Würzburg

Neo Rauch: Als es nichts Hässliches gab

Der Maler Neo Rauch zeigt in Traumszenen eine verunsicherte Gesellschaft. Zu seinem 60. Geburtstag.

Maler Neo Rauch in neuer Ausstellung
Im Werk Neo Rauchs – hier vor seinem Gemälde „Vorführung“ (2006) – begegnen die gesellschaftlichen Stimmungen des Machbaren einer tiefen Verunsicherung in globalen Problemen. Foto: dpa

Neo Rauch ist in seiner Heimat im Gebiet um Leipzig fest verwurzelt. Ja die Landschaft prägt geradezu sein Werk. So spiegelt sein Gemälde „Schilfland“ (2009) die Atmosphäre der Moorlandschaft bei Leipzig wider, aber auch die Düsterkeit des Personals im fulminanten Roman „Schwarze Weide“ (1937) von Horst Lange, auf den Rauch in diesem Zusammenhang einmal hingewiesen hat und dessen Buch in der niederschlesischen Bruchlandschaft spielt. „Schilfland“ erinnert an die Geschichte von Susanna im Bade, ist wie eine Traumszene vor einem herannahenden Orkan. Auch das Personal bei Rauch scheint der Landschaft entnommen – die Kleidung aus der Zeit um 1800 deutet auf die klassische Zeit in Leipzig, Jena oder Weimar. Selbst die Architektur ist auf den Bildern Rauchs teils an diese Zeit angelehnt. Diese Verwurzelung in Geist und Landschaft ostdeutscher Künstler ist äußerst begrüßenswert, kommt sie doch auch in Romanen etwa von Uwe Tellkamp oder jetzt bei Ingo Schulze zum Ausdruck.

Verwurzelt in Landschaft und Geist der Heimat

Der international viel beachtete Neo Rauch – in Amerika wird er als Superstar gefeiert –, der am 18. April einen 60. Geburtstag begeht, wurde 1960 in Leipzig geboren. Heute gehört er zu den international bedeutendsten Malern und wird der Leipziger Schule zugerechnet in der Nachfolge von Bernhard Heisig und Arno Rink. Seine Bilder werden mit einem Welttheater verglichen, in dem er teils politischen und persönlichen Szenerien ein surreales Gepräge gibt. Dabei sind die Handlungsziele des Bildpersonals nicht immer klar ausgesprochen, die manchmal puppenhaft wirken. Der unverwechselbare Malstil Rauchs wird kunsthistorisch in der Tradition von El Greco, Tizian und Tintoretto eingeordnet, bei den modernen Malern sind es Beckmann, Beuys, Baselitz oder Bacon. Oder wie es im Katalog zur Ausstellung in der Pinakothek der Moderne 2010 heißt: „Das Werk von Neo Rauch spiegelt die komplexen Gestimmtheiten unserer Gegenwart wider, in der sich ein hohes Selbstbewusstsein gegenüber dem Machbaren und eine tiefe Verunsicherung in globalen Schieflagen begegnen, Medieneuphorie und Medienverdruss das Bild einer Schizophrenie beschreiben und die Furcht vor Terror und Katastrophe das Bedürfnis nach Sicherheit und Kontemplation nährt.“

„Das Werk von Neo Rauch spiegelt die komplexen Gestimmtheiten
unserer Gegenwart wider, in der sich ein hohes Selbstbewusstsein
gegenüber dem Machbaren und eine tiefe Verunsicherung
in globalen Schieflagen begegnen,
Medieneuphorie und Medienverdruss das Bild einer Schizophrenie beschreiben
und die Furcht vor Terror und Katastrophe das Bedürfnis
nach Sicherheit und Kontemplation nährt.“

Seine erste große Ausstellung hatte Rauch 1997 in Leipzig, an der Hochschule der Stadt für Grafik und Buchkunst war er Student, Assistent und Professor. Sein Atelier ist in der alten Baumwollspinnerei in Leipzig. Neo Rauch lebt in der klassischen Ästhetik. Deutlich machte er dies auch in einem Gespräch mit Ralph Keuning, das im Band „Dromos“ (Hatje Cantz) abgedruckt ist. Rauch spricht von einer Sehnsucht, die bis zur Kunstauffassung im frühen 19. Jahrhundert zurückreicht. Architektonisch sei in dieser Zeit nichts falsch gemacht worden, in dieser Hinsicht sei alles bestens gewesen. „Das Vorkriegsdeutschland zum Beispiel war ein architektonisches Paradies, nicht wahr? Es gab nichts Hässliches. Es gab keine Zumutungen, keine Überspanntheiten, es war alles ganz bei sich und auf sich bezogen, aber gründend natürlich in den Übereinkünften, die im Bereich des Architektonischen seit Jahrhunderten Gültigkeit hatten, wenn nicht gar seit Jahrtausenden. Erst die Moderne hat den Exzess des Zur-Geltung-Bringens idiosynkratischer Zustände zur Norm erhoben.“ Das sei ein Streben nach „Umsturz, nach permanentem Umsturz, nach permanenter Revolte“.

Vor der Jahrtausendwende ein Wechsel zu Mythen

Das Eigene in Kunst und Denken scheint linke Kritik magisch anzuziehen. So auch gegen Neo Rauch. Beispielhaft dafür die absurde Kritik des Leipziger Bloggers und Kunsthistorikers Wolfgang Ulrich, der in der „Zeit“ am 16.5.2019 den Beitrag „Auf dunkler Scholle“ veröffentlicht hat. (DT vom 28.5.2019) „War da nicht immer schon eine männliche, sehr weiße Idee?“, fragt Ulrich und meint, damit „rechtsautonome Strömungen“ treffen zu können. Warum schreibt Ulrich nicht gegen alte weiße Linke? Er warf Rauch „einige Motive rechten Denkens“ vor und meinte damit Identitätssuche. Aber Identitäten des Lebensgefühls gab es auch schon bei Caspar David Friedrichs Meer, Gebirgen, Kirchenruinen, bei Böcklin wurde die Zivilisation von der Wildnis überwuchert und David Hockney mag eben swimming pools. Lächerlich, hier rechte Gesinnung unterstellen zu wollen. Bei Ulrich wird der Liberalismus zum Feind der Kunst und will Zensur üben. Rauch hat sich revanchiert mit dem Bild „Der Anbräuner“ – ein Ausdruck von Ernst Jünger –, wobei eine männliche Figur ihre Exkremente in einen Nachttopf ablässt; ein Bild, mit dem Rauch wohl zeigen wollte, dass er, wie der Kritiker sagt, ein schlechter Maler ist, wenn er will und das der Immobilienunternehmer Christoph Görner dann bei einer Wohltätigkeitsaktion für 750 000 Euro ersteigert hat.

Als Neo Rauch und seine Frau Rosa Loy das Lohengrin-Bühnenbild für Bayreuth 2018 im Delfter Blau errichteten, entschied er sich für Zweidimensionalität; es hatte für ihn einen „enormen Charme“, hierbei nicht unmalerisch vorzugehen. Auch hier vermeidet Rauch modernistische Eskapaden. „Wir tun das, was hier war“, sagte damals Rauch im Interview und nannte es eine Art Exorzismus in Bayreuth. Regisseur war zum ersten Mal ein Amerikaner, Yuval Sharon mit jüdischen Wurzeln.

"Wir tun das, was hier war"

Bis 1998 war das Werk von Rauch eher ein Rückblick auf Erfahrungen in der DDR. In dem in Rot gehaltenen „Geschäft“ von 1998 steht eine Schlange Menschen vor einer Ladentheke, um gerahmte Bilder von Gesichtern zu erwerben. Wozu man die braucht, ist unersichtlich. „Das Gefecht“ (1997) zeigt Autos, die durch Plattenbauten fahren. Nach diesen Jahren wandelt sich die Motivlage – Geschichten und Mythen aus Deutschland nehmen nun den Platz ein, die bis ins 19. Jahrhundert zurückreichen. Ja in „Tal“ kämpfen zwei Boxer-ähnliche Typen mit Stangen, das Bild erinnert gar an die Zeit der Renaissance mit Mühle, Baum und Ästen in Sturm. Und „Leider“ (1999) scheint eine Reminiszenz an die DDR zu sein in plakativer Malweise, wobei eine Frau und ein Mann miteinander sprechen, aber sie schauen sich nicht an und scheinen sogar blind (füreinander) zu sein. Die Erzählmotive des aus Sachsen stammenden Novalis sind ebenfalls bei Rauch wiederzufinden, wie in „Feldwaage“ (2011), „Das Horn“ (2014) oder bei „Der Former“ (2016). Denn bei Novalis spielte der Bergbau eine Rolle, aber auch alchemistische Symbole wie in seiner „Geschichte von Hyazinth und Rosenblütchen“. Auch Rauchs Vater und sein Verhältnis zu ihm ist immer wieder Thema – die Eltern sind bei einem Zugunglück verstorben, als Rauch erst fünf Wochen alt war. Ein Junge trägt auf manchen Bildern zuweilen den Vater auf dem Arm, nach dem Spruch, „Des Mannes Vater ist das Kind“. Auch religiöse Symbole sind den Rauchs nicht fremd. Rosa Loy malte etwa die Schutzmantelmadonna und sagte zum religiösen Hintergrund: „In unserer deutschen Kultur sind wir mit dem Religiösen aufgewachsen, sodass wir es schon in unserem alltäglichen Erleben mit aufgenommen haben.“

Nun ist das Künstlerpaar auch zum literarischen Sujet geworden. In der Erzählung „Das Atelier“ (Edition Buchhaus Loschwitz, 2020) von Uwe Tellkamp kommen beide ausführlich vor, in Gesprächen, im Alltag und in Beobachtungen der Malweise. Neo Rauch, der in der Erzählung Rahe heißt, wird mit den Worten beschrieben: „Rahe ist leger gekleidet, Jeans, schwarzes Hemd, Turnschuhe. Seine zersplittert wirkenden, wie aus grau-grünen Eisstückchenbestehenden, tieftraurig umflorten Augen.“

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