Würzburg

Familiensaga an den Ufern der Prosna

Der Schriftsteller Hans Lipinsky-Gottersdorf schrieb über das einstige Leben in Oberschlesien. Zum 100. Geburtstag eines vergessenen Autors.

Kreuzburg
Historische Postkarte von Kreuzburg, heute Kluczbork, in Oberschlesien. Der Kreis Kontschenburg, den Lipinsky-Gottersdorf für seinen Roman „Die Prosna-Preußen“ schuf, sei „wesensgleich“ mit der Gegend um Kreuzburg. Foto: YouTube/Schlesien Slonsk Silesia

Wenn man von weithin vergessenen Schriftstellern spricht, dann gehört heute Hans Lipinsky-Gottersdorf dazu. Denn der am 5. Februar 1920 im oberschlesischen Leschnitz am Fuße des Annabergs geborene Autor ist kaum noch jemandem bekannt, die allermeisten seiner Bücher sind nur noch antiquarisch greifbar, in den Universitätsbibliotheken setzen sie Staub an. Lipinsky-Gottersdorf taucht allenfalls noch in Literaturgeschichten Schlesiens auf, aber ansonsten? Doch solches Vergessen kann ungerecht sein. Ein erneuter Blick auf Lipinsky-Gottersdorf und sein Werk ist daher angezeigt.

Die Art und Weise, in der er sich literarisch und literaturkritisch mit dem Leben in Grenzlandregionen, wo die Völker aufeinandertreffen, befasst hat, besitzt auch in der heutigen Zeit Gültigkeit. Lipinsky-Gottersdorf hat als Schriftsteller gezeigt, was sich aus der „Lust am Provinziellen“ als einer begrenzten Welt machen lässt – und er ist selbst seinem Credo gefolgt, man benötige als Schriftsteller die Courage, den Zeitgeist Zeitgeist sein zu lassen.

Lipinsky wuchs im hinterpommerschen Stolp auf, dann ab 1932 in jenem Familiensitz Gottersdorf, das er seinem Namen anfügte. Nach dem Besuch des Gymnasiums folgte eine Landwirtschaftslehre, im Krieg war er Soldat, eine Heimkehr gab es danach nicht mehr. Schließlich fand er in Köln eine neue Heimat, wo er sich in das Schreiben seiner Bücher und Radiotexte versenkte und am 3. Oktober 1991 verstarb.

In seinem Roman „Fremde Gräser“ (1955), dem ein Motto aus dem Prediger Salomo vorangestellt war, wird eine gespaltene Welt in ihrer glücksverhindernden Macht geschildert, im Bild einer jungen Flüchtlingsfrau und eines desertierten Rotarmisten in einem Heidedorf. Doch verbleibt der Roman literarisch im Rahmen des eher Durchschnittlichen, es fehlt ihm hier noch an der Eindringlichkeit, mit dem er später die Menschen und Landschaften Oberschlesiens schildern sollte. Gleichwohl greift Lipinsky in der Nachkriegszeit aktuelle Verwerfungen, ja Tragödien auf, die man der deutschen Literatur lange nicht zugestehen wollte.

Der „große schlesische Bildungs- und Familienroman“ blieb unvollendet

Als Hauptwerk muss dagegen der ursprünglich als Trilogie geplante Roman „Die Prosna-Preußen“ von 1968 gelten, der sich in Zehntausenden von Exemplaren verkaufte und in zahlreichen Vignetten das Bild einer untergegangenen Welt präsentiert – einer Welt im oberschlesischen Grenzland, die von dem weithin unbekannten und nirgendwo schiffbaren Flüsschen Prosna durchschnitten wird. Die Prosna taucht in mittelalterlichen Verträgen auf, aufgrund derer das eine Ufer oberschlesisch-böhmisch, das andere polnisch (und in der Zeit der polnischen Teilung kaiserlich-russisch) wurde. Als Friedrich der Große sich im 18. Jahrhundert die schlesischen Fürstentümer per Handstreich aneignete, „waren auch die slawischen Anwohner des linken Prosnaufers Preußen geworden“, also eben jene Prosna-Preußen, denen Lipinsky-Gottersdorf ein eindrucksvolles und vielschichtiges fiktionales Denkmal setzte. Dazu schuf er für seinen Roman einen Kreis Kontschenburg, der auf keiner Landkarte verzeichnet ist, aber, wie der Autor versichert, mit den Landkreisen Rosenberg und Kreuzburg in Oberschlesien „wesensgleich“ sei – und wegen dieser Wesensgleichheit kann er auch den Anspruch erheben, die Wahrheit, wie er sie sah, geschrieben zu haben.

Wirklich vollendet wurde „der große schlesische Bildungs- und Familienroman“ (Dieter Kraeter) nicht; erst posthum erschien 1993 ein zweiter Band mit 24 vor dem Ersten Weltkrieg angesiedelten Geschichten, die er selbst noch publizieren wollte. Unfertige Teile, welche die Nachkriegszeit behandeln sollten, sind nicht überliefert; Lipinsky-Gottersdorf hatte sie wohl, wie er es zu tun pflegte, dem Papierkorb überantwortet.

Es ist bezeichnend, dass der Roman eine dreifache Widmung trägt: zum einen den Toten des schlesischen Bruderkampfes der frühen 1920er Jahre (als Preußen auf Preußen schossen). Auch die deutsche Sozialdemokratie, so Lipinsky-Gottersdorf einmal, „hat viele Jahrzehnte lang preußische Züge getragen“, bedauerte freilich schon Anfang der 1970er Jahre, die Partei habe diese Züge fast alle schon verloren., sodann dem Pferdehändler Mendel Saitzki, „Träger hoher Tapferkeitsauszeichnungen im Ersten Krieg, in der Kristallnacht des Jahres 1938 von Mitbürgern aus seiner Wohnung verjagt, danach verschleppt und verschollen“, schließlich aber auch dem Andenken seines Vaters. Dieser sei „als Offizier, Beamter und letzter Herr eines alten Familienbesitzes, sein Leben lang nach Haltung und Gesinnung ein slawischer Preuße“ gewesen.

„Ich habe mein ganzes Leben an
etwas gehängt, was es nicht gibt: Preußen“

Das Bekenntnis zu Preußen war für den Christen Lipinsky also etwas, das tiefe familiengeschichtliche Wurzeln hatte. Er verstand sich als altpreußischer Konservativer, und Preußentum bedeutete für ihn „Denken vom Staate her und zum Staate hin“. Eben dies aber war zugleich als Gegensatz zum Nationalismus zu verstehen, der von Lipinsky entschieden zurückgewiesen wurde. Als mustergültig galt ihm daher auch die Toleranz Preußens gegenüber den Slawen an der Prosna. Diese hätten es nie bedauert, Preußen geworden zu sein, „weil in diesem bemerkenswerten Gemeinwesen niemand von ihnen verlangte, sie hätten ihre Sitten und Gebräuche, ihr Wesen und ihre Sprache abzulegen oder zu verändern“. Vielleicht war dies auch nur Toleranz „aus völligem Desinteresse“, wie er einmal zu bedenken gibt. Doch der preußische Gedanke – einmal ist im Roman auch von der „preußischen Gerechtigkeit“ die Rede – war gleichwohl wirkungsvoll.

Als Literaturkritiker verteidigte Lipinsky die Ende der 1960er Jahre formulierte Kritik des Züricher Literaturprofessors Emil Staiger an der Vorliebe der modernen Literatur für menschliche Monstrositäten. Diese Distanz zu bestimmten Tendenzen der Gegenwartsliteratur spiegelt sich in Lipinskys Ablehnung eines prätentiösen und sensationsheischenden Schreibstils – so wie sein Roman Leser verlangt, die sich Zeit für diesen Ausflug in die schlesische Geschichte nehmen.

Auch für Lipinsky-Gottersdorf galt jenes Motto von August Scholtis, das er seinen Prosna-Preußen vorangestellt hatte: „Ich habe mein ganzes Leben an etwas gehängt, was es nicht gibt: Preußen.“ Damit ist aber eben gerade kein Unwerturteil über dieses teils historisch präzise erfasste, teils aber auch imaginierte Preußen getroffen. Denn auch – und vielleicht gerade – eine Idealisierung, selbst eine rückwärtsgewandte, kann humanisierend wirken, wenn daraus die Kraft zu Versöhnung und gegenseitiger Achtung gerade in Grenzregionen erwächst.

Derzeit lieferbar ist ein Bändchen mit Erzählungen:
Pferdehandel. Geschichten aus der alten Zeit. Fischer 2016, EUR 10,99;

zahlreiche lesenswerte Essays von Lipinsky-Gottersdorf sind online abrufbar als Teil eines leider nie gedruckten Sammelbandes: scholien.wordpress.com

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