Würzburg

„Ich befinde mich in absoluter Sicherheit.“

Zum 80. Todestag des christlichen Philosoph Peter Wust in diesem Jahr.

Peter Wust zum 80. Geburtstag
„Ich befinde mich in absoluter Sicherheit“, schrieb der Philosoph Peter Wust vor seinem Tod über seinen Glauben. Foto: KNA

Am 3. April 2020 ist der 80. Todestag des Philosophen Peter Wust. Er stammt aus einfachen, fast ärmlichen Verhältnissen und wird in Rissenthal im Saarland 1884 geboren. Er soll ursprünglich Priester werden und kommt aber durch die Philosophien des Kantianismus und des deutschen Idealismus vom christlichen Glauben ab. Er tritt aus dem bischöflichen Konvikt in Trier aus und studiert nach dem Abitur Germanistik, Anglistik und Philosophie, um Gymnasiallehrer zu werden.
Nach dem Studium beginnt er als Lehrer zu arbeiten. Nebenbei promoviert er in Philosophie und nähert sich ab 1918 etwa wieder dem christlichen Glauben.
1920 erscheint sein erstes philosophisches Buch, „Die Auferstehung der Metaphysik“, das auch im Titel seine Glaubenswende signalisiert. In den folgenden Jahren schreibt er weitere philosophische Bücher wie   „Naivität und Pietät“ (1925) und die groß angelegte „Dialektik des Geistes“ (1928). Die drei Werke werden stark beachtet. 1930 erhält er überraschend den Konkordatslehrstuhl für Philosophie an der Universität in Münster/Westf., obwohl er nicht habilitiert ist und vor allem die Neukantianer die meisten Lehrstühle inne haben.

Ungewissheit und Wagnis

1937 veröffentlicht er sein wichtigstes Buch „Ungewissheit und Wagnis“, mit dem er endgültig zum Christentum zurückkehrt. Am Schluss des Buches kommt er auf das Wagnis der Weisheit zu sprechen: „ Dieses Wagnis der Weisheit ist jedoch nur möglich für denjenigen Menschen, der die seelische Unrast seines Eigenwillens und seiner Selbstsucht aufgibt und sich durchringt zu der tiefen inneren Stille des Herzens, in der die Stimme der Liebe vernehmbar wird. Diese heilige Stille und Gleichgültigkeit des Herzens hat der Mystiker Franz von Sales charakterisiert als das 'Ni desirer, ni refuser' des Eigenwillens. (…)  (Es) ist nur möglich, wenn das höchste menschliche Ethos erreicht ist, das Ethos der kindlichen Gelassenheit. (…) (Es) bricht aus der großen Stille jener Seelen hervor, die nichts mehr für sich selbst wollen, sondern alles der majestätischen Macht des Objektiven anheimzustellen bereit sind. (…) In der großen Stille der kindlichen Gelassenheit aber fällt dem Menschen gleichsam alles von selbst zu. Und in ihr erkennt er dann auch immer klarer, wie alle irdische Ungeborgenheit letzten Endes sich einordnet in das Umgreifende einer überirdischen Geborgenheit.“
Neben Heidegger und Jaspers ist Wust einer der damals bekannten deutschen Existenzphilosophen, der auch der Theologie neue Impulse gibt. Wust philosophiert in einem augustinisch-franziskanischen Geist mit brennendem Herzen, er ist mehr Philosoph als Philosophieprofessor. Er treibt eine „spirituelle“ Philosophie, die er auch mit Leidenschaft zu leben versucht.

Das Gebet macht still, macht kindlich, macht objektiv.

1937 erkrankt der Professor an Gaumenkrebs. In seinen Briefen an den Schriftsteller Karl Pfleger schildert er den schweren Kampf gegen die Krankheit, die nicht geheilt werden kann. Es wird immer schlechter mit ihm trotz aller Behandlungsversuche und Operationen.  Und so muss sich der 55-jährige Wust krankheitshalber von der Universität und seinen Studenten verabschieden. In seinem vielbeachteten und erschütternden Abschiedsbrief an seine Studenten schreibt er im Dezember 1939 unter anderem: „Und wenn Sie mich fragen sollten, bevor ich jetzt gehe und endgültig gehe, ob ich nicht einen Zauberschlüssel kenne, der einem das letzte Tor zur Weisheit des Lebens erschließen könne, dann würde ich Ihnen antworten: 'Jawohl.' Und zwar ist dieser Zauberschlüssel nicht die Reflexion, wie Sie es von einem Philosophen erwarten möchten, sondern das Gebet. Das Gebet, als letzte Hingabe gefasst, macht still, macht kindlich, macht objektiv.
Ein Mensch wächst für mich in dem Maße immer tiefer hinein in den Raum der Humanität, wie er zu beten imstande ist, wofern nur das rechte Beten gemeint ist. Die großen Dinge des Daseins werden nur den betenden Geistern geschenkt. Beten lernen aber kann man am besten im Leiden.“ Dieser Brief geht in die Philosophiegeschichte ein, weil es kaum etwas vergleichbares gibt.
Die Krebskrankheit dehnt sich allmählich auch auf Kiefer, Zunge und Kehlkopf aus, so dass er zuletzt dem Hunger ausgeliefert, der Sprache beraubt und beständig von wütenden Schmerzen befallen ist. 
Wust erlebt 1940 eine echte Fastenzeit. Und in diese Zeit, März 1940, fällt eine Begebenheit mit Wust, die mir Professor Josef Pieper 1985 in Münster erzählt:
Der im Gesicht entstellte Wust muss das Bett hüten und kann sich nur noch mit einem Notizbuch mitteilen. Er ist eigentlich immer ein hochsensibler und ängstlicher Mensch gewesen. Der damals junge Pieper ist beim Militär. Es gibt in Münster einen Fliegeralarm, obwohl kein feindliches Flugzeug festgestellt worden war. Pieper denkt an die Ängstlichkeit des Philosophen und besucht ihn, um ihn zu beruhigen. Pieper erzählt wie Wust auf seine Beruhigungsversuche reagiert:
„Er machte mit der Hand eine fröhlich verneinende Gebärde, auf seinem entstellten Gesicht deutete sich ein Lächeln an, er langte nach seinem Notizbuch und schrieb seine Antwort nieder. Beschämt und voll bewundernder Verwunderung, plötzlich einen neuen, den eigentlichen Peter Wust erblickend (…) las ich die Worte: 'Ich befinde mich in absoluter Sicherheit.'“ So hat Pieper auch einen Aufsatz überschrieben, in dem er das erzählte Erlebnis beschreibt.

  

Ein moderner Mystiker

Am 3. April 1940 setzt der Tod Wusts schwerem Leiden ein Ende. Sein Leben, Leiden und Sterben und auch seine Schriften – Bücher, Aufsätze und Briefe - haben eine starke Nachwirkung. Es entstehen nach seinem Tod eine Reihe von Publikationen über ihn und mit Texten von ihm. Sein letztes Buch „Ungewissheit und Wagnis“ erlebt viele Auflagen und ist auch heute noch im Buchhandel erhältlich. Ab 1963 startet die Gesamtedition seiner Schriften, Briefe und Aufsätze in einer zehn-bändigen Gesamtausgabe beim Verlag Regensberg in Münster. Hans Küng zitiert ihn in seinem großen religionsphilosophischen Werk „Existiert Gott?“. P. Josef Kentenich, der Gründer der Schönstattbewegung zitiert ihn oft in seinen Vorträgen und Exerzitienkursen. Wust wird öfters in der Schönstattbewegung rezipiert. Er ist beispielsweise der philosophische Lehrer der Schönstätter Karl Leisner und Heinrich Tenhumberg, dem späteren Bischof von Münster. Darüber hinaus hat Wust, wie viele Mitglieder der Schönstattbewegung eine Affinität zu Therese von Lisieux.
1973 erscheint eine Schrift mit dem Titel „Ein moderner Mystiker – Begegnung mit Peter Wust“ von Bernhard Scherer, die den Philosophen überzeugend als Mystiker zeichnet. 1982 gründet sich in der Diözese Trier die Peter-Wust-Gesellschaft, die das Andenken des christlichen Denkers durch verschiedenste Aktivitäten pflegt. 1984 zum hundertsten Geburtstag gibt der Wust-Schüler Prof. Walter Rest ein „Philosophisches Lesebuch“ mit Texten von Wust heraus beim Verlag Regensberg. Das Grab von Wust ist heute noch erhalten in Münster-Mecklenbeck. Es trägt die Inschrift:
Aus dem Wirklichkeits-Traum
durch Ungewissheit und Wagnis
in den Wirklichkeits-Raum
der Geborgenheit in Gott

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