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Ein provokanter Eiferer

Vor 325 Jahren wurde der Philosoph, Schriftsteller und Kirchenkritiker Voltaire geboren

French Philosopher Voltaire at the Hotel de Ville in Paris
Berufsprovokateur: Statue von Voltaire am Rathaus von Paris. Foto: Adobe Stock

Wenn eine Publikation zuerst 1763 erschienen ist und in Form einer Neuauflage 2015 binnen kürzester Zeit zum Bestseller avanciert, liegt ein Verdacht auf der Hand: Viele Zeitgenossen im immer noch frühen 21. Jahrhundert betrachten den Traktat heute mindestens genauso aktuell wie zur Zeit der Erstpublikation.

Und in der Tat: Der Hauptgegner von Voltaires berühmter Streitschrift („Über die Toleranz“) ist nicht ausgestorben: religiöser Fanatismus und Hass. Die Welle von Gewalt der letzten Jahre in Frankreich, die einen ersten Höhepunkt in der Ermordung einiger Redakteure der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ Anfang 2015 erreichte, verübt von muslimischen Terroristen, rief die Polemik des bedeutenden Aufklärers in Erinnerung. Voltaire bringt auf den Punkt, warum Toleranz wichtig ist: Sie sei Ausdruck menschlicher Schwäche und Begrenztheit. Absolute Bekundungen passten nicht zum Menschen. Verfolgungen bedeuteten Blutzufuhr für jene, die sie über sich ergehen lassen müssen. Den Christen wirft er vor, dass sie eigentlich besonders für die Toleranz prädestiniert sein müssten, aber am wenigsten dazu bereit seien.

Voltaires Engstirnigkeit ließ es nicht zu, dass er einen wesentlichen Grundsatz katholischer Staatslehre näher analysierte, den maßgeblich Kardinal Robert Bellarmin formuliert hatte und der die Situation nach der Reformation berücksichtigte: Freiheit für die Wahrheit, Toleranz für den Irrtum! Auch konfessionellen Minderheiten in katholischen Territorien sollte demnach Duldung zugestanden werden.

„Écrasez l'infâme“ (Zerstöre die Berüchtigte!)
François Marie Arouet de Voltaire

Keine Frage, man wird auch aus christlicher Perspektive eingestehen müssen, dass diese Formel in Jahrhunderten, in denen konfessionelle Fundamentalismen auf allen Seiten oft vorherrschten, häufig unbeachtet geblieben ist. Aber als lehramtlicher Grundsatz behielt sie dennoch lange ihre Relevanz. Nicht zuletzt vor dem Hintergrund zahlloser stereotypischer Invektiven seitens vieler Aufklärer ist es eine Tragödie, dass diese Grundaussage in der Praxis nicht öfters die Basis für einen Modus vivendi der Konfessionen (gerade auf katholischer Seite) sorgte.

Da Voltaire wusste, dass Intoleranz schnell das religiöse Gewand wechseln kann, warf er allen drei Buchreligionen den Fehdehandschuh hin. Die Anklage ist schrill und nicht versöhnlich wie Gotthold E. Lessings berühmtes Drama „Nathan der Weise“. Die Tragödie „Der Fanatismus oder Mohammed“ beschreibt eine tickende Zeitbombe: Ein junger Muslim wird zum Mörder, weil er den Befehl Mohammeds befolgen will. Eine kürzlich edierte Neuausgabe dieses Textes ist mit zwei weiteren religionskritischen Essays versehen: Der eine nimmt sich die Bibel vor, der andere den Koran. Der Klerus merkte sofort, dass dieses Stück in erster Linie auf die christliche Religion abzielt. An dieser Wahrnehmung änderte auch Voltaires Widmungsbrief an den damaligen Papst Benedikt XIV. nichts. Voltaires Schlachtruf lässt sich an Eindeutigkeit kaum überbieten: „Écrasez l'infâme“ (Zerstöre die Berüchtigte!).

Geld und Ruhm hatte er schon zu Lebzeiten

Was Voltaire zu seiner Zeit nicht ahnen konnte: Einer der wichtigsten Gründe für die wachsende kulturelle Dominanz des Islam in Frankreich, die von prominenten Literaten (Houellebecq, Zemmour, Sansal und anderen) beschrieben wird, ist neben der verbreiteten Dekadenz die geistige Schwäche des Katholizismus, dessen Abstieg seit 1789, erst recht seit dem großen Schisma von 1903 ein Vakuum geschaffen hat, das die Erben Mohammeds problemlos füllen können. Die meisten Intellektuellen ignorieren diesen offensichtlichen Hintergrund der „Unterwerfung“ jedoch. Stattdessen setzt die Mehrzahl auf noch mehr Laizismus, der bis ins Lager der Bischöfe hinein Anhänger findet.

Voltaire (bürgerlicher Name: François-Marie Arouet), der von 1694 bis 1778 lebte, war ein vielfältiger Geist: Kritiker, Philosoph, allerdings eher in unsystematischer Art und Weise, Historiker, polyglotter Autor, Berufsprovokateur, Mittelpunkt gebildeter Gesellschaften, eifriger Briefeschreiber und noch einiges mehr. Ausreichend Geld und Ruhm hat er schon zu Lebzeiten besessen.

Wetterte gegen die Ordnung der Schöpfung

Der Anwaltssohn hat neben eher oberflächlichen Pamphleten auch tiefsinnige Abhandlungen veröffentlicht. Zu ihnen zählt das Buch „Candide oder der Optimismus“. Vorher schon verfasste er mit Blick auf das Erdbeben von Lissabon, das ganz Europa in Schrecken versetzt hatte, und seine Folgen ein schnell bedeutsam gewordenes Gedicht („Gedicht über die Katastrophe von Lissabon“). Die inhaltliche Breitseite richtete sich gegen Gottfried W. Leibniz und Alexander Pope. Denn Ersterer ging davon aus, dass die Welt die bestmögliche sei. Diese Sicht entspricht dem Gedanken von der prästabilisierten Harmonie.

Demnach sind alle Kräfte, die die Ordnung bestimmen, vom Schöpfer ausbalanciert. Letztlich dreht sich das Denken des viel apostrophierten „letzten Universalgelehrten“ darum, das tatsächlich vorhandene Leid auf Erden mit dem gütigen Gottes zu versöhnen. Doch gegen eine solche Theodizee konnte der geübte Spötter „Lissabon“ ins Feld führen. Auch Pope schien nunmehr mit seinem Insistieren auf der Weltharmonie von gestern. Sachliche Analysen sind bei Voltaire immer vermischt mit beißenden Anmerkungen. Immerhin gilt er bis heute als vielleicht wichtigster Protagonist der Anschauung des Theismus, die man in unserer Zeit als Deismus bezeichnet. Gott ist danach jener, der das „Uhrwerk“ Welt aufzieht oder aufziehen muss – es existierte damals im Prinzip keine andere Erklärung für den Anfang. Die Metapher des Uhrmachers lag im 18. Jahrhundert nahe, kann man doch überall eine Begeisterung für Uhren feststellen.

Nach diesem Schöpfungsakt jedoch sei keine Intervention Gottes mehr nötig. Alles läuft von allein. Wunder und Offenbarungen sind demnach Erfindungen des Menschen. Erst recht bedürfe es daher keiner Kirche, um gläubig zu sein. Obwohl der „Candide“ von der katholischen Kirche später auf den Index gekommen wurde, ist ein zentraler Gedanke heute noch bedeutsam: die Skepsis gegenüber Vorstellungen vom Paradies auf Erden, gegenüber Utopien und Heilslehren, die im letzten Jahrhundert hauptsächlich von Anhängern „politischer Religionen“ (Eric Voegelin) vertreten wurden.

Friedrich II. machte Voltaire zu einem „Großen“

Noch eine Seite Voltaires ist nicht zu vergessen: seine Korrespondenz mit König Friedrich II. von Preußen. Friedrich machte ihn zu einem „Großen“, obwohl das Verhältnis zwischen den beiden mürrischen Männern eher wechselhaft war. Mit Voltaire beginnt die Reihe einflussreicher, öffentlichkeitswirksamer Intellektueller, deren Tradition in Frankreich weiter über Zola, Sartre und Foucault bis Houellebecq reicht. In ihnen hat sich der Geist des streitbaren Eiferers immer wieder von Neuem inkarniert.

 

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