gehabt hätte. Das mag mit seiner Familiensituation zusammenhängen. Die Mutter starb 1787, sein Vater war Alkoholiker und Beethoven erhielt vom Kurfürsten nach dessen Entlassung die Verfügungsgewalt über die Hälfte der väterlichen Pension, das heißt, dass er de facto zum Familienoberhaupt wurde und für seine jüngeren Geschwister sorgen musste. In der Verbindung zu ihnen und später zu deren Kindern zeigt sich besonders deutlich die Verankerung in einem praktisch gelebten Glauben. Denn in seinem Tun legte er nicht nur Wert auf die Sorge um das leibliche Wohl, er vermittelte ausdrücklich und mit großer Nachhaltigkeit moralische Werte.

Schaut man sich die Liste seiner Werke an, finden sich auch dort deutliche Hinweise auf eine Verbindung Beethovens zur katholischen Kirche. Dass dies so ist, ist keineswegs selbstverständlich. Denn der Musiker war zunächst vor allem als Klaviervirtuose und später als Schöpfer weltlicher Kompositionen bekannt. Seine Auftraggeber waren Fürsten, und deren Interesse lagen, wie die Aufführung seines aus Anlass des Wiener Kongresses komponierten und dort aufgeführten Werkes „Wellingtons Sieg oder Die Schlacht bei Vittoria“, auf anderen Feldern als dem der Spiritualität. Aber Beethoven übte nicht nur maßgeblichen Einfluss auf dem Feld der Sinfonik oder der Klavierkonzerte aus, er schrieb auch wegweisende geistliche Kompositionen. Wo deren Wurzeln liegen, wird in der Durchsicht seiner Skizzenbücher deutlich. In ihnen sammelte er musikalische Ideen. Sie sind eine Art tönender Schatzkiste, aus der er alte und neue Motive hervorholte.

Das Katholische bei Beethoven ist unzweifelhaft

Deren Behandlung, der detaillierte Umgang mit dem Formelmaterial und deren Variation erinnert stark an die Gesetzmäßigkeiten des Gregorianischen Chorals. Denn auch in diesem der Kirche eigenen Gesang wird ein Kanon melodischer Elemente miteinander verwoben, weiterentwickelt, variiert und durch Wiederholung verstärkt. Dass Beethoven die überlieferte Musik intensiv studierte, ist bekannt. Und es ist für seine Zeit, die sich, wie alle Epochen, auf die zeitgenössische Musik konzentrierte, ungewöhnlich. Beethoven beschäftige sich en Detail mit den Werken Johann Sebastian Bachs und es ist wenig verwunderlich, dass auch der Choral seine Spuren in seinem musikalischen Denken hinterlassen hat.

Sein dezidiert geistliches Werk ist – verglichen mit dem breiten Spektrum seiner anderen Kompositionen – klein. Aber dessen Schwerpunktsetzung ist überaus interessant. Denn sein 1803 in nur zwei Wochen komponiertes Oratorium, „Christus am Ölberge“ hat ein für die Gattung durchaus ungewöhnliches Thema. Die Ölbergsituation zu thematisieren hatte vermutlich persönliche Gründe. Beethoven befand sich durch seine, wie ihm mittlerweile klargeworden war, fortschreitende und unheilbare Hörminderung in einer verzweifelten Situation. Dass er sich in ihr mit dem Leiden Christi am Ölberg identifizierte – kurz nachdem er im sogenannten Heiligenstädter Testament seinen verzweifelten Seelenzustand in Worte gefasst hatte – ist ein sprechendes Zeichen für seine enge Verbindung von Leben und Glauben. Das Oratorium ist, was ein weiterer Hinweis für die innere Verbindung des Komponisten zum gewählten Thema ist, nach den 1790 in Bonn entstandenen Kantaten auf den Tod von Kaiser Joseph II. und zur Erhebung von Leopold II., sein erstes Vokalwerk. Das Schreiben für Stimmen scheint sich ihm als Möglichkeit erschlossen zu haben, seine eigene Situation spirituell verarbeitend, das ihm auferlegten Leiden in Perspektive zu setzen zum Leiden Christi.

Eine zweite wichtige Spur zur Katholizität Beethovens findet sich in seiner „Missa Solemnis“. Sie gilt nicht nur Musikwissenschaftlern als bedeutendstes Werk des Meisters der Klassik, auch der Komponist selbst schätzt sie so ein. Der äußere Anlass für deren Komposition war die Inthronisation des Erzherzogs Rudolph von Österreich zum Erzbischof von Olmütz. Rudolph war nicht nur ein sehr begabter Schüler und Freund Beethovens, sondern auch in materieller Hinsicht ein wichtiger Förderer des Komponisten.

Vermutlich plante Beethoven aber schon vor dem konkreten Anlass zur Schaffung dieses Werkes die Komposition einer Messe. Hinweise darauf finden sich in einem Tagebucheintrag des Komponisten aus dem Jahr 1818, in dem Beethoven seinen Vorsatz notiert, sämtliche Gesänge des Gregorianischen Chorals sorgfältig zu studieren, wobei er einen besonderen Fokus auf das Wort–Ton Verhältnis legte. Begleitend hierzu erstellt Beethoven ein sechsseitiges Manuskript mit den Texten des Ordinariums, in das er im Vorfeld der Erarbeitung seiner Missa solemnis die Wortakzente eintrug und zum besseren Textverständnis eine deutsche Übersetzung hinzufügte. Dieser Einblick in die Werkstatt Beethovens zeigt nicht nur die generelle Sorgfalt des Komponisten im Umgang mit der von ihm bearbeiteten Materie, er ist auch ein klarer Hinweis auf seine Katholizität.