Die Königin überprüft die Weisheit

Mit dem Augustinerchorherrenstift verbunden: „Die Königin von Saba“ wird in Stift Klosterneuburg bei Wien aufgeführt Von Gudrun Trausmuth

Verduner Altar im Stift Klosterneuburg
Ein Detail aus dem wertvollsten Kunstbesitz des Stifts Klosterneuburg, in dessen Mitte die Königin von Saba zu sehen ist: der Verduner Altar, den 1181 Nikolaus von Verdun angefertigt hat.Stift Klosterneuburg Foto: Foto:

Seit 2. September ist die Ostwand des österreichischen Augustinerchorherrnstifts Klosterneuburg mit Bildern zur Inszenierung von Carl Goldmarks Oper „Die Königin von Saba“ beleuchtet, die ab 12. September in der Stiftskirche aufgeführt werden soll.

Eine „Friedensoper zum Nahostkonflikt“

Das Pianopianissimo Musiktheater und die Donauphilharmonie unter Manfred Müssauer kündigen eine Neuinterpretation der 1875 an der Wiener Hofoper aufgeführten „Königin von Saba“ als „Friedensoper zum Nahostkonflikt“ an. Die Titelrolle gibt die gebürtige Russin Nadja Korovina, weitere Solisten sind Hans-Georg Priese als Assad, Axel Wolloscheck als Salomo und Rebecca Broberg als Sulamith. Der Hamburger Komponist Steven Tanoto hat die Partitur entsprechend den räumlichen Möglichkeiten der Stiftskirche Klosterneuburg neu arrangiert; die prachtvolle Kirche stellt die ideale Kulisse für die Handlung dar, welche überwiegend im Palast oder dem Tempel von König Salomo spielt. Zusätzlich arbeitet die Inszenierung mit Video-Projektionen von Robert Pflanz, welche die Neuinterpretation von Goldmarks Werk als „Friedensoper zum Nahostkonflikt“ unterstreichen soll.

„Die Königin von Saba“, Carl Goldmarks Meisterwerk, wurde übrigens seit 15. Dezember 1937 in Wien nicht mehr szenisch aufgeführt; bis zum Nationalsozialismus war sie hingegen eine der am häufigsten gespielten Opern an der Wiener Hofoper. – Angesichts dessen mag man rätseln, ob das der älteren Generation vertraute Diktum „Sie führt sich auf wie die Königin von Saba“ mit der Popularität von Goldmarks Oper zusammenhängt oder aber doch auf die entsprechende biblische Gestalt rekurriert.

Das Libretto der Oper stammt von Salomon Hermann von Mosenthal und basiert in seiner Grundstruktur auf dem 1. Buch der Könige (Kapitel 10). In der Bibel allerdings ist die sagenhafte Königin eine positive Gestalt: Ziel ihres Besuchs ist die Überprüfung der Weisheit und der Macht von König Salomo. Als sie sich mit eigenen Augen davon überzeugt hat, dass der Ruf, der Salomo voraneilt, gerechtfertigt ist, rühmt sie ihn aufs Höchste, die beiden beschenken einander reich und die Königin kehrt in ihr Land zurück.

In Mosenthals Libretto der vieraktigen Oper wird der Besuch der Königin von einer Liebesgeschichte dominiert: Die Staatsgeschäfte werden verzögert, denn die charismatisch-dämonische Königin verführt Assad, den Botschafter, den Salomo zu ihrem Empfang an die Staatsgrenze geschickt hatte. Dieser aber soll Sulamith, die Tochter des Hohepriesters heiraten. Mehrfach verleumdet die Königin von Saba Assad, bis dieser schließlich in Raserei den Tempel schändet. Salomo hebt das Todesurteil gegen Assad auf Bitten Sulamiths auf, und schickt ihn in die Wüste. Dort begegnet Assad noch einmal der Königin, erkennt nun aber ihr wahres Gesicht; schließlich stirbt er in den Armen seiner Verlobten Sulamith.

Nach Peter P. Pachl, Direktor des Musiktheaters Pianopianissimo, hat Goldmarks Oper Wurzeln in der Kabbala, welche die Königin von Saba mit Lilith identifiziert. Diese sei – nach rabbinischer Bibelexegese – Adams erste Frau gewesen, welche sich in eine Dämonin verwandelt habe, und später als Schlange die Ureltern verführt habe. Laut Pachl betrachte C.G. Jung Lilith und Sulamith als die beiden Archetypen des Weiblichen – womit Goldmarks Oper jenseits der gewiss mitzudenkenden Orientalismus-Begeisterung des 19. Jahrhunderts eine interessante Ebene eröffnet. Man darf gespannt sein, ob die in der Klosterneuburger Neuaufnahme beabsichtigte Interpretation als Friedensoper zum Nahostkonflikt der Goldmark-Oper eine weitere Tiefenschicht beibringen kann – und damit zusammenhängend – wie sich die Mehrdimensionalität von Bühnengeschehen und Videoinszenierung bewährt.

Übrigens wurde „Die Königin von Saba“ früher recht ambivalent aufgenommen: Vom Publikum umjubelt, verfuhr die Fachkritik teils sehr ungnädig mit der Oper. Dagegengehalten sei allerdings, dass niemand Geringerer als der Schriftsteller Karl Kraus von Carl Goldmark behauptete, nach Richard Wagner der größte Musikdramatiker zu sein!

Zu guter Letzt ein Detail, das die Wahl des Aufführungsortes zusätzlich motiviert: Zwischen der „Königin von Saba“ und Klosterneuburg gibt es einen Berührungspunkt, welcher mit dem wertvollsten Kunstbesitz des Stiftes zusammenhängt, dem 1181 von Meister Nikolaus von Verdun vollendeten „Verduner Altar“. Ursprünglich als Verzierung der Kanzelbrüstung in der Stiftskirche gedacht, wurde das Werk nach einem Brand zu einem Flügelaltar umgearbeitet und befindet sich heute in der Leopoldskapelle. Auf diesem Verduner Altar nun ist tatsächlich die Königin von Saba dargestellt – und zum allerersten Mal überhaupt mit dunkler Hautfarbe.

„Die Königin von Saba“; Premiere 12. September, Stift Klosterneuburg bei Wien.

queen-of-saba.at