München

Kontemplation vor der Ekstase

Neo Rauch ist im Dialog mit Max Beckmann sich selbst auf der Spur.

Neo Rauch
Was bei Neo Rauch rechts sein soll, hat sich nicht erschlossen - hier vor Bildern von Max Beckmann. Foto: Margarita Platis, Bayerische Staatsgemäldesammlungen

Der Meister ist ein Rätselkünstler aus Deutschland: Er heißt Neo Rauch, ist vor bald sechzig Jahren in Leipzig geboren, wo er Malerei studierte und bis heute lebt und arbeitet. Komplexe Bilderwelten in formaler Meisterschaft zeichnen ihn aus und haben ihn zu einem der erfolgreichsten deutschen Gegenwartskünstler gemacht. Er könnte vom aus eigener Kraft erklommenen Kunst-Olymp auf diese Welt und auf seine Kritiker herabschauen, tut es aber nicht. Eine mittlerweile notorische Fehde verbindet ihn mit dem gleichfalls in Leipzig lebenden Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich, der den Maler einer vermeintlichen „Siegerkunst“ schon länger im Visier hat und ihm vorwarf, Teil von neofeudalen Machtstrukturen in der heutigen Kunstwelt zu sein. Warum? Weil Rauch Erfolg hat und hohe Preise erzielt? Das bleibt offen; im letzten Mai legte Ullrich nach und formulierte – vorsichtig zwar, aber doch anklagend – dass sich „einige Motive rechten Denkens“ beim Maler nachweisen ließen. Die Beweisführung blieb dürftig, stützte sich auf eine angebliche generelle „Rechtsverschiebung des Autonomie-Begriffs der Kunst“, dann auf Bild-Titel wie „Vaters Acker“ oder „Fremde“ und einige zufällige Äußerungen des Malers, die sich nicht dem linksliberalen Mainstream zuordnen lassen (DT vom 28. Mai 2019). Rauch, von dem keinerlei parteipolitisch einzuordnende Äußerungen bekannt sind, antwortete auf seine deftige Weise mit dem Bild „Der Anbräuner“, einer Nachttopf-Szene. Im Übrigen schweigt er, was sein gutes Recht ist.

Zum Reden kam er nun nach München. Beim Künstlergespräch in der Pinakothek der Moderne wollte Kurator Bernhart Schwenk ihn zu Max Beckmann (1884–1950) befragen, auch einem Leipziger, mit dem Rauch den Hang zu räumlichen Konstruktionen, vor allem zu einer Rätsel-Bilderwelt teilt, die tief aus der kunsthistorischen Tradition kommt und auf Figuren, nicht Abstraktion setzt. Im heillos überfüllten Auditorium der Pinakothek der Moderne erlebten die Zuhörer einen bedachtsamen, sorgsam formulierenden Künstler, der sich – mit ganz sachten Anklängen ans Sächsische – bewusst in die Traditionslinie abendländischer Kunst stellt. Dabei ist Rauch, der sich klar als „Mann des 20. Jahrhunderts“ deklariert, der in unserer Zeit erst angekommen sein will, wenn sie vorüber ist, ein echtes Kind Sachsens: Sein wichtiges Werk „Kalimuna“ von 2010, im Besitz des Münchner Museums, nimmt auf die Jugendjahre des Künstlers in Aschersleben Bezug, wo lange Kali gefördert wurde und im letzten Krieg eine Munitionsfabrik bestand, in der die Großmutter Rauchs als Zwangsverpflichtete arbeitete. Der Bild-Name – Rauch: „Klingt doch wie in polynesisches Mixgetränk“ – nimmt das Salz wie die Munition auf und ist Teil des Konzeptes: Das Biographische markiert die Welt, so dass die Großmutter gleich zweimal, als jüngere wie als ältere Frau, dargestellt ist. Aber erklärt ist damit nichts, denn in den Bildern Rauchs verharren die Figuren wie im Sprung eingefroren.

Beckmann: kein Vorbild, aber ein Einfluss

Eingesponnen in seltsame Tätigkeiten kommunizieren diese Gestalten mit dem Unendlichen, scheinen Fragen zu stellen, auf die die Antwort noch aussteht. Kurator Schwenk stellte die offenkundige Parallele zu Beckmanns Werk her. Das Statische, Abgewandte, ja Depressive, wie es etwa im 1922 geschaffenen Bild „Vor dem Maskenball“ zu Tage tritt: Jeder für sich und alle gemeinsam ratlos. Dem Abend kam zu Hilfe, dass Münchens Pinakothek der Moderne den wohl wichtigsten Beckmann-Korpus beherbergt und zugleich dem Archiv des im New Yorker Exil gestorbenen Künstlers, der den Nazi als entartet galt, Obdach gibt. Pinakotheken-Generaldirektor Bernhard Maaz konnte dem erfreuten Publikum, darunter Beckmann-Enkelin Mayen, eine große Retrospektive jener „Schlüsselfigur der Moderne“ (Maaz) für die nächsten Jahre in Aussicht stellen.

Kein Künstler liebt es, mit einem anderen verglichen zu werden, doch benennt Neo Rauch, der in Leipzig bei den nicht minder bedeutenden Arno Rink, Wolfgang Mattheuer und Bernhard Heisig das Handwerk lernte, Beckmann als wichtigen Einfluss. Mit ihm teilt er die Informiertheit über die kunstgeschichtliche Tradition und das sorgfältige Arbeiten. Um etwas beneidet der Jüngere den Älteren: Beckmanns Schwarz sei viel schwärzer. Dessen Enkelin und Nachlassverwalterin Mayen erdreistete sich zu sagen, dass in Rauchs Kunst das Grau der DDR noch sehr präsent sei. Es tritt zum giftigen, dem Boden gasartig entweichendem Kali-Gelb und den erdigen Braun-Tönen der Moorlandschaften um Leipzig. Beckmann freilich vermehrte im Alter seine Farbpalette und fand zu einem knalligen Türkis.

„Der Maler kann keine Waffe schmieden
und in das Zeitgeschehen eingreifen“
Neo Rauch

So kreiste der Abend im Fragespiel zwischen Kurator und Künstler, zwischen Beckmann, der kein Vorbild, aber ein Einfluss war, und dem nun zu Klassiker-Status heranwachsenden Rauch, der ohne Arroganz, doch mit Selbstbewusstsein sein Proprium verteidigte. Was heimattümelnd oder „rechts“ an seiner Kunst sein soll, erschloss sich dabei nicht. Die wirre Begrifflichkeit der jahrzehntelang unangefochten herrschenden linksliberalen Kunstmafia ist wohl durch die bloße Existenz von ihrem eigenen Zugang entschlossen verteidigenden Künstlern wie Rauch herausgefordert. Dessen Autonomie-Vorstellung, die ausdrücklich die Vorkriegszeit einschließt, nennt Kunstkritiker Ullrich eine „weiße Idee“.

Rauch hat wohl recht, sich gegen derartige Zumutungen nicht mit Worten verteidigen zu wollen. Nur ein einziges Mal nahm der Künstler indirekt Bezug auf die Versuche, ihn politisch zu vereinnahmen, als er unter ausdrücklichem Applaus des Publikums feststellte: „Der Maler kann keine Waffe schmieden und in das Zeitgeschehen eingreifen.“ Das zerstöre die Kunst.

In der Toscana studiert Rauch berühmte Fresken

Die Bevorzugung des Kontemplativen kommt in Rauchs Bewunderung der Kunst Piero della Francescas zum Ausdruck. Rauch fährt in die Toskana, um sich der ruhigen, konzentrierten Bilderwelt auf den Fresken des berühmten Malers und Mathematikers auszusetzen. Dasselbe Phänomen eines figurativen Malens von in sich selbst versunkenen Menschen, die eher mit der Ewigkeit als miteinander in Beziehung stehen, begegnet bei ihm wie bei Beckmann und Rauch. Neo Rauch, der sich nicht drängen lässt beim Antworten, dabei gelegentlich trockenen Humor zeigt, hat eine klassische Sicht von Standort und Aufgabe des Künstlers und findet ein Zitat bei Léon Bloy, dem katholischen Anarchisten: „Die Dinge passieren alle gleichzeitig, nicht nacheinander.“ Das verharrende Abwarten seiner Bilderwelt ist in Wahrheit die Ruhe vor dem Sturm oder, wie Rauch selber sagt, der „Moment vor der Ekstase“. Ob daraus schlussendlich Erlösung erwächst, bleibt einstweilen offen. Ein aufschlussreiches Wort bemühte der Künstler, der vom Münchner Publikum auf Händen getragen wurde, um seine Mission zu erklären: Unmittelbar vor dem Teppich stehend, ist das Muster nicht zu erkennen. Doch könne der Künstler Hilfe in seinem Werk leisten, indem er wenigstens einen Strang stark hervortreten lasse. Im Abstand erschließt sich das Ganze, nimmt Gestalt an.

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