Münster

Peter Wust: Ein offensiv Bekennender

Peter Wust sah die Rückkehr der Metaphysik. Zum 80. Todestag des Münsteraner Philosophen.

Peter Wust
„Ich befinde mich in absoluter Sicherheit“, schrieb der Philosoph Peter Wust vor seinem Tod über seinen Glauben. Foto: KNA

Am 3. April 1940 verstarb der Münsteraner Philosoph Peter Wust nach schmerzhaftem Leiden an Oberkieferkrebs im Alter von erst 55 Jahren. Man darf in ihm den katholisch-christlichen Antipoden zu Martin Heidegger sehen, auch wenn beide ähnliche Kritik an Technokratie üben. Auf seinem Grabstein neben dem Friedhofskreuz des Mecklenbecker Friedhofs steht in Anlehnung an sein bekanntestes Buch: „Aus dem Wirklichkeitstraum durch ,Ungewissheit und Wagnis‘ in den Wirklichkeitstraum der Geborgenheit in Gott.“

Ungewissheit war für den in einfachen ländlichen Verhältnissen am 28. August 1884 im saarländischen Rissenthal geborenen Peter Wust ein Lebenszug. In dem kurz vor seinem Tod geschriebenen Lebensrückblick „Gestalten und Gedanken“ (Neuauflage Blieskastel 1996), der an die Autobiographien von Albert Schweitzer, Hans Carossa und Edith Stein erinnert, hat er seine kindliche und jugendliche Sehnsucht nach Bildung und Geist bewegend geschildert. Nur der Förderung durch einen Pfarrer hat der älteste Sohn eines tieffrommen Siebmachers es zu verdanken, dass er in Trier das Gymnasium besuchen und als Priesterkandidat im Bischöflichen Konvikt wohnen konnte. Noch vor dem Abitur erkannte er, nicht zum Priestertum berufen zu sein und ließ sich dann so sehr auf moderne „neukantianische“ Denkströmungen ein, dass er seinen Glauben fast verlor. Aber die christlichen Wurzeln aus der Kindheit und Familie waren zu tief, als dass dies ein Dauerzustand sein konnte. Wilhelm Vernekohl, Wusts Biograph und Herausgeber seiner „Gesammelten Werke“ (1963–1969), drückte es so aus: „Er kehrt zurück, wovon er ausgegangen war, zu dem, was er in seiner Jugend geliebt. ,On revient toujours a ses premiers amours‘.“

Peter Wust war ein Philosoph, der vom Glauben getragen wurde

Der schüchterne, oft grüblerisch veranlagte und doch so temperamentvolle Saarländer geht einen entschiedenen Weg der Erkenntnis. In Trier ist Gottfried Kentenich sein Lehrer und lebenslanger Freund. Dante, Manzoni und Goethe waren die Lektüre der beiden Italien-Liebhaber in der alten Römerstadt an der Mosel. In Berlin hörte er als Student den Philosophen Friedrich Paulsen, in Straßburg Clemens Baeumker. 1914 promoviert er in Bonn bei Oswald Külpe über John Stuart Mill und arbeitet parallel als Gymnasiallehrer für Sprachen in Neuß, Trier und Köln. Die Erfahrungen des verlorenen Krieges bringen ihn zur Besinnung und intellektuellen Umkehr. Der Religions- und Kulturphilosoph Ernst Troeltsch (1865–1923) sagte Wust im Oktober 1918 bei einer Tagung: „Sie sind noch jung. Wenn Sie noch etwas für die Kräfteerneuerung unseres Volkes tun wollen, dann kehren Sie zurück zum uralten Glauben der Väter und setzen sich in der Philosophie ein für die Wiederkehr der Metaphysik gegen alle müde Skepsis einer in sich unfruchtbaren Erkenntnistheorie.“ Wust sah in diesem Rat einen „schweren Stoß der Gnade“ und veröffentlichte 1920 bei Meiner in Leipzig sein erstes philosophisches Werk „Die Auferstehung der Metaphysik“, das seinen Namen bekannt machte. Ab 1921 steht er in Köln in freundschaftlichem Kontakt zu Max Scheler, über den er dem Laacher Abt Ildefons Herwegen schrieb: „Ihm danke ich meine Rückkehr zu Christus – sonderbarer Weise. Und daher erklärt sich meine ganze Liebe zu ihm, auch nachdem er wieder abbog. Aber erst in dieser Periode des Abbiegens habe ich dann auch die furchtbare Situation eines solchen modernen Menschen erkannt.“

In den 1920er Jahren Jahren war Wust eine expressive und oft pathetische Stimme eines neuen Katholizismus – zusammen mit Theodor Haecker, Erich Przywara, Romano Guardini und Karl Muth, für dessen „Hochland“ er schrieb. Seine Fanfarenstöße drohten aber unterzugehen oder als „Parteisache“ (Thomas Ruster) missverstanden zu werden, sodass er sich 1928 in Paris – immer war Wust aufgrund seiner Herkunft frankophil – mit Vertretern des „Renouveau Catholique“ wie Robert d'Harcourt, Charles du Bos, Jacques Maritain und Gabriel Marcel, der auch ein christlicher Existenzphilosoph war, traf und Verstärkung holte. Auch mit Paul Claudel und Karl Pfleger hatte er brieflichen Austausch. Wusts „Kulturkritik als Aufgabe der Kulturphilosophie“ wurde von F. Werner Veauthier ausführlich dargestellt (Heidelberg 1998, dazu die Rezension von Ekkehard Blattmann in „Die Tagespost“ vom 27. Oktober 1998). Schon 1928 formulierte er prophetisch: „Schreckliche Dämonen schleichen über die Welt und niemand sieht sie. Alles dies wird in einem furchtbaren Untergang zugrunde gehen.“ In der Kölner Zeit erschienen noch die beiden Werke „Naivität und Pietät“ (1925) und „Die Dialektik des Geistes“ (1928), die zusammen mit den publizistischen Aktivitäten dazu führten, dass der Studienrat ohne Habilitation 1930 auf den ordentlichen Lehrstuhl für Philosophie an der Universität Münster berufen wurde.

Seine Vorlesungen fanden enormen Zuspruch von Studenten aus allen Fakultäten. Anders als Heidegger und einige Theologen war Wust von Anfang an immun gegen jeden Nazi-Geist. Zu seinen faszinierten Hörern zählte auch der 1996 in Berlin zusammen mit Bernhard Lichtenberg seliggesprochene Karl Leisner, der in seinen Tagebüchern lebhaft Anekdotisches festhält.

Der „Zauberschlüssel“ war ihm das Gebet

Nach anfänglichen Schwierigkeiten wurde Wust in Münster heimisch und fand einen festen Freundeskreis, zu dem kurzzeitig auch Edith Stein gehörte. Als sie im April 1934 in den Kölner Karmel eintrat, war er anwesend und schrieb darüber einen Artikel. Er ging unbeirrt seinen Weg als offensiver Bekenner (pro- und confessor) der Wahrheit, darin nah dem „Löwen“ und Bischof von Münster, Clemens August Graf von Galen. Als er diesem 1937 sein philosophisches Hauptwerk „Ungewissheit und Wagnis“ (letzte Neuauflage Münster/Berlin 2019), das die „insecuritas humana“ analysiert und zum Wagnis der Weisheit hinführen will, zukommen ließ, antwortete der spätere Kardinal und Selige: „Ich freue mich ja über Ihre Bücher, Herr Professor. Aber ich weiß nichts damit anzufangen. Für mich ist die christliche Religion weder Ungewissheit noch Wagnis.“ Trotz dieses Unverständnisses kam es nach Ausbruch der Krankheit (1938) vor dem Tod zu einer tiefen spirituellen Begegnung, bei der der „Löwe von Münster“ dem „Philosoph von Münster“ sein Sterbekreuz schenkte.

Sehr ergreifend ist das „Abschiedswort an meine Schüler“ vom 18. Dezember 1939, das in den Schützengräben des Zweiten Weltkrieges kursierte. Peter Wust fasst in einer Art geistigem Testament seine philosophischen Anliegen zusammen und lässt sie in ein theologisches Bekenntnis münden, in einen „Zauberschlüssel“: Dieser ist „nicht die Reflexion, wie sie es von einem Philosophen vielleicht erwarten möchten, sondern das Gebet. Das Gebet, als letzte Hingabe gefasst, macht still, macht kindlich, macht objektiv … Gebet kennzeichnet alle letzte ,Humilitas‘ des Geistes. Die großen Dinge des Daseins werden nur den betenden Geistern geschenkt.“ Liebe ist mehr als Wissen. Ein charakteristisches Zeugnis zu Werk und Leben Peter Wusts übermittelt Josef Pieper, der ihm einmal in Münster als christlicher Philosoph nachfolgen wird. Die beiden hatten eine eher lose Beziehung, aber im Februar und März 1940 besuchte Pieper öfter den Erkrankten. Er wollte ihm die gute Nachricht eines Fehlalarms überbringen. Wust war aber völlig beruhigt und fast heiter. Da er nicht mehr reden konnte langte er nach seinem Notizbuch und schrieb im Angesicht seines Todes die Worte: „Ich befinde mich in absoluter Sicherheit“ (Gedenkbuch der Freunde für Peter Wust, Münster 1950, 43–45). Die Peter Wust-Gesellschaft e.V. (Merzig) versucht bis heute, die Erinnerung an den großen Mann des Geistes und des Glaubens wachzuhalten.

www.peter-wust-gesellschaft.de

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