Würzburg

Menschlichkeit in extremen Zeiten

Romane können im Umgang mit Katastrophen Lehrmeister des Lebens sein .

Probe zu "Die Pest"
Für Albert Camus war die Pest kein zeitlich begrenztes Phänomen, sondern sie fungierte metaphorisch als essenzielle Bedingung menschlicher Existenz. Szene aus seinem Drama „Die Pest“ in einer Aufführung in Oberammergau. Foto: dpa

Dichtung fungiert in jeder Epoche als Seelentröster. Dies mag umso mehr in Perioden des Ausnahmezustands gelten, in der viele auf andere Tätigkeiten als die üblichen ausweichen müssen. Freiere Zeitdispositionen eröffnen mitunter Möglichkeiten für mehr Mußestunden. Werke von hohem Rang behandeln Katastrophen und empfehlen, wie mit ihnen umzugehen sei. „Corona“ kann ein Anlass sein, diese Literatur zu konsultieren und auf etwaige Lösungsrezepte hin zu befragen.

Die Seuche in Wuhan war schon ein Romanthema

Der 1945 geborene Dean R. Koontz gilt als einer der erfolgreichsten Verfasser von fantastischer Literatur weltweit. Ein Titel ist derzeit besonders im Gespräch. Im 39. Kapitel des Science-Fiction-Thrillers „Die Augen der Dunkelheit“, 1988 erstmals in deutscher Übersetzung erschienen, finden sich spektakuläre Übereinstimmungen mit der derzeitigen Pandemie. Der chinesische Wissenschaftler Li Chen ist in die Vereinigten Staaten übergelaufen und bringt Daten zu Chinas wichtigster und gefährlichster neuer biologischer Waffe auf einer Diskette mit. Koontz schreibt: „Sie nennen das Zeug ,Wuhan-400‘ … Es handelt sich dabei um den vierhundertsten lebensfähigen Stamm künstlich geschaffener Mikroorganismen, entwickelt in diesem Forschungszentrum. ,Wuhan-400‘ ist eine perfekte Waffe. Es befällt nur Menschen. Kein anderes Lebewesen kann es in sich tragen.“

Die Krankheit wird als tödlich beschrieben. Gegen sie seien bekannte Medikamente und Antibiotika wirkungslos. Dem amerikanischen Militär gelingt es schließlich, einen Impfstoff gegen „Wuhan-400“ zu entwickeln, den die Chinesen nicht herstellen konnten.

Es ist unklar, wie der Autor zu seinen Informationen kommt. Ein Überschuss an Phantasie ist nicht zu verkennen, aber er trifft doch einiges, was sich derzeit in der Wirklichkeit abspielt. Das dürften aber noch bis vor Kurzem nur die wenigsten ernst genommen haben.

Seit dem "Dekamaron" Thema der Literatur

Die literarische Darstellung von Epidemien beginnt schon weit früher. Giovanni Boccaccio gilt als einer der Großen der Weltliteratur. Das braucht kaum belegt zu werden, haben doch die Bedeutendsten der Künstlerzunft, von Shakespeare über Rabelais bis Visconti, Anleihen am „Dekameron“ genommen.

Natürlich kann man das Pestszenario, das Boccaccio Mitte des 14. Jahrhunderts in Mittelitalien beschreibt, schwerlich mit heutigen Einschnitten vergleichen, die freilich von verwöhnten Zeitgenossen öfters als untragbare Erschwernisse empfunden werden.

Eindrucksvoll sind die Beschreibungen der Anzeichen der Suche, die bald Ängste der Zeitgenossen im großen Stil hervorrufen: Geschwulste in der Leistengegend und unter den Achseln, die groß werden wie Äpfel und Eier. Später zeigen sich bei den Infizierten braune und schwarze Flecken. Die Ärzte können nicht helfen. Misstrauen breitet sich aus.

Nicht für Ideale sterben, sondern für das, was wir lieben

Boccaccio sieht aber nicht nur Schrecken, sondern auch die Chancen der Gesellschaft, die eine komplett neue werden kann. Überall bemerkt er den Kollaps der alten Ordnung: Die Leichen werden in Gruben geworfen, die Wirtschaft bricht zusammen. Viehbestände treiben herrenlos umher. Die Schamlosigkeit kennt kein Halten mehr, alle moralischen Dämme brechen. Täglich vermeldet die Mundpropaganda neue Fälle von Erkrankungen. Abstand zu halten ist das Gebot der Stunde.

Sieben junge Frauen und drei Männer ziehen sich aus Florenz zurück und leben eine Zeitlang außerhalb. Sie erzählen sich an zehn Tagen jeweils zehn Geschichten: Boccaccio entwirft in neuer Umgebung eine humanistische Gesellschaft am Horizont. Spätere Theoretiker des Neuen, beispielsweise Thomas Morus, Francis Bacon und Thomas Hobbes im 16. und 17. Jahrhundert verbinden ihre zukunftsweisenden Visionen mit der Annahme eines fiktiven Zustands, der den Neubeginn andeutet. Ein Raum für soziale Experimente entsteht. Boccaccios Erzählungen sind enthemmt und frivol. Das geschilderte Lebensgefühl ist der realen Tristesse in der Umgebung entgegengesetzt.

Zu den Narrativen der aktuellen Krise zählt jener von der Zeitenwende. So sieht der gemäßigt-sozialdemokratische Migrationsökonom Paul Collier den „höchsten Pegelstand von Individualisierung und Globalisierung markiert“. Der radikalere russische Politologe Alexander Dugin fordert in einem polemischen Artikel die Anbetung der Seuchengötter, die tabula rasa machen. Alle sind vor dem gefürchteten Gevatter Tod gleich. Dugin fordert eine postcoronale Welt, in der Fichtes „geschlossener Handelsstaat“ maßgeblich sein solle, nicht „Soros' offene Gesellschaft“. Die tödliche Ideologie ist für den Slawophilen der Liberalismus, der mit seinem Plädoyer für schrankenlosen Handel als Türöffner für Krankheitserreger fungiere.

Unstrittig: Bevorstehende Zäsur

Unstrittig wird die vor uns stehende Zäsur groß sein: Ökonomische Depressionen an Finanz- und Realmärkten dürften die Diskussionen bestimmen, vielleicht auch Höchststände an Arbeitslosen. Der israelische Historiker und Bestseller-Autor Yuval N. Harari prognostiziert eine neue Welle digitaler Überwachungsmethoden.

Am vergangenen Karfreitag präsentierte der österreichische Radiosender FM4 eine zehnstündige noch verfügbare Dauerlesung des brandaktuellen Romans „Die Pest“ von Albert Camus. In der Tat weist der Inhalt deutliche Parallelen zur gegenwärtigen Wirklichkeit auf. So nehmen die meisten Bewohner der Stadt Oran die Bedrohung anfangs nicht ernst. Camus interessiert sich vornehmlich für die Auswirkungen auf den seelenlosen Ort. Wie verhalten sich die Einwohner angesichts der in den Ereignissen innewohnenden Absurdität des Daseins, für das es für den atheistischen Verfasser kein Entrinnen gibt? Der Mensch ist zu diesen Zuständen verdammt.

Protagonist der Erzählung ist der Arzt Rieux. Er kämpft verbissen um die Kranken. Am Ende bleibt nur die Solidarität mit den Leidenden. Es entspricht Camus' Weltanschauung, wenn der Journalist Rambert sagt: „Ich habe genug von den Leuten, die für eine Idee sterben, mich interessiert nur noch, von dem zu leben und an dem zu sterben, das ich liebe“. Kann eine Heimsuchung (welcher Art auch immer) helfen, die wesentlichen Dinge im Blick zu behalten? Dass der Jesuitenpater Paneloux als Glaubensfanatiker daherkommt, verwundert nicht. Auch ein Priester kann (Camus zufolge) kein echtes Heilmittel anbieten.

Thomas Mann beschrieb eine Epoche des Umbruchs

Für Camus ist die Pest kein zeitlich begrenztes Phänomen, dessen Ende man feiern kann, sondern fungiert metaphorisch als essenzielle Bedingung menschlicher Existenz. Was für Sartre die Hölle ist, entspricht bei Camus der Pest. Aus dem Dasein gibt es kein Entkommen. Der Mensch hat stets unter Extrembedingungen zu zeigen, dass er Mensch sei.

Zu den herausragenden Büchern, die einem in der augenblicklichen Situation spontan einfallen, gehört Thomas Manns Schrift „Der Tod in Venedig“. Wenn bestimmte Formen der Liebe in den bürgerlichen Daseinshorizont einbrechen, kann die Existenz stärker durcheinandergewirbelt werden als durch ein Virus, so könnte man die zentrale Botschaft Manns pointiert aus gegenwärtiger Perspektive zusammenfassen. Die Reise des alternden Schriftstellers Gustav von Aschenbach nach Italien wird eine, die in Krankheit und Tod endet. Die Verfallsperspektive durchzieht die gesamte Novelle. Diese Atmosphäre wird durch die homoerotischen Neigungen Aschenbachs zu Tadzio illustriert, einem der Todesboten. Dem Leser zur Zeit der Ersterscheinung der Novelle im Jahre 1912 dürfte klar geworden sein, dass die unmittelbaren Zeiten des Umbruchs und des Niedergangs nicht mit früheren zu vergleichen seien. 2020 ist die Situation ähnlich. Wir stehen vor einem erneuten gefahrvollen Umbruch.

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