Würzburg

Schmerz als Wurzel der Musik

Der Rapper NF zeigt im neuen Album wieder seinen Glauben.

Der amerikanischen Rapper NF
„Real“ ist eines der Schlüsselworte des amerikanischen Rappers NF: Aus der Düsterkeit, die er empfindet, ist ihm die Realität Gottes der Ausweg. Foto: NF

Der „Outcast“ ist zurück. Es hat – für die atemlosen Verhältnisse von Nathan Feuerstein – etwas gedauert, bis der US-amerikanische Rapper knapp zwei Jahre nach „Perception“ nun sein viertes Studioalbum veröffentlicht hat. Der junge Christ lehnt eine Kategorisierung seiner Musik ins Genre „christlicher Rap“ zwar ab, seinen Glauben versteckt er dennoch nicht. „Gott gab mir dieses Geschenk und die Fähigkeit, das zu tun“, schrieb er schon in „Therapy Session“ über sein musikalisches Talent. Und er wuchert damit, erfolgreich. Doch Erfolg kann verderben: 21 Platin- und 13 Goldene Schallplatten hätten die Wartenden nicht nur aus Vorfreude unruhig werden lassen können mit der Frage, was der mittlerweile 28-jährige Überflieger aus Michigan wohl noch liefern mag. Eine Angst, die das neue Album „The Search“ als geradezu lächerlich entlarvt und in purer Sprachlosigkeit aufgelöst hat. Denn das, was der Künstler in den 18 Titeln und einem reflektierenden Kurztext in Worte und Beats packt, trotzt in seiner Intensität und Tiefe jeder Zusammenfassung. „Schmerz war schon immer die Wurzel meiner Musik, wenn ich sie abschneide, wie soll ich weiter wachsen?“, fragt er am Ende seines vorhergehenden Albums. Daran hat sich wenig geändert, im Gegenteil. Es ist tatsächlich Schmerz, der zwischen den Versen vibriert. Mal wild, explosiv, gewaltig, mal getragen, melancholisch, an sämtlichen Fasern des Herzens reißend. Man braucht die Texte nicht zu verstehen, um zu spüren, dass dieser Schmerz echt ist. Er ist Grundlage, Triebfeder, Wegweiser dieser bisweilen düsteren, aber in ihrer Authentizität doch so existenziell berührenden und tröstenden Kunst.

Die Auseinandersetzung mit der eigenen Kindheit, den familiären Narben und seelischen Wunden ist nichts Neues in den Texten von Nathan Feuerstein. Der Akzent ist dennoch ein anderer. Dort, wo einmal die kalte Zelle seines inneren Gefängnisses gestanden hat, wehen jetzt schwarze Ballons voller Zweifel. „The mind is a powerful place. And what you feed it can affect you in a powerful way“, rappt NF. Ja, der Verstand ist ein gefährliches Territorium, einflussreich, mächtig, übermächtig bisweilen. NF spricht aus Erfahrung.

„Wie sehe ich in Gottes Augen aus?“

„Die Gedanken, die mir sagen, ich sei verloren, werden zu laut.“ Nach einem Nervenzusammenbruch im letzten Jahr wurde ihm eine Zwangsstörung diagnostiziert. Das ständige Grübeln ist zum inneren Kampf geworden, zum Krieg mit sich selbst, mit den eigenen perfektionistischen Maßstäben, mit dem Stolz, der die eigene Verwundbarkeit nicht zugeben und der Angst, die jede weitere Verletzung durch äußere Härte und innere Distanz vermeiden will. Nicht nur für seine junge Ehe – seit September 2018 ist der Rapper mit Bridgette Doremus, jetzt Feuerstein, verheiratet – ist das eine Herausforderung. Suizidgedanken, Selbsthass, Überarbeitung: NF weiß, dass er Veränderung braucht. Abseits jeden Selbstmitleids analysiert er sein Denken, reflektiert seine Situation, bricht auf und macht sich auf die Suche. „Es wird vermutlich eine lange Reise, aber hey, es ist es wert.“ Nicht nur für ihn selbst, auch für alle Mitreisenden, denn NF denkt und fühlt mit einer Wucht, die erschüttert, entblößt und den Einzelnen erbarmungslos vor die eigene Wahrheit stellt. „Ich frage mich, wie ich in Gottes Augen aussehe: Bin ich ein guter Mensch oder ein verlorener? Wird der Schmerz verschwinden oder wird mehr kommen? Bin ich verdammt oder werde ich den Himmel finden?“ NF reist tatsächlich weit, gräbt tief, geht mit seinen Fragen an die Substanz der Seele.

Mehr mit Gott sprechen, empfiehlt der Rapper

Eine existenzielle Gratwanderung zwischen der schmalen Hoffnung auf Glück und den Abgründen des eigenen Schmerzes. Frieden, Freiheit, Liebe: NF weiß nicht, ob er all das jemals finden wird. Der Erfolg hat ihm jedenfalls nicht den Kopf verdreht, auch vor ihm machen seine Zweifel nicht Halt. „Ich frage mich, ob ich falsch lag zu denken, dass Gott mich hierher geführt hat.“

Seine schwierige Biografie hat Spuren hinterlassen, die auch der Ruhm nicht verwischen kann. „Mit 27 werden wir Millionen machen, aber das ist wirklich traurig, denn du lernst zu realisieren, dass nichts davon dich glücklich machen wird“, singt er in „Nate“, einer fiktiven Konversation mit seinem Ich als Kind, die viel über seinen Blick auf sich selbst und seine Geschichte offenbart. NF nimmt den kleinen Nate an der Hand und verspricht ihm, nach Antworten zu suchen, auf die Fragen und Probleme, die beide beschäftigen. Aus dem, was das Leben dir aufzwingt, das Beste machen, den Menschen nicht zu sehr trauen und mehr mit Gott sprechen, „denn er ist der einzige, der zuhört, selbst wenn du denkst“, rät NF seinem jungen Ich. Mitgefühl und Sympathie kann er sich allerdings kaum abringen für das kleine Kind, das er selbst war. „Denn wenn du mir leid tust, muss auch ich mir leid tun und das ist einfach etwas, dass wir, denke ich, nicht verdienen.“

Sich selbst und Liebe annehmen zu können, scheint Nathan Feuerstein tatsächlich schwer zu fallen. Und so ist auch die zunehmende Berühmtheit eher Last und Fluch als Stütze und Segen für den jungen Rapper. „Don't like cameras in my face; glamour: it's all fake”. Nicht nur Kameras, auch Interviews sind ihm unangenehm und die vielen Gesichter, die zu ihm aufschauen, machen ihm Angst.

Trotzdem macht NF weiter, Gott sei Dank. Im September startet seine Amerika-Tournee, im März 2020 kommt er wieder nach Europa, unter anderem nach Köln, Berlin, Hamburg, Frankfurt und München. „The search begins, I'm back, so enjoy the trip“: Ja, die Suche beginnt, NF ist zurück, und es lohnt sich, mit auf die Reise zu gehen.