Karlsruhe

Könnt' Musik die Welt heilen

Anna Bergmanns Inszenierung "The Broken Circle" in Karlsruhe erzählt von einer Familie, die wegen ihres gestorbenen Kindes zerbricht.

Der Schauspieler Jannek Petri im Theaterstück "The Broken Circle"
Zwischen Vergangenheit und Gegenwart: Jannek Petri zeigt als Vater in "The Broken Circle" sehr bewegend das frühere, unbeschwerte Glück mit seinem Kind - nur noch eine animierte Puppe. Foto: Badisches Staatstheater Karlsruhe

Es ist ein dunkler, zutiefst trauriger Abend, ein Abend über die Einsamkeit und Verlassenheit der menschlichen Existenz, ein Abend über Schmerz und Tod. Wie einen ungewollten Geist, eine Art Dämon, versucht das Paar Elise und Didier einen unfassbaren Schicksalsschlag zu verdrängen, aber es geht nicht. Nachdem sie ihr gemeinsames Kind Maybelle verloren haben, findet erstere nicht mehr richtig zu sich. Das Leiden an dem nie verarbeiteten Tod wird sie zuletzt gar in den Suizid treiben.

Ausweglose Trauer in der säkularen Gesellschaft

Dass die (noch) frische Schauspieldirektorin am Badischen Staatstheater Karlsruhe, Anna Bergmann, sich ein derart emotional aufwühlendes Stück zur Inszenierung vorgenommen hat, markiert für das Haus mehr als einen zaghaften Neuanfang. Während die vergangenen Jahre unter der Intendanz von Peter Spuhler von pseudoavantgardistischem Meta-Meta-Theater geprägt waren, zeichnet sich nun möglicherweise eine erfreuliche Wende ab. Denn die deutschsprachige Erstaufführung von Johan Heldenberghs und Mieke Dobbels' Stück „The Broken Circle“, das 2012 von Felix Van Groeningen verfilmt wurde, wühlt auf, erschüttert die Zuschauer bis ins Mark.

Dabei wird in dem in Kooperation mit dem Stadsteater Uppsala entstandenen Werk zunächst der Eindruck erweckt, als sei alles in bester Ordnung. Die Protagonisten, herausragend verkörpert von der schwedischen Opernsängerin Frida Österberg und dem Schauspieler Jannek Petri, treten uns als Leader einer Bluegrass-Gruppe entgegen. Unter ihren Künstlernamen Alabama und Monroe tingeln sie durchs Land, wollen eigentlich gute Laune und amerikanisches Lebensgefühl vermitteln. Doch die Patina der vermeintlichen Happiness bricht immer wieder auf. Zwischen die beherzt vorgetragenen Songs, intoniert von einer Clemens Rynkowski geleiteten Combo, schieben sich eindringliche Bilder: etwa ein melancholisches Trickfilmvideo mit Erinnerungen oder in der immer wieder präsenten Puppe der Tochter Maybelle, die von Julia Giesbert getragen und bewegt wird. Im Gegensatz zur filmischen Vorlage wird durch sie die Leerstelle, um die sich alles dreht, direkt physisch sichtbar.

Gerät Elise angesichts dieser Omnipräsenz des Verlusts in einen unaufhaltsamen Strudel aus Depression, Hass und Vorwürfen, schluckt Didier seinen Kummer mit Unmengen Alkohol herunter. Zusammen kommen die beiden nur noch in der zumindest situativ tröstlichen Musik. Zu den Folk-Titeln kommen leise Töne hinzu, innige Duette als Sinnbild eines geschützten Raums. Zudem werden wir immer wieder Szenen noch zurückliegender, besserer Tage wie gemeinsame Ausflugsfahrten gewahr. Zur Bebilderung lässt die Regisseurin eine lediglich durch Leuchtdrähte konturierte Autokarosserie hereinfahren, in der die Protagonistin inmitten ihrer einstmals glücklichen Familie noch unbeschwert das Lied der Pippi Langstrumpf singen kann. Nicht minder zauberhaft fällt der Rückblick auf die funkelnde Hochzeit in Las Vegas aus. Die Feier wird kurzerhand sogar noch einmal auf die Bühne gebracht, indem das Ensemble Teile des Publikums zu beschwingter Musik aufs Parkett entführt. Die Disco hält jedoch nicht lange an. Die Zeiten der Freude sind für Elise und Didier passé. Zwar hofft man als Zuschauer, dass es die beiden in ihrer Musik noch schaffen, sich zu retten. Doch die Trauer über das mit sechs Jahren an Leukämie gestorbene Kind wiegt zu schwer, als dass man noch ein einziges Mal die dafür nötige Leichtigkeit fände.

Euphorie bis unheilbare Verzweiflung

Wovon der Abend lebt, ist vor allem die famose Präsenz von Frida Österberg, die von der Euphorie bis zur unheilbaren Verzweiflung das ganze Spektrum an Gefühlen abdeckt, ihrem Kind noch ein gutes Leben vorspielt, als es schon fast vorbei ist. Kaum stand es noch auf dem Skateboard, hängt es bald schon am Tropf. Berührend ist dieser Abgesang auf eine Familie, die in alledem einen Sinn sucht, ohne ihn zu finden.

So entwickelt Regisseurin Anna Bergmann eine psychologisch konzentrierte Dramaturgie der Entfremdung und Traumatisierung. Sowohl das Scheitern der Beziehung von Elise und Didier als auch der Suizid bilden die tragenden Säulen eines Werks, das an existenzieller Ausdrucksschärfe kaum zu überbieten ist. Das ist der Lauf der säkularen Gesellschaft, in der jegliche Transzendenz fehlt. Darüber hinaus erhält die individuelle Geschichte noch eine zweite, gesellschaftliche Dimension: Denn das Zugrundegehen der Familie spiegelt überdies ebenso den zur Leerformel geronnenen American dream. Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten zeigt sich als Chimäre, dessen beherzte Country-Songs lediglich noch von Traumlandschaften erzählen. „The Broken Circle“ gehört zweifelsohne zum ergreifendsten, was die deutschsprachigen Bühnen in dieser Saison aufgeboten haben. Existenziell, überwältigend und ungemein tränenreich ist dieses Stück, das schon mehr Leben als Theater zu sein scheint.

Nächste Aufführungen: 6. und 19.7. um 19.30 Uhr im Badischen Staatstheather Karlsruhe, Hermann-Levi-Platz 1, 76137 Karlsruhe.