Köln

"Germania Judaica": Eintracht durch Erinnerung

Seit 60 Jahren informiert die Kölner Bibliothek "Germania Judaica" über die Geschichte des deutschen Judentums.

Jüdischer Schrifttext
Die Germania Judaica will mit dem Judentum vertraut machen. Foto: Adobe Stock

„Über die Vorurteile der Vergangenheit aufklären heißt, gegen zukünftige Vorurteile immun machen. Auch sind zweitausend Jahre jüdischen Lebens der Erinnerung wert. Wenn diese Erinnerung gegenwärtig wird, ist neue Eintracht zwischen Juden und Nichtjuden in Deutschland möglich.“ Dieses Zitat liest sich wie eine aktuell ausgesprochene Mahnung angesichts des gegenwärtig immer offener um sich greifenden Antisemitismus. Doch die zitierten Sätze sind bereits vor 60 Jahren niedergeschrieben worden. Ihr Verfasser: der Kölner Schriftsteller und spätere Literatur-Nobelpreisträger Heinrich Böll (1917–1985). Die Öffentlichkeit sei nur unzureichend über die Geschichte des Judentums in Deutschland informiert, so der Literat. „Diese Unkenntnis hat in der Vergangenheit die Propagierung von Vorurteilen ermöglicht. Es ist diese Unkenntnis, die heute noch die alten Vorurteile nährt.“

Über Geschichte und Kultur der deutschen Juden

Um einen Beitrag zu leisten, die Kenntnisse über das Judentum zum „Bestandteil des Wissens und nicht des Glaubens zu machen“, gründete Heinrich Böll mit weiteren Vertretern der Kölner Stadtgesellschaft den Verein „Germania Judaica – Kölner Bibliothek zur Geschichte des Deutschen Judentums“. Zweck ist es, in der Öffentlichkeit die Geschichte und Kultur der deutschen Juden darzustellen, Forschungen und Diskussionen zu begleiten oder zu initiieren sowie Antisemitismus zu bekämpfen. „In Zeiten, in denen der Antisemitismus wieder eine ernste Bedrohung darstellt, ist unsere zentrale Aufgabe so aktuell wie nie“, stellt Ursula Reuter fest. Die Geschäftsführerin konkretisiert: „Informationen bereitzustellen über jüdische Geschichte und Kultur, über das historisch vielgestaltige Verhältnis von Juden und Nichtjuden und – nicht zuletzt – über Judenhass in seinen historischen und aktuellen Ausprägungen.“

Heute ist die Germania Judaica mit etwa 65 000 Titeln eine der größten wissenschaftlichen Bibliotheken Europas zur Geschichte und Kultur der deutschsprachigen Juden. Ein besonderer, aufschlussreicher Bestand umfasst die Gemeindeblätter aus der Zeit nach 1945, der über die Entwicklung des jüdischen Lebens nach dem Holocaust Auskunft gibt. Der Beginn der mittlerweile weltweit vernetzten Einrichtung – unter anderem gibt es enge Verbindungen mit der führenden Einrichtung zur Erforschung des deutschen Judentums, dem Leo Baeck Institute in London, New York, Jerusalem und Berlin – war bescheiden: Das „Startkapital“ der Bibliothek waren eine von der Stadt zur Verfügung gestellte Zweizimmerwohnung sowie 180 Bände, zumeist Bücherschenkungen aus dem Ausland.

Viele Bände zum christlich-jüdischen Dialog

Seit 1979 befindet sich die Spezialbibliothek in der Kölner Zentralbibliothek - eine Bibliothek innerhalb einer Bibliothek. Schwerpunkt ist die Geschichte des deutschsprachigen Judentums vom 17. Jahrhundert bis heute. Im Einzelnen umfasst das die Lokalgeschichte, also Beiträge über jüdische Gemeinden vor Ort, die Alltags- und Lebensgeschichten von Familien, Einzelpersonen oder Institutionen. Darüber hinaus gibt es Literatur zur allgemeinen jüdischen Geschichte und Kultur sowie zu Zionismus und Israel. Ein Fokus der Sammlung bildet darüber hinaus die Darstellung von Juden in Literatur und Film.

Sämtliche antisemitische Literatur befindet sich in einem hausintern als „Giftschrank“ bezeichneten Bereich. Wer auf dieses nicht frei zugängliche Konvolut oder einzelne Bände daraus zugreifen will, „muss klar erkennbar den Grund für sein Interesse an Einheiten aus diesem Bestand darlegen und beantragen“. So sind es vor allem Hochschullehrer oder Studenten, die für ihre wissenschaftlichen Arbeiten diese spezifischen Schriften einsehen. Zahlreiche Bände der Bibliothek befassen sich mit dem christlich-jüdischen Dialog. Darunter ist auch der Aufsatz „Gnade und Berufung ohne Reue“, in dem sich der emeritierte Papst Benedikt XVI. mit der christlichen Theologie des Judentums auseinandersetzt. Leiterin Ursula Reuter: „Die Weitergabe von Zeugnissen der Geschichte und Kultur des deutschen Judentums ist und bleibt eine ebenso notwendige wie bereichernde Aufgabe und Herausforderung.“

Die Germania Judaica befindet sich in der Zentralbibliothek, Josef-Haubrich-Hof 1 (Neumarkt), 50676 Köln. Öffnungszeiten: Mo: 10–18 Uhr (keine Beratung), Di und Do: 10–20 Uhr; Mi und Fr: 10–18 Uhr; Sa: 10–15 Uhr.