Salzburg

Musik, die Tränen wegwischt

Seit 2012 werden die Salzburger Festspiele mit der "Ouverture spirituelle" eröffnet, einer Woche mit ausschließlich geistlicher Musik .In diesem Jahr ging es um Trauer, Trost, Glück und Tränen.

Lautenisten Rolf Lislevand und dem Gambenconsort Hesperion XXI unter Führung von Jordi Savall.
"Lachrimae, or Seaven Teares" vergoss auch der englische Komponist John Dowland, in der Salzburger Kollegienkirche musiziert vom Lautenisten Rolf Lislevand und dem Gambenconsort Hesperion XXI unter Führung von Jordi Savall. Foto: Salzburger Festspiele

Unter einem Gesicht mit zwei großen Augen stürzen Menschen in einem wilden Knäuel übereinander, Verdammte, wie in einer Darstellung des Jüngsten Gerichts. Doch aus den Augen fließen Tränen, Gott trauert mit und über die Menschen. Der italienisch-französische Künstler Michel Pochet hat dieses Bild gemalt, das neben vielen anderer seiner Werke derzeit im Erzbischöflichen Palais in Salzburg zu sehen ist. Es ist der Beitrag des Erzbistums zur diesjährigen „Ouverture spirituelle“ bei den Salzburger Festspielen, die unter dem Motto „Lacrimae“ (Tränen) steht.

Die Reihe hat den Salzburger Festspielen ein neues Gesicht gegeben, seit der ehemalige Intendant Alexander Pereira sie 2012 eingeführt hat. Vor dem Glamour der großen Opernpremieren steht seitdem ein Innehalten in Gestalt einer Woche mit ausschließlich geistlicher Musik. Das passt nicht nur ins bis heute von den Bauten der Fürsterzbischöfe und der Orden geprägte barocke Bild der Stadt Salzburg, sondern auch zur Idee des Festspielgründers Hugo von Hofmannsthal.

„Was Gott tut, das ist wohlgetan“

Das damals noch eher abgeschiedene und ein wenig heruntergekommene Salzburg repräsentierte für den Dichter das alte katholische und damit übernationale Europa, dem er nach den realen und geistigen Verwüstungen des Ersten Weltkriegs hier im Jahr 1920 ein neues kulturelles Fundament verleihen wollte – nicht zuletzt mit seinem „Jedermann“, der bis heute in jedem Jahr auf den Stufen des Salzburger Doms gespielt wird. Die „Ouverture spirituelle“ hatte Pereira anfänglich in jedem Jahr einer anderen Weltreligion gewidmet, worüber sie inhaltlich noch etwas ausfranste.

Markus Hinterhäuser, seit 2017 sein Nachfolger als Intendant, hat sie beibehalten, aber inhaltlich und konzeptionell verdichtet. Wie in einer großen Vogelschau sind hier nun jedes Jahr, abhängig vom jeweiligen Motto, die bedeutendsten musikalischen Werke vor allem der christlichen Tradition aus sämtlichen Jahrhunderten von der Renaissance bis in die jüngste Gegenwart zu hören – womit das wichtigste europäische Klassikfestival quasi nebenher auch noch die wahrscheinlich weltweit hochkarätigste Reihe für die Musica sacra veranstaltet.

Während es früher bei der Festspieleröffnung häufig nur darum gegangen sei, ob „der Graf Bumsti und die Gräfin Puzzi“ schon eingetroffen seien, werde seit der Einführung der „Ouverture spirituelle“ „darüber diskutiert, was uns welche Werke bedeuten“, sagt Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler bei der Eröffnung der diesjährigen „Disputationes“, die als wissenschaftliches Kolloquium die Ouverture von Beginn an begleiten. Veranstaltet wurden sie anfangs vom Herbert-Batliner-Europainstitut des vor wenigen Wochen verstorbenen Liechtensteiner Finanzmoguls und Kunstsammlers Herbert Batliner, inzwischen hat ein eigener Verein die Trägerschaft übernommen.

Die Suche nach Glück verdrängt das Unglück aus dem Leben

Theologen, Philosophen und Mediziner widmeten sich hier in diesem Jahr ebenfalls den Tränen, die nach Meinung vieler Podiumsteilnehmer heute zu oft zurückgehalten werden. Glück gelte als derart umfassendes Lebensziel, sagt zum Beispiel Melanie Wolfers, Salvatorianerin und erfolgreiche Bestsellerautorin, dass Unglück kaum noch als normaler Bestandteil der menschlichen Existenz akzeptiert werde. Oft werde sie nach Tipps gefragt, wie man glücklich werde. Ihre Antwort: „Viele wären glücklich, wenn sie das Recht hätten, auch einmal unglücklich zu sein.“ Auch das Gebet sei kein Sprungbrett ins Glück, sondern beinhalte vor allem das Vertrauen, dass Schmerz sich mit menschlichen Mitteln allein nicht vollständig bewältigen lassen müsse.

Damit beschreibt Wolfers einen Trost, den häufig auch die Musik bietet. Zu deren schon oft beobachteten Wirkungen gehört es schließlich, dass sie Trauer gerade auch dann erleichtert, wenn sie traurig klingt. Musik kann Tränen im doppelten Sinne aufheben, wovon im Rahmen der diesjährigen „Ouverture spirituelle“ einige herausragende Beispiele zu erleben sind. Etwa wenn der Pianist Igor Levit im großen Saal des Mozarteums die Variationen spielt, die Franz Liszt nach dem frühen Tod seiner Tochter Blandine über ein Motiv aus Johann Sebastian Bachs Kantate „Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen“ schrieb.

Ein wahrer Sturm der Gefühle braut sich da über dem durchlaufenden absteigenden Bassmotiv zusammen, das Bach entsprechend der barocken Rhetorik zur Darstellung der Klage genutzt hatte, wilder Schmerz, auch Zorn über die Unerbittlichkeit des Todes. Bis sich am Schluss der Choral durchsetzt, den schon Bach ans Ende seiner Kantate gestellt hat: „Was Gott tut, das ist wohlgetan“. Igor Levit spielt ihn zunächst tastend, wie sich selbst überredend sodann, schließlich voller Überzeugung.

Das Leben und Sterben dem Glauben anvertraut

Fast dreihundert Jahre früher hatte der Komponist Orlando di Lasso die von ihm scharf empfundene Altersmelancholie einem Zyklus von 21 geistlichen Madrigalen eingeschrieben, die eigentlich den „Lagrime di San Pietro“ gelten, den Tränen, die auch der gealterte Petrus noch jede Nacht über seinen Verrat an Christus unter dem Kreuz vergießt. Die 21 Männer und Frauen des Los Angeles Master Chorale singen den Zyklus nicht nur im ersten Konzert der Ouverture in der Salzburger Kollegienkirche, sie recken dazu die Arme zum Himmel, schlagen sich an die Brust, sinken auf die Knie, umarmen und küssen einander – eine auf Dauer denn doch ziemlich betroffenheitskitschige Inszenierung des amerikanischen Regisseurs Peter Sellars, der am kommenden Samstag auch die Rede zum offiziellen Beginn der Festspiele halten und mit seiner Inszenierung von Mozarts „Idomeneo“ den Reigen der Opernpremieren eröffnen wird.

Neben Kompositionen für die Karwoche, in denen Tränen innerhalb der Liturgie ihren exemplarischen Ort haben, finden sich in der diesjährigen Ouverture auffällig viele Schwanengesänge von Komponisten, die ihr eigenes Leben und Sterben der Musik und oft auch dem Glauben anvertrauten und damit in einen überpersönlichen Rahmen stellten. Wie die Missa Omnium Sanctorum, die einstündige letzte Messkomposition des tschechischen Komponisten Jan Dismas Zelenka, die das Collegium und Collegium Vocale 1704 mit der ganzen Energie der historischen Aufführungspraxis entfachen. Der tschechische Komponist arbeitete in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts am Dresdner Hof, in dessen glanzvoller, aber auch oberflächlicher Welt er nicht zuletzt aufgrund seines glühenden Glaubens ein Außenseiter war.

Ähnliches und Unterschiede zwischen den Jahrhunderten

Musikalisch hat er daraus einen ganz eigenen Stil gewonnen, der in oft ungewöhnlichen Formen zwischen der Anpassung an den galanten Stil der Zeit und dem Beharren auf den alten kontrapunktischen Techniken steht. Das ist auch in seinem „Miserere“ in c-Moll zu hören, einer Vertonung des Bußpsalms, die in der „Ouverture spirituelle“ neben zwei weiteren des gleichen Textes durch den spanischen Renaissancekomponisten Tomás Luis de Victoria einerseits und den zeitgenössischen Komponisten Arvo Pärt andererseits zu stehen kommt.

Über die Jahrhunderte werden hier Ähnlichkeiten und Unterschiede deutlich. Wo Zelenka in seiner Vertonung die Klage des reuigen Sünders mit einem chorischen Aufschrei und zitternden Orchesterflächen voller schärfster Dissonanzen beginnt, vertraut der in Salzburg auch persönlich anwesende Pärt den Text zunächst in einzelnen Silben und Pausen den Solisten an. Es klingt wie ein Stammeln angesichts des Abgrunds, in den der Chor des Bayerischen Rundfunks das „Dies irae“ aus der Totenmesse fahren lässt – einem weiteren exemplarischen Ort der Tränen innerhalb der Liturgie.

Solches Stammeln wird die Salzburger Festspiele in diesem Jahr wohl auch noch begleiten, wenn am Wochenende die Opern- und Schauspielpremieren unter dem Spielzeitmotto „Mythen“ beginnen. Vor allem die großen Gestalten der Antike werden in diesem Jahr im Fokus stehen, der Kreterkönig Idomeneus bei Mozart, Medea, die auch in der Opernversion von Luigi Cherubini ihre eigenen Kinder tötet, und der Vatermörder Ödipus in der selten zu hörenden Version des rumänischen Komponisten George Enescu. Dass ihre Tränen endlos bleiben, weil sie in vorchristlicher Zeit noch von keinem Gott getröstet werden, macht die Faszination wie die Schwere dieser Figuren aus.