Rom

Die Macht des Papsttums legitimiert

Für den Glauben Raffaels gibt es deutliche Hinweise. Zum 500. Todestag des Malers.

„Vermählung Mariä“
Mit seinem Gemälde „Vermählung Mariä“ wies der junge Raffael auf seine eigene Beziehung zu Maria hin. Foto: Gemeinfrei/Q2030685 GND: 4483808-6

 Raffael  ist dem Himmel nah. Das ist das Bild, das Giorgio Vasari als Vater der Kunstgeschichte in seinen Viten berühmter Künstler zeichnet. Die Einführung zu Raffael liest sich wie der Prolog zur Geburt eines antiken Heros: „Bisweilen sendet der Himmel freigebig und liebreich einem einzigen Menschen den unendlichen Reichtum seiner Schätze, alle Anmut und seltene Gaben, die er sonst in langem Zeitraum unter viele zu verteilen pflegt. Das sieht man deutlich an dem ebenso herrlichen als anmutigen Raffael Sanzio von Urbino.“ Vasari ist es, der den Begriff des „Rinascimento“ einer ganzen Epoche aufdrückt, die im deutschsprachigen Raum über französische Umwege als Renaissance bekannt ist. Raffael ist einer ihrer bedeutendsten Vertreter, der aus einer höheren Sphäre ins Erdengeschehen tritt. Wenn das literarische Dreigestirn Italiens aus Dante, Boccaccio und Petrarca besteht, dann sind dies in der Malerei Leonardo, Michelangelo und Raffael. Dass Raffael an einem Karfreitag geboren wurde und an einem Karfreitag starb, galt als Beleg für ein vollkommenes Leben.

Vasari skizziert seinen Helden aber nicht nur als Meister, der mit seiner Kunst die Natur zu übertreffen droht: Er lobt Raffaels Tugenden, seine vornehme Natur, sein freundliches Auftreten. Leonardos Unzurechnungsfähigkeit und Michelangelos ruppige Introvertiertheit blieben dem allürenlosen Raffael fremd. Es ist nicht der einzige Unterschied zu den anderen beiden Giganten im neuzeitlichen Frühling Europas: Michelangelos 300 Sonette und Leonardos gewaltiger Schriftfundus überdauern als Zeugnis bis in die Gegenwart. Es sind private Aufzeichnungen, in denen sich ihr Charakter spiegelt. Die schriftlichen Hinterlassenschaften des mit 37 Jahren früh verstorbenen Meisters beschränken sich auf wenige Briefe und Sonette. Seine Zeitgenossen und Biographen rühmen seine Großherzigkeit, seine Demut, seine Wissbegierde, seine Anmut; aber aus seiner eigenen Hand besitzt die Nachwelt so gut wie nichts.

Ein Wiedergänger des heiligen Lukas?

Jahrhunderte der Bewunderung haben aus der kargen Quellenlage einen Raffael geformt, der ihnen entgegenkam. Lebensbeschreibungen – so auch die von Vasari – folgten dem italienischen Sprichwort: wenn es nicht wahr ist, so ist es doch gut erfunden. Das gilt auch für den Katholiken Raffael. Es reicht ein Blick in die deutsche Klassik und Romantik. Winckelmann erkannte 1755 in der Sixtinischen Madonna eine Seelenverwandtschaft Raffaels zur Antike, das hieß: mit der klassischen, vorchristlichen Welt. Die Madonna berührte die philhellenischen Gefühle der Deutschen und galt eher als griechische Göttin denn als Gottesmutter.

Die Romantik schlug ins andere Extrem: Wegen seiner Sittlichkeit galt Raffael nicht nur als größter Maler, sondern auch als christlichster, der seine Inspiration aus einer Marienvision bezog. Der unglückliche Phidias, der in der falschen Zeit lebte, wurde nunmehr als Wiedergänger des Heiligen Lukas dargestellt. Wilhelm Heinrich Wackenroder nährte die Legende von „Raffaels Erscheinung“ in den „Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders“ (1796), Franz und Joseph Riepenhausen malten diese in einem Gemälde aus. Friedrich Schlegel berichtet bereits 1799, was die Madonna bei den Protestanten anrichtete. Der Vorwurf: „Sie sind in Gefahr, katholisch zu werden.“ Die Gegenantwort: „Es ist keine Gefahr dabei, wenn Raffael der Priester ist.“ 1808 konvertiert der Pastorensohn Schlegel selbst zum Katholizismus.

Sein Leben war nicht makellos

Es gibt wenige Katholiken, die für ihre posthume Missionarsarbeit bekannt sind; zumindest in dieser Hinsicht ist Raffael bis heute einer der eifrigsten Christen. Sein eigenes Leben war jedoch nicht makellos. Wie zugetan der Maler dem weiblichen Geschlecht war, zeigt sich an der bisherigen Untätigkeit der LGBT-Lobby, ihm dieselben homoerotischen Anwandlungen zu unterstellen, wie sie es bei anderen Größen der italienischen Malerei tut. Raffael heiratete nie, sondern hielt sich eine Geliebte im Haus. Dem christlichen Ideal entsprach dies sicherlich nicht. Vasari weiß aber zumindest zu beschwichtigen, dass Raffael in seiner Christenpflicht seine Gefährtin vor dem eigenen Tod aus dem Haus schickte, damit sie ehrenhaft leben konnte. Am päpstlichen Hof kursierte das Gerücht, dass Leo X. den Künstler mit dem Kardinalshut belohnen wollte. Raffael zog demnach die übliche Lebensform des Mätressentums vor dem eigentlichen Kardinalat vor, um seine Aussichten auf ein höheres Amt nicht zu gefährden.

Was bleibt an Zeugnissen für den christlichen Glauben? Außer den Sterbesakramenten mag man meinen: nichts. Der Fundus von Madonnen, Heiligen und Legenden, die Raffael auf die Leinwand gebracht hat? Der Zeitgeist wendet ein: Ein Auftrag lässt keine Rückschlüsse auf den Künstler zu. Raffael steht heute eher als Neuplatoniker denn als gläubiger Christ im Kurs. Schließlich sagen auch die antiken Themen nichts Zwingendes über den Gott Raffaels aus. Doch sind Zweifel angebracht: Raffaels Auftraggeber waren keine rein weltlichen Fürsten, die sich verewigen wollten, sondern immerhin die Päpste Julius II. und Leo X. Die päpstlichen Stanzen sind nicht nur erbauliche Kunst, sondern haben ein beinhartes Programm, welche die Macht des Papsttums legitimieren soll. Jean-Blaise Fellay hat die raffaelischen Zyklen bereits als Vorwegnahme post-tridentischer, katholischer Erneuerung gedeutet. Raffael: ein Anti-Luther, der nicht mit Thesen, sondern mit Kunst Theologie betreibt.

Ein seelisches Verlöbnis mit Maria

Im Mittelpunkt dieser Interpretation steht eines der bekanntesten Gemälde Raffaels, das zugleich zu den Wendepunkten seines Schaffens gehört. Die „Vermählung Mariä“ – die Sposalizio – gilt als erstes Meisterwerk des damals 21-jährigen Künstlers. Sie bildet nicht nur die Geschichte aus dem apokryphen Jakobusevangelium ab, sondern auch Details aus seinem Leben. Der Künstler hat sich auf der rechten Seite verewigt und neigt den Kopf zur Seite. Einer der erfolglosen Werber bricht einen Stock entzwei. Die Fachwelt deutet dies als Hinweis auf den Künstler selbst, der mit seiner Heimat und seinem bisherigen Leben bricht. Zentral im Bild steht ein Rundtempel, dessen Türe sich über der Vermählungsszene öffnet. Der Jerusalemer Tempel mit offenem Tor in die Weite deutet auf das neue Jerusalem hin – nämlich auf Rom, in dem Raffael Karriere machen wird.

Dies ist aber nicht genug: Raffael meißelt seinen eigenen Namen in das Relief, über dem Tor und dem Ring, mit dem Maria sich vermählt. Die Kunstwelt hat die These aufgestellt, dass Raffael in diesem Bild seine Zukunft an die Gottesmutter bindet. Es ist ein seelisches Verlöbnis mit der Jungfrau, die von da an in seinem Schaffen einen besonderen Platz einnimmt. Raffael und die Madonna: mehr als nur Interpretation und Psychologisierung? Dass der „göttliche“ Raffael als letzte Ruhestätte das Pantheon erkor, wo früher „allen Göttern“ gehuldigt wurde, galt vielen als subtile Andeutung. Das war sie tatsächlich: Denn Raffael bestand nicht nur auf einer Marienkirche, sondern auch auf einer Marienstatue auf seinem Grab. Der Mann, der nie geheiratet hat, erfüllte sein Verlöbnis – auf Umwegen.

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