Würzburg

"Musik bist Du"

Die koreanische Pianistin SoRyang über die Liebe zur Musik und Unterschiede zwischen Europa und Asien.

SoRyang möchte mit ihrer Musik menschliche Wärme vermitteln
SoRyang möchte mit ihrer Musik menschliche Wärme vermitteln. Das ist für sie typisch europäisch. Foto: soryang.at

SoRyang, Sie haben schon sehr jung, mit nur fünf Jahren, angefangen Klavier zu spielen. Kam damit nicht schon sehr früh der Leistungsdruck, der oft von Korea berichtet wird?

Nein, eigentlich habe ich das Klavierspielen mit Liebe begonnen. Meine Eltern haben schon früh Schallplatten gehört. Als mein Vater in Amerika studiert hat und sich einsam fühlte, begann er, klassische Musik zu lieben und so bin ich eigentlich mit der klassischen Musik aufgewachsen. Darum wollte ich auch Klavier spielen und das war sehr schön. Nur mit der Zeit musste ich dann sehr viel üben. Mein Vater hat mich um halb sechs geweckt, damit ich vor der Schule schon übe. Aber das war alles überhaupt kein Problem, weil ich die Musik schon als Kind geliebt habe.

Aber ist es Ihnen nicht trotzdem auch manchmal schwer gefallen?

Meine Eltern haben keinen Druck gemacht, dass ich weltberühmt werden soll, sondern mir die Liebe zur Musik beigebracht. Jetzt in Asien, besonders in China, werden die Kinder gedrillt, damit sie Ruhm und Berühmtheit erlangen. Ich finde es sehr traurig, dass den Kindern so ein großes Stück ihrer Kindheit genommen wird. Aber ich habe voller Vorfreude angefangen. Es ist sehr wichtig, wie man dem Kind die Musik beibringt. Bei mir hat die Liebe zur Musik damit begonnen, dass ich viele Schallplatten und CDs gehört habe. Ich dachte, Musiker sind die glücklichsten Menschen. Da wollte ich auch hin.

Wie sehr hat die Musik dann Ihre Kindheit konkret geprägt?

Ich denke, es ist sehr wichtig, dass die Eltern das Kind immer in einem guten Sinne unterstützen. Ich sehe hier viele, die völlig allein gelassen werden, auch wenn sie ein Instrument nur privat als Hobby lernen. Die Eltern müssen mitarbeiten und immer wieder das Schöne zeigen und den Kindern ein positives Gefühl mitgeben. Das ist meinen Eltern gelungen. Zu zeigen, dass Musik wirklich etwas Schönes ist. Ich habe mit meinem Vater oft Musik gehört, wir sind in Konzerte gegangen und ich wollte unbedingt zu dieser Welt dazugehören. Ohne Druck, das war sehr wichtig.

Wann haben Sie sich entschieden, die Musik zum Beruf zu machen?

Am Anfang war das Ziel, dass ich nach dem Studium nach Korea zurückkehre. Wenn im Lebenslauf steht, dass man in Deutschland oder Österreich studiert hat, hat man bessere Chancen, eine gute Professorenstelle zu bekommen. Das Ziel war nie, aus meinem Studium als Konzertpianistin hervorzugehen. Aber meine Professoren haben mich sehr motiviert. Meine Eltern wollten eigentlich, dass ich zurückkomme, ein sicheres Leben habe, einen reichen Mann heirate. Aber ich wollte nicht zurückgehen, sondern frei sein, um als Pianistin zu leben.

Darum habe ich auch mit der Darbietung von Straßenkonzerten angefangen: damit ich auffalle. Viele haben dann gesagt: „Das ist eine verrückte Sache. Klassische Musik darf man nicht einfach so auf der Straße kostenlos hergeben.“ Ich tat es trotzdem und bin sehr froh darüber. Daraus habe ich sehr viel gelernt und das ist es mir auch wert.

"Ich kämpfe dagegen,
dass die klassische Welt nicht nur immer schneller wird
und perfekter wird,
sondern eine Aussage hat,
eine menschliche Wärme."
Soryang

Sie haben jetzt schon sehr lange in Europa gelebt. Wie sehen Sie das koreanische Bildungssystem mit Ihrer Europa-Erfahrung?

In Korea ist die Gesellschaft sehr hart und grausam. Es gibt zu viele Menschen, zu viele Angebote, zu viel Konkurrenz, da ist man sich nie sicher, da muss man sich anpassen, immer besser sein, immer schneller sein. Da gibt es keinen Platz für Fehler. Man muss gegenüber den anderen immer gewinnen. Das ist das Ziel der Gesellschaft. Besser sein als die Nachbarn, besser als die anderen. Und in Europa hat mein erster Professor immer wieder gesagt: „Übt nicht so viel. Geht spazieren!“ Wenn man nicht übt, dann wächst die Musik. Auch daran muss man arbeiten. Viele Asiaten, die den großen Sprung geschafft haben, haben nicht nur in Asien, sondern auch im Ausland studiert. Man braucht wirklich einen freien Geist, nicht nur das asiatische Konkurrenzgefühl, das ist sehr wichtig. Ich kämpfe dagegen, dass die klassische Welt nicht nur immer schneller wird und perfekter wird, sondern eine Aussage hat, eine menschliche Wärme. Das sehe ich bei vielen Pianisten leider sehr selten. Ich möchte menschliche Wärme geben. Das ist Europa.

Man hört auch immer wieder, dass Asiaten im musikalischen Bereich eher technisch brilliant sind, aber die Emotion fehlt...

Technik kann man messen. Bei Konkurrenz, im Wettbewerb, da kann man sagen: Der ist besser, die ist besser. Aber in Asien sind die Leute sehr unglücklich, das höre ich immer wieder. Darum werden auch immer mehr gläubig. In Korea selbst gibt es viele Gläubige, vergleichsweise mehr als in Europa. Und ich frage mich und meine koreanischen Freundinnen, warum das so ist. Weil die Gesellschaft so herzlos geworden ist, sie brauchen Gott unbedingt, um sich festzuhalten. Um zu wissen, ich werde geliebt und ich bin in Ordnung.

Das heißt, Sie selbst sind auch gläubig?

Ich gehe nicht in die Kirche und bete auch nicht: „Gott hilf mir“, sondern danke Gott, wenn es mir gut geht. Ich hatte einmal die Gelegenheit, mit einem Priester zu sprechen. Ich habe ihm gesagt: „Ich gehe nicht in die Kirche, aber ich denke immer an Gott und ich bin Gott sehr dankbar.“ Da hat der Priester mir geantwortet: „Sprechen Sie mit Gott. Fragen Sie und sagen Sie: ,Ich höre‘.“ Ich bin daraufhin sofort spazieren gegangen und habe mit Gott gesprochen und gesagt: „Ich höre.“ Und da hat Gott zu mir gesprochen: „Hab Vertrauen.“ Das war ein sehr schönes Gefühl.

"Ich hoffe, dass man den richtigen
europäischen Weg nicht verliert.
Dass Europa nicht auch asiatisch wird."
Soryang

Glauben Sie, dass Europa bei der musikalischen Ausbildung von den asiatischen Ländern, auch von Korea, lernen könnte?

Fleißig zu sein, ja. Aber was Musik anbelangt, gibt es Nichts zu lernen, denke ich. Asien ist total kapitalistisch und ich genieße die Möglichkeit in Europa, dass man sich mit Freunden zusammensetzt und philosophiert. Da kommt man zu sich. In Asien muss man sich verstecken. Hier in Europa legt man schon Wert auf Individualismus und Authentizität. Das ist für Musik sehr wichtig.

Für Europa wünsche ich mir, dass das Publikum mehr auf die Tradition achten würde. Je schneller man spielt, desto begeisterter sind die Leute. Aber die alten Meister, wirkliche Musiker, Edwin Fischer oder Wilhelm Kempff beispielsweise, die haben mehr die Seele in die Musik gelegt. Ich habe die Befürchtung, dass das verloren geht. Ich hoffe, dass man den richtigen europäischen Weg nicht verliert. Dass Europa nicht auch asiatisch wird.

Sie haben geschrieben: „If I were to be born again, I would play the piano again.“ Würden Sie sich Ihre musikalische Erziehung im Rückblick anders wünschen oder sagen Sie: Genau so wieder?

Es ist sehr schwierig, Technik und Musikalität zu kombinieren. Um perfekt spielen zu können, muss man wahnsinnig viel wiederholen und das gleiche Stück sehr lange üben. Und dann stirbt irgendwann die Freude und die Musikalität stumpft ab. Ich wünschte mir bessere Lehrer. Meine Professoren haben mir sehr viel Musik beigebracht, aber technisch hatte ich von ihnen eher gelernt, wenig zu üben und mehr spazieren zu gehen (lacht). Wenig zu üben, aber trotzdem perfekt spielen zu können, das hätte ich mir gewünscht. Aber das kann man nicht kombinieren. Also finde ich es so, wie es ist, gut.

Was ist Ihrer Meinung nach das Wichtigste, wenn man lernen möchte, ein Instrument wirklich gut zu beherrschen. Welchen Rat würden Sie Eltern, Musiklehrern oder auch den Kindern und Jugendlichen selbst geben?

Zuerst einen guten Lehrer finden, der dem Kind wirklich die Freude der Musik beibringt, nicht nur trockene Fingerübungen, sodass das Kind sofort die Freude verliert. Dem Kind beibringen, „Musik bist Du“, das wäre schön. Und auch immer motivieren, loben. Das ist unbedingt notwendig. Ich habe das bei meinen Eltern erlebt. Mein Vater hat, auch wenn ich irgendwie schlampig gespielt habe, „Bravo, Bravo“ gerufen; dann kam meine Mutter und schimpfte: „Da waren so viele Fehler.“ Beides war gut.