Würzburg

Kommentar: Ängste der Museen vor der Öffentlichkeit

Die National Gallery in London stellt Gauguin aus und begeht Selbstzensur. Besucher werden bevormundet.

Gaugin: Frau mit Mango, 1892
Gaugin: Frau mit Mango, 1892 Foto: IN

Die Zensur in Museen wird schärfer. Nachdem das Metropolitan Museum in New York 2017 die „Träumende Thérese“ (1938) von Balthus aufgrund einer Unterschriftenaktion von mehr als 12 000 Menschen abgehängt hatte, gibt es wieder eine Kunstdebatte. Und dass es schon damals am Ende der Petition hieß, man solle auch Gauguin abhängen, musste ein Licht auf die Zukunft werfen. Gauguin in der gegenwärtigen Ausstellung des Londoner National Gallery soll nun unter mehrere Verdikte fallen: Sexismus, Rassismus, Kolonialismus. Gleich zu Beginn der Ausstellung schrieb der „Telegraph“, normalerweise würden bei einer Ausstellung eines einzelnen Künstlers die zentralen Werke gezeigt: „Not this time.“

Perspektive voller Vorurteile und Selbstgerechtigkeit

 

Die National Gallery hat in ihrer Ausstellung „Gauguin Portraits“ (bis 26.1.) schon eine Vorauswahl getroffen, um die Diskussion um Gauguin nicht anzuheizen. Gelungen ist das nicht, denn die „New York Times“ titelte am 18. November „Ist es Zeit, dass Gauguin gestrichen werden sollte? – Museen bewerten die Legitimität von Künstlern neu, die Sex mit Teenagern hatten und Polynesier als ,Wilde‘ bezeichneten.“

Aber auch wenn es solche Diskussionen schon in Paris, Chicago oder San Francisco über Gauguin gab – hat der Museumsbesucher nicht ein Recht, informiert zu werden, was vor mehr als hundert Jahren gemalt wurde. Was ist von einer Museumspädagogik zu halten, wenn „The Guardian“ (vom 3.10.) schreibt, die National Gallery habe ihre Augen von Gauguins stärksten Kunstwerken abgewendet? Hier ist eine Perspektive voller Vorurteile und Selbstgerechtigkeit in einer Epoche am Werk, die mit einem fadenscheinigen Diskriminierungsvorwurf der Kunst zu Leibe rückt. Fadenscheinig deshalb, weil – der „Guardian“ sagt es – die Gallery gleichzeitig voll mit Sammlungen nackter weißer Frauen ist. Gauguin war der erste Maler, dem dunkle Haut besser gefiel. Aber es ist nicht dessen Sensationsgier, die auf seinen Bildern am Werke war, sondern die Suche nach einer ursprünglichen Welt, die er auch fern von Frankreich nicht fand. So malte er zumeist Frauen in westlichen Kleidern, die ihnen die Missionare nahegelegt hatten – und solche Bilder sind in London auch vornehmlich ausgestellt. Was man nicht sehen kann, darüber kann man auch nicht debattieren.

Zensur verhindert Diskussion über das Werk

Bereits vor Ausstellungsbeginn wurden neun Beschriftungen geändert und Erklärungen zu Worten wie „Wilde“ angebracht, die Gauguin damals benutzt hatte. Aber weiß man das nicht, dass der damalige Sprachgebrauch anders war, aus der Lektüre von Mark Twain, Louis Stevenson oder Karl May? Ist dieses Minimum kultureller Kenntnis und Selbstverständigung einer Gesellschaft nicht mehr anzusetzen, so dass nur noch mit ausgrenzender Normativität agiert wird? Zum Schaden dessen, was heute Bildung sein könnte – stattdessen werden Kompetenzen entwickelt, wie der nächsten Diskriminierungsgefahr auszuweichen ist.

Wie sich der in der Fremde verelendete Gauguin wirklich verhalten hat, das zu klären ist Aufgabe von Historikern und Kunsthistorikern. Die Aufgabe des Museums aber ist eine andere. Museen sollen einen Bezug des Betrachters zum Werk herstellen. Wenn das Werk aber durch Selbstzensur unterschlagen wird, kann das Museum seiner Aufgabe nicht mehr nachkommen. Es verhält sich dann ideologisch, indem es ein falsches Bewusstsein produziert, dem der Besucher ausgeliefert ist. Auch Belehrungen, eben dass man früher von „Wilden“ sprach, sind nicht unproblematisch. Denn sie unterstellen dem Besucher, dass er belehrungsbedürftig ist und entmündigen ihn – weil er sich in der Welt nicht auskennt und sie ihm museumspädagogisch erklärt werden muss.

Das Museum ist ja selbst Teil der Bildungsmisere und fürchtet Maßregelung durch eine hysterisierte Öffentlichkeit. Doch den Mutigen gehört die Welt: Basel hatte der Vorgabe aus New York getrotzt und 2018 Balthus umfassend ausgestellt.

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