Würzburg

Persische Patriarchenluft kosten

Goethe sah sich selbst als „Muselmann“. Vor 200 Jahren erschien der „West-östliche Divan“.

Goethes Gedicht „Ginkgo biloba“:
Goethes Gedicht „Ginkgo biloba“: Das Ginkgoblatt wurde dem westlichen Dichter „von Osten“ anvertraut und „gibt geheimen Sinn zu kosten,/ Wie's den Wissenden erbaut“, wie Goethe schreibt. Foto: IN

Und noch einmal fühlet Hatem Frühlingshauch und Sommerbrand.“ Vor zweihundert Jahren erschien Goethes Gedichtsammlung „West-östlicher Divan.“ In Weimar ist das Ginkgoblatt allgegenwärtig. Die Damen der Goethe-Gesellschaft tragen ihre Ginkgobroschen wie ein Vereinsabzeichen. Ursprung ist das bekannte Dinggedicht Goethes „Ginkgo Biloba“. Ein Dichter spricht seine Geliebte an und deutet das gespaltene Blatt symbolisch: „Ist es ein lebendig Wesen?/ Das sich in sich selbst getrennt,/ Sind es zwei? die sich erlesen,/ Dass man sie als eines kennt.“ Den „geheimen Sinn“ spricht dann die letzte Strophe aus: „Fühlst du nicht an meinen Liedern/ Dass ich Eins und doppelt bin?“ So populär das Gedicht und das Ginkgoblatt als Logo für Goethe und ganz Alt Weimar, so wenig populär war und ist der Gedichtzyklus, in den der Verfasser den Text vor zweihundert Jahren aufgenommen hat.

Goethe efuhr eine unerwartete Verjüngung, die direkt zu einer erstaunlichen lyrischen Produktivität führte.

Bei Cotta in Stuttgart erschien 1819 die Gedichtsammlung „West-östlicher Divan von Goethe“. Darin findet sich dieses Liebesgedicht im Kapitel „Buch Suleika“. Mit „Eins und doppelt“-Sein hat Goethe nicht nur die Wirklichkeit der Liebesbeziehung erfasst, sondern auch sein poetisches Verfahren, den „geheimen Sinn“ des gesamten „Divan“ ausgesprochen: Das Ginkgoblatt wurde dem westlichen Dichter „von Osten“ anvertraut und „gibt geheimen Sinn zu kosten,/ Wie's den Wissenden erbaut.“

In der Begegnung des westlichen Dichters mit der altpersischen Lyrik und der islamischen und vorislamischen Religiosität des Nahen und Mittleren Ostens geschieht Begegnung, Dialog, Verwandlung und Anverwandlung, Durchdringung und Vereinigung, aber auch Unterscheidung. Dieses Wechselspiel bleibt nicht theoretisch, sondern der Sinn ist „zu verkosten“, das heißt sinnlich erfahrbar. „Wie's den Wissenden erbaut“, bedeutet ebenfalls ein Zweifaches: Was den mehr Wissenden mehr erbaut beziehungsweise den (mehr) Wissenden erbaut dieses Verfahren noch mehr. Darum hat Goethe dem poetischen Teil einen Prosateil zu „besserem Verständnis“ angefügt.

Hier wird bereits deutlich, dass der „Divan“ zum komplexesten Teil von Goethes Alterswerk gehört, aber auch mit zum faszinierendsten. Goethe war Mitte sechzig, als er in den Jahren 1814/15 eine unerwartete Verjüngung erfuhr, die direkt zu einer erstaunlichen lyrischen Produktivität führte. Mehrere Faktoren kamen dabei zusammen: Reisen an Rhein, Main und Neckar brachten nach den Verheerungen der napoleonischen Kriege eine Fülle neuer befreiender Begegnungen und Erfahrungen mit sich. Der letztlich entsagten Liebe zu Marianne von Willemer, der Ehefrau eines mit Goethe befreundeten Frankfurter Bankiers, an die das Ginkgo-Gedicht gerichtet ist, verdanken sich zahlreiche Liebesgedichte.

Goethe betrieb intensivste Orientstudien

In der Begegnung mit den Gedichten des persischen Dichters Hafis, eines Korangelehrten und Sufi aus dem vierzehnten Jahrhundert, fand Goethe einen Geistesverwandten und Partner, mit dem er einen intensiven west-östlichen Austausch begann. Auf dieser imaginären Morgenlandfahrt verbanden sich das Liebesmotiv, das Reisemotiv und auch ein Fluchtmotiv im Sinne des Entkommens aus der Bedrängnis, wie es das Eingangsgedicht des „Divan“ mit dem Titel „Hegire“ (nach arab. higra, der Flucht des Propheten Mohammed von Mekka nach Medina, dem Beginn der islamischen Zeitrechnung) formuliert: „Nord und West und Süd zersplittern,/ Throne bersten, Reiche zittern,/ Flüchte du, im reinen Osten/ Patriarchenluft zu kosten,/ Unter Lieben, Trinken, Singen,/ Soll dich Chisers Quell verjüngen.“

Mit „Patriarchenluft“ ist die mit Abraham beginnende Zeit der alttestamentlichen Väter gemeint, deren strikten Monotheismus Mohammed nach eigenem Verständnis in Korrektur der christlichen „Verfälschungen” zu erneuern sich gesandt sah. Goethe betrieb intensivste Orientstudien, traf sich mit Experten, machte Sprach- und Schreibübungen und unter Verwendung von Versen des Koran, persischer Dichtung, Reiseberichten, Legenden, verschiedenster orientalischer Motive wuchs die Anzahl der Gedichte stetig.

Unter dem Titel „Divan“ (arab.-pers. Diwan = Versammlung, hier im Sinne von Gedichtsammlung) hat er sie schließlich in zwölf Bücher zu jeweils vier locker komponierten Dreiergruppen gegliedert. Seine „Absicht“ hat der Dichter in einem Briefentwurf an seinen Verleger (vom 16.5.1815) folgendermaßen zusammengefasst: „Auf heitere Weise den Westen und Osten, das Vergangene und Gegenwärtige, das Persische und Deutsche zu verknüpfen, und beiderseitige Sitten und Denkarten übereinander greifen zu lassen“. Im „Buch des Sängers“ beginnt die imaginäre Morgenlandfahrt. Über den Dichter heißt, „er lehnt den Verdacht nicht ab, dass er selbst ein Muselmann sei“ (Goethe in der Verlagsankündigung für den „Divan“, 24.2.1816).

Goethe: „Im Islam leben und sterben wir alle“

West-östliche Begegnung hat hier drei Meisterstücke der deutschen Dichtung hervorgebracht: Unter Bezug auf ein Hafisgedicht vom Schmetterling, der aus Begierde den „Flammentod“ im Kerzenlicht erleidet, entstand „Selige Sehnsucht“, eines der bedeutendsten und zugleich am schwersten zu deutenden Goethe-Gedichte. Erweiterung eines Koranverses ist das unter die Spruchgedichte „Talismane“ eingereihte Gedicht: „Gottes ist der Orient!/ Gottes ist der Occident!/ Nord- und südliches Gelände/ Ruht im Frieden seiner Hände.“ Von einem persischen Gebet angeregt wurde: „Im Atemholen sind zweierlei Gnaden“. Ganz auf die Begegnung des westlichen Dichters mit seinem östlichen „Zwilling“ ausgerichtet ist das „Buch Hafis“.

Beide verbindet die Trias ihrer Hauptmotive „Lieben, Trinken, Singen“, eine weltfreudige Frömmigkeit, verbunden mit einer unabhängigen Geisteshaltung. Im „Buch der Liebe“ wird auf orientalische Liebespaare Bezug genommen. Suleika wird hier nicht angeredet. Östlicher Weisheitsliteratur entsprechend hat das „Buch der Betrachtungen“ lehrhaften Charakter. Im Prosateil des „Divan“ wird dies kommentiert: „Schon jetzt hätte dies Buch viel stärker und reicher sein sollen; doch haben wir manches, um alle Missstimmung zu verhüten, beiseite gelegt.“ Lakonische Maximen wie „Getretner Quark/ Wird breit, nicht stark“ finden sich im „Buch der Sprüche“.

Nur zwei Gedichte enthält das einem grausamen Mongolenherrscher gewidmete „Buch Timur“, beabsichtigte Vergleiche mit Napoleon hat Goethe nie ausgeführt. In der Ankündigung des „Divan“ (1816) hat Goethe das zentrale Kapitel „Buch Suleika“ umschrieben. Er hebt hervor, dass Suleika „mit einem entschiedenen Charakter erscheint, ja persönlich als Dichterin auftritt und in froher Jugend mit dem Dichter, der sein Alter nicht verleugnet, an glühender Leidenschaft zu wetteifern scheint. Die Gegend, worin dieses Duodrama spielt, ist ganz persisch. Auch hier drängt sich manchmal eine geistige Deutung auf und der Schleier irdischer Liebe scheint höhere Verhältnisse zu verhüllen.“

Orienalischen Fabeln und Gleichnisse im „Buch der Parabeln“

Lange nach Goethes Tod hat Marianne von Willemer dem Germanisten Hermann Grimm auf Nachfrage mitgeteilt, dass die Bezeichnung „Dichterin“ berechtigt war, stammten doch die Gedichte „Was bedeutet die Bewegung“, „Ach! Um deine feuchten Schwingen“, „Hoch beglückt in deiner Liebe“, „Sag, du hast wohl viel gedichtet“ von ihr.

Goethe hat sie nur leicht überarbeitet in den „Divan“ aufgenommen. Als „öffentlich Geheimnis“ hatte Goethe im „Divan“ den biographischen Hintergrund verborgen und enthüllt, wenn auf „Morgenröte“ das Reimwort „Goethe“ ausbleibt: „Du beschämst wie Morgenröte/ Jener Gipfel ernste Wand,/ Und noch einmal fühlet Hatem/ Frühlingshauch und Sommerbrand.“ (Strophe beginnt mit „Locken! Haltet mich gefangen“). Im zweiten Teil des Buches steht der Schmerz der Trennung im Mittelpunkt: „Ach! Was ist die Nacht der Ferne/ Für ein Abgrund, für ein Schmerz“ (aus „Wiederfinden“).

Treffend bringt Goethe im Prosateil die Thematik des „Schenkenbuches“ selbst auf den Punkt: „Weder die unmäßige Neigung zu dem halb verbotenen Weine, noch das Zartgefühl für die Schönheit eines heranwachsenden Knaben durften im Divan vermisst werden“ („Künftiger Divan“). Orientalische Fabeln und Gleichnisse liegen den Gedichten des „Buches der Parabeln“ zugrunde. Im „Buch der Parsen“ wird der Sonnen- und Feuerverehrung der vorislamischen Religion der Parsen gedacht.

Hier legt der Dichter ein deutliches Bekenntnis zur Naturreligion ab: „Schwerer Dienste tägliche Bewahrung,/ Sonst bedarf es keiner Offenbarung.” Im abschließenden „Buch des Paradieses“ – Gericht- und Höllentexte des Koran werden von Goethe ausgeblendet – wird der Faustschluss im Sinne der Allerlösung vorweggenommen: „Ungehemmt mit heißem Triebe/ Lässt sich da kein Ende finden/ Bis im Anschaun ewiger Liebe/ Wir verschweben, wir verschwinden“ („Höheres und Höchstes“). Auf den Gedichtzyklus folgten als dreizehntes Kapitel „Noten und Abhandlungen zum besseren Verständnis des west-östlichen Divan“.

Goethes Islambezug ist viel mehr als nur orientalische Verkleidung

Im Abschnitt „Künftiger Divan“ werden alle poetischen Bücher knapp erläutert. Deutlich widerspricht Goethe Mohammed, der für den Koran als göttliche Offenbarung Gesetzescharakter beansprucht. Unter Hinweis auf die märchenhaften und damit unglaubwürdigen Züge des Koran, betont Goethe gerade den poetischen (und damit menschlichen) Charakter des Buches. Eine Wiederaufnahme älterer Vorarbeiten von 1797 ist die exemplarisch historisch-kritische Exegese im Abschnitt „Israel in der Wüste“. Darin führt Goethe den Nachweis, dass die Wüstenwanderung höchstens zwei statt vierzig Jahre gedauert haben kann. Seiner hermeneutischen Argumentation, dass eine wissenschaftliche Analyse der Schrift keinen Schaden zufüge, würden heutige Bibelwissenschaftler zustimmen.

Einer Übertragung auf den Islam steht die dort im Gegensatz zum Christentum gelehrte strikte Verbalinspiration des Koran entgegen. Goethes Islambezug ist insgesamt viel mehr als nur orientalische Verkleidung. Im Prosateil fasst er zusammen, was ihn mit dem Islam verbindet: „Die Einheit Gottes, Ergebung in seinen Willen, Vermittlung durch einen Propheten, alles stimmt mit unserem Glauben … überein.“ In diesem Sinne ist auch die Aussage „Im Islam leben und sterben wir alle“ („Buch der Sprüche“) zu verstehen. Nach dem Erstdruck von 1819 mit 196 Gedichten hat Goethe den „Divan“ für die „Ausgabe letzte Hand“ (Bde.5/6) auf 239 Gedichte erweitert. Vier Jahre nach Goethes Tod wurde aus dem Nachlass das 1815 entstandene Divan-Gedicht „Süßes Kind, die Perlenreihen“ bekannt.

Darin macht der (muslimische) Dichter ein Kruzifix am Hals der Geliebten als „Narrheit“, „leidiges Ding“, „Jammerbild am Holze“ verächtlich. Im Gekreuzigten begegnet der christliche Glaube an die Gottessohnschaft Jesu, die mit der Trinitätslehre vom Islam als Vielgötterei abgelehnt wird. Entsprechend der Aufklärungstheologie seiner Zeit, die die Religion Jesu von der christlichen Religion unterschied, lässt Goethe den Moslem sagen: „Jesus fühlte rein und dachte/ Nur den Einen Gott im Stillen;/ Wer ihn selbst zum Gotte machte/ Kränkte seinen heil'gen Willen.“

Goethe selbst lehnte ausdrücklich die Gottessohnschaft Jesu und die Trinitätslehre ab. Auf Bitten seines katholischen Freundes Sulpiz Boisserée hat Goethe das Gedicht aber nicht in den „Divan“ aufgenommen. Goethes Verdienst bleibt die Öffnung zur orientalischen Dichtung im Sinne des von ihm begründeten Verständnisses von Weltliteratur und der poetische interreligiöse Dialog mit dem Islam. Da die Liebeslyrik des „Divan“ die personale Beziehung betont, könnte von hier aus auch ein west-östlicher Dialog über die Sinnhaftigkeit des Trinitätsgeheimnisses entstehen. Hatem sagt: „Und wahrhaft liebende Gemüter/ Eins nur im andern fühlt sein Glück“ (Aus: „Nur wenig ist's was ich verlange“).

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