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Rudolf Borchardt: Schöpferischer Konservativer

Der Lyriker und Redner Rudolf Borchardt beeindruckte die Menschen mit seiner Sprache. Dabei fühlte er sich eingebunden in die weite abendländische Erzählung.

Rudolf Borchardt
Geburt in Königsberg, Taufe in Moskau, Abitur in Wesel: der Dichter Rudolf Borchardt.Wiki Foto: Foto:

Wann, wenn nicht jetzt, ist die Stunde, Rudolf Borchardt zu entdecken? Solange fast jeder, der seinen Namen hört, antwortet, „Draußen vor der Tür“ habe er gelesen; solange das schmale Nachkriegswerk des Wolfgang Borchert mit dem Kaiserreich und Weimarer Republik, zwei Weltkriege und eine Diktatur umspannenden, so vielgestaltigen wie anregenden, provokativen wie klugen Oeuvre Rudolf Borchardts verwechselt wird, solange bleibt Deutschland eine unvollständige Kulturnation.

Anstrengend war er im Umgang, hochfahrend konnte er sein und selbstgerecht, dann zart und skrupulös und fast immer von derart hohen sprachmagischen Kräften, dass selbst Adorno seine Lyrik bewunderte. In einem Jugendgedicht heißt es: „Ich habe nichts als Rauschen, Kein Deutliches erwarte dir; Sei dir am Schmerz genug, in dich zu lauschen.“ Und später: „Es ist nicht schwer, von Tischen aufzustehen, Wo alle Becher umgeworfen sind.“ Er warf selbst Tische um, verscherzte es sich mit vielen, galt als Meister der Maske und Virtuose der folgenlosen Ankündigung – und kannte sich genau, bekannte 1910 in einem Brief, „dass ich mir oft wunderlich vorkomme mit meinem Gehaben und Hantieren, das im Grunde auf lauter Fiktionen der prekärsten Art ruht.“

Borchardts Sprache hat etwas unmittelbar Zwingendes

Das Lyrische war das nächtliche Element, in das es ihn zog, draußen war es das oratorische. Ein Redner war Borchardt, wie es vielleicht keinen zweiten gab. Am 20. Juni 1923 referierte er in München „Über den Dichter und das Dichterische“. Thomas Mann gab zu Protokoll: „Mir ist nie, weder vorher noch nachher (…) in improvisierter Rede an Vollendung etwas Ähnliches vorgekommen.“ Die „Münchner Zeitung“ berichtete: „Borchardts Art zu sprechen hat etwas unmittelbar Zwingendes, Unentrinnbares. Seine Gedanken sind klar und hart wie Kristall, er formt sie, nicht selten mit von Energie fiebernden Fingern buchstäblich den Wortteig knetend, vor unseren Augen zu Sätzen und Satzreihen, die sich zu einem Gedankengebäude von erstaunlicher Kühnheit türmen.“ Kein Wunder, dass er 1927 auch sein kulturpolitisches Grundsatzprogramm in einer Rede niederlegte. Sie hieß „Schöpferische Restauration“ und bleibt unabgegolten bis heute. Geboren wurde Rudolf Borchardt 1877 in Königsberg, getauft in Moskau, im kalvinistischen Bekenntnis der Eltern, konvertierter Juden. Der Vater war Teehändler und Bankteilhaber. Die Kindheit verbrachte der kleine Rudolf zum Teil in Berlin, worüber er im wunderbaren Erinnerungsbuch „Rudolf Borchardts Leben von ihm selbst erzählt“ berichtet. Später folgte er seinem Hauslehrer nach Westpreußen, dann an den Niederrhein. Dort, in Wesel machte er 1895 Abitur, ehe er in Berlin und Bonn studierte, Klassische Philologie und Archäologie vor allem. Rudolf Borchardt war reformierter Christ, doch die Auseinandersetzung mit dem Judentum blieb ihm lebenslang ein, wie er sagte, „so stummes wie unerschöpfliches Bildungsproblem“, persönlich und national.

Borchardt näherte sich beiden Bildungsprozessen vom Rand her; das Ich verbarg er lang im Spiel der Masken und Fiktionen, das eigene Land nahm er von Italien aus in den Blick, von der Toskana, wo er mit Unterbrechungen seit 1903 lebte. Für sich und sein Gebaren fand er ein berückendes Bild: „So bin ich wie die einzige übriggebliebene Biene eines ausgeräucherten Stocks, die ihre Zelle baut, weil ihr die Sechseckigkeit mit den sechs Beinen angeboren ist, das Wachs, das sie aussscheidet, untergebracht werden muss, und jene Art Instinkt (...) sie nach wie vor zwingt, die ungenutzten Förmchen mit Speise für die Ungeborenen zu füllen.“ Ist das nicht eine realistische Beschreibung des Risikos, das der Konservative eingehen muss: des Risikos, der Letzte seiner Art zu sein und fortzusetzen, fortzuführen, was einem „angeboren“ ist, unbeschadet der Resultate?

In der „Schöpferischen Restauration“ führt Borchardt die um 1750 mit dem „Staat Friedrichs des Großen“ beginnende Ära und seine Gegenwart eng. In beiden Fällen sieht er eine „Mechanisierung des Menschen und der Welt“ und zugleich das unvernünftig Esoterische, Okkultismus, Horoskop, Handleserei. Die Parallele zu unserer Zeit, in der Computerprogrammierer sich am Wochenende in Druiden verwandeln, ist nah. Auch Versuche zur „Beherrschung der öffentlichen Meinung“ gibt es damals wie heute, ebenso die Neigung, den freien Willen zu bestreiten, worin Borchardt die „Hölle“ eines „hoffnungslosen Mechanismus und Determinismus, des Willens und seiner Freiheit entkleidet“ erblickt. Hoffnung braucht Willensfreiheit.

Schöpferisch muss die Restauration sein

Laut der „Schöpferischen Restauration“ ereignete sich zwischen 1820 und 1848 eine „zweite allgemeine Reformation“. Hamann, Herder, Fichte, Schelling begründeten einen „neuen deutschen Hellenismus“. Rein durch Bildung und durch Kunst, durch Philosophie, Wissenschaft und Poesie nahm „die europäische Gesellschaft das Gepräge eines deutsch reformierten Lebens“ an. Auf diese Weise verbinden sich Vaterlandsliebe und Abendland denkbar friedlich, maximal fruchtbar. Der Geist soll das deutsche Exportgut Nummer Eins werden: So ließe sich Borchardts schöpferische Restauration ins Heute übersetzen.

Und dazu bedarf es einer Vervielfältigung der Erinnerung. Vielfalt, frei nach Borchardt, brauchen vor allem die vergessenen und verkannten und verfemten Dichter, Denker, Künstler vor uns. Schöpferisch muss jede Restauration sein, weil sie das in der Vergangenheit Unvollendete in der Gegenwart sich neu aneignet. Wenn Botho Strauß in „Der Fortführer“ sich auf Borchardt beruft, benennt er einen Ahnherrn.

Im März 1933 verliert Borchardt in Italien das Auftrittsrecht: „Meine Familiengeschichte erfüllt nicht die für den Zeitdeutschen vorgeschriebenen Forderungen der Turnierfähigkeit.“ Schon zwei Monate später notiert er, dass die „Zerstörung der Persönlichkeit in einem Geschichtsvolk“ anhebt. Die innere Ablehnung der „europäischen Kultur“, weiten Teilen der Deutschen fest eingeschrieben, schlage unter Hitler zum Destruktiven aus. „Nur im deutschen Volk“, wusste Borchardt, „hält sich zäh (...) der wütende Argwohn, durch das Christentum eigentlich gefoppt zu sein und durch Rom nur ausgebeutet und düpiert, (...) durch Mittelalter und Kirche verhöhnt, durch die Wissenschaft dummgemacht, durch Frauenkultur, Höfischkeit und Höflichkeit entnervt, durch den Geist verraten und durch Goethe um den richtigen Weg betrogen.“

Sein Konzept eines schöpferischen Konservatismus muss er nicht revidieren. Ein Grundzug, schon immer zentral, tritt nach vorne, die Verankerung des Deutschen im Abendländischen, die Zuspitzung des Abendländischen im Deutschen. Konservativ ist, wer dem Abendland die Treue hält. Der Auftrag aus der „Schöpferischen Restauration“, Deutschland im eigenen „Busen“ als Ganzheit wieder herzustellen, ist keine Wendung ins Mystische, sondern geschichtliche Notwendigkeit: Deutschland war für Borchardt eine Sache der Gesinnung, weniger des Territoriums. In der Rundfunkrede „Der deutsche Geist als Hüter des deutschen Föderalismus“ von März 1930 gelangt er zur überraschenden Moral: „Vergangenheit ist kein Programm, und der falsche Konservatismus, der sie restaurieren will, frevelt wie sein Gegenspieler, der Radikalismus, der die Welt an seinem Geburtstage geschaffen wähnt.“

Im vierten Kriegswinter dringen die Erschütterungen bis in die Toskana: „Um Weihnachten 1942 zerriss mit einem ersten Stoße der Wirklichkeit der Schleier, hinter dem wir unsere alte Welt immer noch behütet glaubten. Unsere so breite und glückliche italienische Basis (...) Saltocchio ging verloren.“ Mit diesen Sätzen beginnt die letzte erzählerische Arbeit des mittlerweile 66-jährigen Borchardt, das autobiographische Fragment „Anabasis“.

Auf dem Weg zurück nach Deutschland stirbt er

Entstanden ist „Anabasis“ im letzten Winter eines Lebens, das vom Holocaust umstellt war. Karoline Ehrmann, Borchardts geschiedene erste Frau, wurde im Juli 1942 nach Theresienstadt gebracht, wo sie im Januar 1944 starb. Der letzte Brief der Mutter hatte Berlin im Herbst 1939 verlassen; fassungslos schildert die damals 85-Jährige die brutalen Vorgänge in der Reichshauptstadt. Wahrscheinlich erst 1943 stirbt Rosele Borchardt; wie alle verbliebenen Berliner Juden hatte sie ihre Wohnung verlassen und ins sogenannte „Judenviertel“ umziehen müssen.

Borchardt war wenige Wochen vor der Niederschrift des Fragments, im August 1944, einer düsteren Zukunft entronnen: Gemeinsam mit seiner Frau Marie-Luise, den drei Söhnen und der Tochter sollte er als „Auslandsdeutscher“ zurück ins Reichsgebiet gebracht werden. Die Überquerung der Alpen ist bis Innsbruck vollzogen, als der begleitende Feldwebel die Familie in die Freiheit entlässt. Die Borchardts können sich in dem Dörfchen Trins in Sicherheit bringen. In Zimmer 115 des Hotels „Trinserhof“ erleidet Rudolf Borchardt am 10. Januar 1945 einen Hirnschlag. Seine marmorne Grabplatte trägt die Inschrift „Non omnis moriar“ – das große Horazwort, das viele Jahre später der Refrain werden sollte der späten Gedichte des Karol Wojtyla. Non omnis moriar, ich werde nicht ganz sterben, ganz sterben werde ich nicht.

Der Autor wurde mit einer Arbeit über Borchardt promoviert. Er ist stellvertretender Vorsitzender der Rudolf-Borchardt-Gesellschaft e.V.

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