Istanbul/Standford

Ehrfurcht vor alten Klangwelten

Musikalische Reise in das Mittelalter: Ein Musikprojekt der Stanford University hat die einzigartige Akustik der Hagia Sophia in ein Computerprogramm übertragen.

Hagia Sophia
In der Hagia Sophia kann ein Klang elf Sekunden nachhallen. Diese einzigartige Akustik kann jetzt auch digital gehört werden. Foto: Adobe Stock

Musik erklingt nicht im luftleeren Raum. Tatsächlich ist ihre Wirkung so sehr wie kaum eine andere Kunst abhängig davon, in welchen Räumlichkeiten sie ertönt. Dies gilt natürlich besonders für geistliche Musik.

Professionelle Vokalensemble wie die Cappella Romana, die sich auf die Aufführung von Sakralmusik spezialisiert haben, musizieren deshalb gern in Kirchen. Im Zuge der historischen Aufführungspraxis, bei der es darum geht, die Kompositionen möglichst genau so zu präsentieren, wie sie zur Zeit ihrer Entstehung erklungen sind, steht dabei seit einiger Zeit auch der Gedanke im Fokus, dort zu singen und zu spielen, wo die jeweilige Musik wahrhaft zuhause ist. Zuvor erforschen die Musikerinnen und Musiker genau, wie die Gebäude beschaffen waren und erzielen dabei mitunter erstaunliche Ergebnisse. Die komplexe Musik etwa, die in der Kathedrale von Paris im 14. Jahrhunderts im Gottesdienst erklang, wurde im mit Teppichen behängten Chorraum aufgeführt, in einer weit weniger halligen Akustik, als Notre Dame sie vor dem großen Brand aufwies. Und das ist wichtig, denn in einem eher trockenen Klangraum klingen diese Kompositionen viel präziser und weniger dissonant als in einer großen Kirche.

Für die mittelalterlich-byzantinischen Gesänge, die die Cappella Romana unter der Leitung von Alexander Lingas jüngst präsentierte, gilt das Gegenteil. Sie wurden in der 537 erbauten Kathedrale Hagia Sophia vorgetragen, einem Raum, der über einen einzigartigen Raumklang verfügt. Elf Sekunden beträgt der Nachhall jedes gesungenen Tones und jedes gesprochenen Wortes. Diese enorme Akustik hängt nicht nur mit den gewaltigen Ausmaßen der Kathedrale zusammen, die für fast tausend Jahre die größte der Welt war, bis die Osmanen sie nach ihrem Sieg über das byzantinische Reich 1453 in eine Moschee verwandelten. Sie ist auch eine Folge der Oberflächenstruktur der Wände, deren Marmorverkleidung und Vergoldung dazu beiträgt, dass der Klang in diesem Raum länger zu hören ist als in vielen anderen. Die Folge dieser besonderen Klangraumsituation ist, dass sich aus einstimmigen Melodien mehrstimmige Klangspektren ergeben und auch mehrstimmige Musik durch das Weitertönen der bereits gesungenen Harmonien mehrschichtiger wahrgenommen werden kann als in einem Raum mit geringerer oder in Studioakustik. Ein faszinierendes Zusammenspiel, eins, das viele Musiker gerne nutzen würden, um diese historisch einmalige Musikerfahrung anderen zu vermitteln.

Die orthodoxe liturgische Musik ist nun überall hörbar

Was wäre, so überlegten Bissera Pentcheva, Professorin für Kunstgeschichte an der Standford University, und Jonathan Abel, Professor und Experte für Computermusik, wenn man diesen besonderen Klangraum im Computer nachbauen würde? Damit dies gelingen konnte, unternahmen beide mehrere Reisen in die ehemalige Kathedrale, die heute ein Museum ist und schafften es schließlich, das akustische Profil abzubilden. In einem weiteren Schritt kreierten sie einen digitalen Filter, den man auf jeden beliebigen Ton anwenden kann. Die Funktion dieses Filters ist der Hallfunktion vergleichbar, mit der man schon bei Rundfunkgottesdiensten in den 1990er Jahren eine staubtrockene Vorstadtkirche in einen kathedralen Klangraum verwandeln konnte. Der entscheidende Unterschied ist aber: Bei dem von Pentcheva und Abel konstruierten Filter hört man die Töne exakt so, als würden sie wirklich in der Hagia Sophia musiziert. Für Alexander Lingas und sein Ensemble eine faszinierende Möglichkeit. Denn nun können sie ihr Programm mit orthodoxer liturgischer Musik an jedem Ort der Welt so erklingen lassen, dass die Zuhörer sich akustisch in die Hagia Sophia versetzt fühlen: Eine Klangreise in die christliche Vergangenheit dieses bedeutenden Raumes. Das Ergebnis dieser fachübergreifenden Zusammenarbeit ist ein einzigartiges Album: „Lost Voices of Hagia Sophia“, auf dem die mittelalterlichen byzantinischen Gesänge zu hören sind. Lingas betont: „Dieses Album vereint Kunstgeschichte, Musikgeschichte, Performance und Technologie, um den mittelalterlichen sakralen Klang in der Kathedrale der Hagia Sophia als akustische, virtuelle Realität nachzubilden. Zuvor hatte das Ensemble Cappella Romana das Programm in der Stanford's Bing Concert Hall präsentiert.“

Wie bemerkenswert das Projekt „Lost Voices of Hagia Sophia“ ist, wird an der Rezeption des Konzeptes durch das „Pop-Up Magazine“ deutlich. Dieses Live-Magazin in den USA kreiert Shows, in denen einzigartige Multimedia-Geschichten in einer einmaligen Aufführung präsentiert werden. Egal, ob es sich dabei um ein von einem Schriftsteller, einem Radioproduzenten, einem Filmemacher oder eben vom Vokalensemble Cappella Romana vorgetragenen mittelalterlich-byzantinischen Gesang handelt: Alle Anwesenden wissen, dass sie hier etwas erleben, das noch nirgendwo anders erklungen ist. Mehr noch. Das „Pop-Up Magazine“ macht keine Aufzeichnungen für Podcasts oder spätere Sendungen und sieht auch keine Live-Übertragungen vor. In einem solchen Format, bei dem Reproduktion ausgeschlossen ist, werden die Zuhörer zur Offenheit verlockt. Denn sie wissen: Das, was sie in diesem Moment erleben, hängt in seiner Tiefe und Weite ganz von ihrer persönlichen Rezeptionsfähigkeit ab. Nur wenn sie ganz Ohr werden, wird der seinem Wesen nach flüchtige Klang in ihrer Seele Spuren hinterlassen.

Besser als in der Kirche Unterhaltungsmusik

Dass mittelalterliche Kirchenmusik in einem solchen, auf das einmalige Erlebnis setzenden Format gefragt ist, hängt nicht nur damit zusammen, dass durch den Einsatz des Filters und das Hörbarmachen der Akustik der Hagia Sophia ein Raum entstand, den die Autorin des US-Theatermagazins Playbill, Ruthie Fierberg, staunend als Ehrfurcht bezeichnet. Es ist ein Signal, dass klanggewordene, verinnerlichte Frömmigkeitsformen mehr überzeugen als in die Kirche transportierte Unterhaltungsmusik. Und es zeigt, welch wegweisende Möglichkeiten wir in unseren Gottesdiensten haben, wenn wir miteinander und füreinander unseren Glauben singen.

– Wer sich für die technischen Aspekte des Klangfilters interessiert, den die Professoren Pentcheva und Abel konstruiert haben, kann ihre Studie „Icons of Sound: Araulizing the Lost Voice of Hagia Sophia“ lesen unter www.journals.uchicago.edu

– Eine Klangdatei und ein Youtube Video aus dem Programm Lost Voices findet sich unter cappellaromana.org.

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