Eine kafkaeske Geschichte

Wie Manuskripte von Franz Kafka nach Jerusalem kamen Von Till Magnus Steiner

Postkarten von Franz Kafka an seinen Freund Max Brod. Foto: Israelische Nationalbibliothek/Jerusalem

Unter meinen Mitschülern war ich dumm, aber nicht der dümmste“, mit diesen Worten beginnt eine autobiographische Skizze aus dem Jahr 1909 von einem der heute meistgelesenen Autoren deutscher Sprache, Franz Kafka. Sie ist nun, nach einem zwölf Jahre andauernden Rechtsstreit zusammen mit drei verschiedenen Versionen seiner Erzählung „Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande“, einem Notizbuch, in dem er Hebräisch übte, Hunderten von persönlichen Briefen an Max Brod und andere Freunde, sowie Skizzen, Zeichnungen und Reisetagebüchern in den Besitz der Israelischen Nationalbibliothek gelangt. Die Geschichte des Nachlasses Franz Kafkas ist kafkaesk.

„Franz Kafka war sehr zögerlich, was seine eigenen Werke anbetraf. Er ist das klassische Beispiel eines Schriftstellers, der nicht für seine Leser schreibt, sondern für sich selbst und die Schublade, um mit sich selbst und seinen ganzen persönlichen Problemen und Komplexen, die ihm der Alltag bereitet, klarzukommen“, erklärt Stefan Litt im Gespräch mit der „Tagespost“. Er ist Archivar an der Israelischen Nationalbibliothek und dort zuständig für die deutschsprachigen Bestände. „Bereits zu seinen Lebzeiten war es Max Brod, der ihn ständig drängte, zu publizieren, und ihn immer angehalten hat, Texte fertigzuschreiben. Aber durch Selbstzweifel endete er immer wieder in Sackgassen. Das ist auch der Grund, warum alle seine Romane unvollendet geblieben sind.“ Zur damaligen Zeit war der ebenfalls wie Franz Kafka in Prag geborene Jude und deutschsprachige-böhmische Schriftsteller Max Brod weitaus berühmter. Aber nachdem sein enger Freund Franz Kafka 1924 im Alter von 40 Jahren an Tuberkulose gestorben war, errang dessen Werk durch ihn posthumen Weltruhm und Max Brods eigenes Werk verblasste in der Geschichte. In Kafkas Schreibtisch fand er nach dessen Tod eine gefaltete Notiz, die mit Tinte geschrieben, an ihn adressiert war und ihn anwies, alle Manuskripte, Notizbücher, Briefe und Skizzen ungelesen und vollständig zu verbrennen. Statt dieser Anweisung zu folgen, widmete er den Rest seines Lebens der Verwaltung und Veröffentlichung von Kafkas Nachlass. So veröffentlichte er zum Beispiel 1925 „Der Prozess“, im folgenden Jahr „Das Schloss“ und 1927 „Der Verschollene“.

1939, kurz vor dem vollständigen Einmarsch der deutschen Wehrmacht in die Tschechoslowakei, floh der engagierte Zionist Max Brod mit dem Nachlass Kafkas in seinen Koffern in das britische Mandatsgebiet in Palästina. Dort angekommen wandte er sich an die Hebräische Universität in Jerusalem in der Hoffnung, dass der Nachlass Kafkas in der National- und Universitätsbibliothek aufbewahrt werden könne. Aber der damalige Direktor, Gotthold Weil, verzweifelt um die Erhaltung des bereits bestehenden Bestands der Bibliothek in den Wirren des Zweiten Weltkriegs bemüht, lehnte Max Brods Angebot ab. Die spätere Israelische Nationalbibliothek wäre so in den Besitz des gesamten Nachlasses Kafkas gekommen, anstatt fast 80 Jahre später über zwölf Jahre einen Rechtsstreit führen zu müssen, der sie über 200 000 Euro kostete, in Israel, Deutschland und der Schweiz geführt wurde und an dessen Ende zumindest nun ein Teil, der bisher unzugänglich war, in ihrem Besitz ist.

In seinem bereits 1948 verfassten Testament verfügte Max Brod, dass seine Sekretärin und Lebenspartnern Ester Hoffe sich um seinen Nachlass samt dem von Franz Kafkas zu kümmern habe. Sie solle ihn einer „öffentlichen jüdischen Bibliothek oder einem Archiv in Palästina“ übergeben.

Aus einem Banktresor in Zürich nach Israel

Nach der Errichtung des Staates Israels und vor seinem Tod 1968 präzisierte er seinen Wunsch und nannte explizit die National- und Universitätsbibliothek in Jerusalem als gewünschten Archivort. Bereits 1962 hatten die Kinder von Franz Kafkas Schwester als rechtmäßige Erben verfügt, das ein Großteil von Kafkas Nachlass an die Bodleian Bibliothek der Universität Oxford übergeben wurde. Ester Hoffe folgte dem letzten Willen Max Brods nicht, sondern begann ab den 70er Jahren unter anderem Teile des Nachlasses an Meistbietende zu verkaufen. 1988 verkaufte sie zum Beispiel das Manuskript von Kafkas Romans „Das Urteil“ für zwei Millionen US-Dollar an einen privaten Sammler, der es nach dem Kauf ans Deutsche Literaturarchiv Marbach übergab. In den 80er Jahren gab es auch Verhandlungen zwischen der Israelischen Nationalbibliothek und Esther Hoffe. „Sagen wir es mal so: Sie hatte damals sehr hohe Zielvorstellungen und sie schloss von den Verhandlungen alle Materialien Kafkas kategorisch aus. Woran die Verhandlungen letztendlich gescheitert sind, entzieht sich meiner Kenntnis“, erzählt Stefan Litt. So lagerte sie bis zu ihrem Tod den sich noch in ihrem Besitz befindenden Nachlass Brods und Kafkas bei sich in der Wohnung in der Spinozastraße in Tel Aviv, aus der bei einem Einbruch einige Manuskripte gestohlen, in Deutschland verschiedenen Institutionen angeboten und von der Polizei beschlagnahmt wurden. Und weitere Teile waren in einem Banktresor in Zürich verschlossen. Als sie 2008 verstarb, verfügte sie in ihrem Testament, dass Brods Nachlass samt den darin enthaltenen Manuskripten und Zeichnungen Kafkas in den Besitz ihrer beiden Töchter übergehe. Ihr letzter Wille wurde jedoch von der Israelischen Nationalbibliothek angefochten und 2016 entschied der Oberste Gerichtshof Israels in letzter Instanz: „Brod wollte, dass sein Nachlass in die vertrauenswürdigen Hände eines Instituts gelangt, das seinen Ambitionen als Schriftsteller angemessen ist. Er wollte nicht, dass sein Nachlass und alles darin an den Höchstbietenden verkauft wird.“ Dieses Urteil wurde nun auch durch ein schweizerisches Gericht bestätigt und so gelangten in diesem Monat die letzten bisher unbekannten Teile des Nachlasses Brods und Kafkas aus dem Banktresor in Zürich in den Bestand der Israelischen Nationalbibliothek.

Erstmals konnten daher nun drei Manuskripte der Erzählung „Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande“ der Öffentlichkeit präsentiert werden, anhand derer man die Art des Schreibens Kafkas nachvollziehen kann. Er kürzte das älteste 58 Seiten lange Manuskript, sodass nur fünf Seiten übrigblieben in der jüngsten Fassung. Einen besonderen Einblick in das Werk Kafkas ermöglichen nun auch eine Vielzahl von Zeichnungen, die er während seines Lebens angefertigt hat. „Sie sind zum Teil humoristisch, zum Teil bedrückend. Vielleicht hat er in ihnen versucht, das eine oder andere festzuhalten, was er schriftlich noch nicht ausdrücken konnte“, interpretiert Stefan Litt die in einer schwarzen Mappe gesammelten Kunstwerke. Für die Israelische Nationalbibliothek ist auch ein nun zugängliches Notizbuch, in dem sich Vokabelübungen und auch kürzere Texte auf Hebräisch finden, von hoher Bedeutung. „Die Sachen, die wir jetzt in diesem Heft gefunden haben, zeigen, dass er in der Lage war, auf Hebräisch zusammenhängende Texte zu komplexen Inhalten zu schreiben“, betont Stefan Litt. Bereits 1917 hatte Franz Kafka begonnen Hebräisch zu lernen und noch kurz vor seinem Tod hoffte er, nach Palästina reisen zu können. Zwar schrieb er einmal über seine Herkunft aus dem assimilierten jüdischen Bürgertum: „Was habe ich mit Juden gemeinsam? Ich habe kaum etwas mit mir gemeinsam …“

Noch 1924, wenige Wochen vor seinem Tod, träumte er mit seiner damaligen Lebensgefährtin Dora Diamant davon, nach Palästina überzusiedeln und dort ein Restaurant für die zionistischen Pioniere zu eröffnen. 95 Jahre später sind zumindest Teile seines Nachlasses dort, in Israel, öffentlich zugänglich – und werden digitalisiert in den kommenden Monaten weltweit zugänglich gemacht werden.